Juan Pablo Montoya beschleunigt im Bugatti Chiron auf Tempo 400 und bremst sofort wieder bis zum Stillstand zurück. Nach 41,96 Sekunden steht der 1.500 PS starke Sportwagen wieder. Braucht kein Mensch, ist aber trotzdem ziemlich faszinierend.

Denn die Kraft der Beschleunigung sorgt seit den Anfangstagen der Mobilität für Faszination. Bereits die alten Römer begeisterten sich an Wagenrennen. Doch wo Faszination ist, da gibt es immer auch Bedenken. Als mit der Dampfmaschine die ersten selbstfahrenden Gefährte entstanden, stritten Mediziner bald darüber, wie viel Tempo der Mensch erträgt.

Rekorde sorgen für Aufmerksamkeit

Die Diskussionen hielten an, als das Auto entstand. Schon 1899 fuhr Camille Jenatzy ohne gesundheitliche Probleme mehr als 100 Kilometer schnell. Mit einem Elektroauto übrigens, denn das war damals die fürs Schnellfahren bevorzugte Technik. Jenatzy starb fast 1 ½ Jahrzehnte später an den Folgen eines Jagdunfalls. Da fuhren die ersten Autos schon doppelt so schnell.

Denn schon 1906 lies Fred Marriott die Marke von 200 km/h hinter sich. Der Cheftechniker der Stanley Motor Carriage Company steuerte bei seiner Rekordfahrt übrigens einen Dampfwagen. Denn erst 1911 brach bei der Jagd nach Geschwindigkeit das Zeitalter der Otto-Motoren an. Bob Burman holte mit dem Blitzen-Benz und einem Tempo von 228 km/h den Rekord erstmals nach Deutschland.

In den 1920er-Jahren experimentierte Fritz von Opel mit seinen Raketenfahrzeugen und hielt sogar den Weltrekord. Doch schon Anfang der 1930er-Jahre holen „konventionelle“ Verbrenner sich die Krone wieder zurück. Die deutschen Autobauer Mercedes-Benz und Auto Union liefern sich auf den neuen Autobahnen ein unbarmherziges Duell. Wohl auch, weil sie wissen, dass die Rekorde für Aufmerksamkeit sorgen.

Mercedes und Auto Union treiben das Ganze auf die Spitze

Im Januar 1938 ist Rudolf Caracciola im Mercedes 432,7 km/h schnell. Auto Union Pilot Bernd Rosemeyer bezahlt den Versuch, am gleichen Tag noch schneller zu fahren, mit dem Leben. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg schrauben Abenteurer die Marke höher. Trotzdem ist auch die Fahrt von Caracciola bis heute eine Bestmarke. Denn schneller als der Rennfahrer aus Remagen wurde bisher niemand auf öffentlichen Straßen gemessen!

Heute finden Rekordfahrten aus gutem Grund auf abgesperrten Strecken statt. Trotzdem gibt es inzwischen Serienfahrzeuge, die fast so schnell sind, wie der Mercedes W 125 von Caracciola schon 1938 war. Wobei das mit der Serie immer so eine Sache ist. Denn ich tue mich schwer, einen umgebauten Lotus Exige als Hennessey Venom GT und Seriensportwagen zu verstehen.

Der kleine Club der 400er!

Auch der Dortmunder Porsche-Tuner 9ff nutzt eine Basis, die von einem anderen Hersteller stammt. So bleibt für mich der Club der 400er Herstellern wie Koenigsegg oder der VW-Tochter Bugatti vorbehalten. Denn anders als der angekündigte Dagger GT sind ihre Sportwagen tatsächlich auf dem Markt. 2010 eroberte der Bugatti Veyron 16.4 Super Sport die Spitzenstellung als schnellstes Auto mit Straßenzulassung.

Auf der VW-Teststrecke in Ehra-Lessien war der Veyron 431,1 Kilometer pro Stunde schnell. 2014 verlor Bugatti den Rekord an den 435,31 km/h schnellen Hennessey. Doch das Empire wird zurückschlagen. Denn 2018 will sich Volkswagen mit dem Bugatti Chiron den Rekord zurückholen. Bereits in diesem Sommer startete Bugatti den Vorlauf für die Rekordfahrt.

Bugatti Chiron: 0-400-0 in 41,96 Sekunden

Der erste Schritt war ein Versuch, den Chiron aus dem Stand voll auf 400 km/h zu beschleunigen und nach dem Erreichen dieser Marke sofort wieder auf null zu bremsen. 3.112 Meter Strecke und unfassbare kurze 41,96 Sekunden benötigte Juan Pablo Montoya im August für diesen Versuch. Den Chiron, den der kolumbianische Rennfahrer dabei bewegte, stellt Bugatti zurzeit auf der IAA in Frankfurt aus.

Montoya benötigt mit dem 1.500 PS starken Allradsportler ganze 32,6 Sekunden oder 2.621 Meter, um Tempo 400 zu erreichen. Dann wirft der zweifache Gewinner des Indianapolis 500 den Anker. Neben den Carbon-Keramik-Bremsscheiben (Durchmesser 420 mm vorn, 400 mm hinten) bremst auch der 1,50 Meter breite Heckflügel das Geschoß ab. Der Flügel fährt auf einen Anstellwinkel von 49 Grad aus.

Nach unglaublichen 9,3 Sekunden und 491 Metern kommt der Chiron zum Stehen. Bei der Vollbremsung wirken Kräfte von etwa 2 g auf Fahrzeug und Fahrer. Das entspricht etwa den Kräften, die auch beim Start des Space Shuttle entstehen. Der aufgestellte Heckflügel sorgt für zusätzliche 900 Kilogramm Anpressdruck an der Hinterachse. Das entspricht ungefähr dem Gewicht eines VW Golf der zweiten Generation.

Juan Pablo Montoya will den Rekord

Juan Pablo Montoya testete Ende August zwei Tage für Bugatti in Ehra-Lessien. 17-mal beschleunigte Montoya den Bugatti Chiron auf mindesten 400 km/h. Im „Bestfall“ sogar bis zu einer Marke von 420 km/h. Damit stellte der Kolumbianer auch einen persönlichen Geschwindigkeitsrekord auf. Denn selbst in seinem IndyCar-Rennwagen war Montoya bisher „nur“ 407 km/h schnell.

Erstaunlich, dass der Kolumbianer bei seinen Testfahrten für Bugatti auf die übliche Schutzbekleidung eines Rennfahrers verzichtete. Montoya fuhr im Hemd und ohne Helm. Und bewarb sich am Ende der Testfahrten für die geplanten Rekordfahrten: „Ich hoffe, dass mir Bugatti eine Einladung zur Geschwindigkeitsweltrekordfahrt mit dem Chiron schickt. Den Termin halte ich mir auf jeden Fall in meinem Kalender frei“

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