Rennsport-Geschichten

100 Jahre Rallye Monte Carlo – Teil 2: Von der Zuverlässigkeitsfahrt zur modernen Rallye

In den Gründerjahren war die „Rallye Monte Carlo“ eine Mischung aus Zuverlässigkeitsfahrt und „Concours d’Elegance“. In zahlreichen kleinen Schritten entwickelte sich die „Rallye“ zu der Veranstaltungsform, die wir heute kennen.

Die zahlreichen subjektiven Wertungskriterien sorgten in den Anfangsjahren der Rallye 1911 und 1912 für einigen Unmut. Angesichts der zum Teil heftigen Diskussionen fürchteten die Verantwortlichen des „Sport Automobile Velocipedique Monegasque“ sogar um den guten Ruf Monte Carlos. Daher verzichtete man ab 1913 auf die Durchführung der „Rallye Monte Carlo“. Erst 1924 wagte der „Sport Automobile Velocipedique Monegasque“ einen Neuanfang und rief die Autowelt erneut an die Côte d’Azur.

Der Neustart 1924

Doch auch das von Anthony Noghes, dem 1890 geborenen Sohn des Präsidenten des „Sport Automobile Velocipedique Monegasque“ Alexandre Noghes, überarbeitete Reglement stellte noch nicht ausschließlich sportliche Kriterien in den Mittelpunkt. Anthony Noghes strich bei der Neuauflage zwar die Bewertung des Komforts oder der Eleganz des Wagens aus dem Wertungskatalog, vergab jedoch weiter Punkte für die bei der Anreise zurückgelegte Strecke und die Anzahl der Passagiere.

Als sportliches Element führte Anthony Noghes eine Zusatzschleife durch die Seealpen ein. Die Gleichmäßigkeitsprüfung führte die Teilnehmer erstmals über den 1.002 Meter hoch gelegenen Col de Braus. Beim Neubeginn siegte der Franzose Jacques Edouard Ledure, der gemeinsam mit seiner Ehefrau auf einem Bignan Sport 11 CV an der Rallye teilnahm.

In den folgenden Jahren blieb die „Rallye Monte Carlo“ trotz der neuen Gleichmäßigkeitsprüfung im Prinzip eine Kaffeefahrt. Einmal durften sogar Motorräder an der Rallye teilnehmen. Doch im Prinzip gewann, wer die weiteste Anreise in Kauf nahm und dabei möglichst viele Passagiere transportieren konnte. 1927 geht der Sieg an fünf Männer, die mit ihrem Amilcar von Königsberg auf die Reise gingen.

Aus dem „Sport Automobile Velocipedique Monegasque“ wird 1925 der „Automobile Club de Monaco“ (ACM) und dessen Präsident Anthony Noghes etabliert 1929 zunächst den Grand Prix von Monaco. Ein Jahr erweitert Noghes das Bewertungssystem der Rallye um geheime Zeitkontrollen – zunächst nur in Frankreich. Mit diesem Schritt wird die Gleichmäßigkeitsprüfung langsam auf die gesamte Anreise ausgedehnt.

Wer an einem der geheimen Posten den richtigen Zeitpunkt verpasst, kassiert nun pro Sekunde Abweichung 0,05 Punkte. Dieses System macht die Geschichte nicht durchsichtiger. Es verzögert, in einer Welt ohne E-Mail und Satellitenverbindungen, die Auswertung der Ergebnisse zusätzlich – zumal das System der Zeitkontrollen eigentlich nie zufriedenstellend funktionieren sollte.

Erfinder der „Super Special Stage“

1931 führt man eine Beschleunigungs- und Bremsprüfung auf dem „Quai Alber 1er“ im Herzen Monacos ein. Damit holen die Verantwortlichen des ACM die Rallye in die Stadt. 1935 baut man diese Schlussprüfung zu einem Geschicklichkeitsparcours um. Prompt fliegt der Brite Grant Ferris mit seinem Bentley in eine Zuschauertribüne. Der Vorfall geht zum Glück glimpflich aus.

Ab 1936 wird die Rallye sportlicher: der ACM erhöht die auf der Anreise geforderten Durchschnittsgeschwindigkeiten. Die Rallye wird dadurch quasi zu einem Straßenrennen. Die Teilnehmer reagieren und treten zunehmend mit leichten Spezialfahrzeuge zur „Rallye Monte Carlo“ an. In der Folge kommt es auf dem Weg nach Monaco immer wieder zu Unfällen.

Der ACM reagiert, indem ab 1938 nur noch Serienfahrzeuge an der „Rallye Monte Carlo“ teilnehmen dürfen. Die Gleichmäßigkeitsprüfung beginnt zudem erst auf der neuen Schlussetappe. Diese führt die Teilnehmer von Grenoble über Gap, Sistéron, Castellane und Nizza nach Monaco. Auf dem Weg werden mit dem Col de la Croix-Haute (1.179 m), dem Col des Lèques (1.148 m) und dem Col du Pilon (780 m) drei Pässe der Seealpen überquert.

Die Rallye folgt dabei im Wesentlichen der Route Napoléon. Nebenbei hat sie eine neue Heimat gefunden. Denn auf den verschneiten und vereisten Straßen der Seealpen sollen sich – insbesondere in den 1950er und 1960er – in Zukunft zahlreiche Dramen abspielen, die bis heute mit dem Mythos „Rallye Monte Carlo“ untrennbar verbunden sind.

Die Ausgabe 1939 setzt einen vorläufigen Schlusspunkt. Ab September überziehen die Nazis Europa mit einem Krieg, der mit einer ganz anderen Sternfahrt der Alliierten nach Berlin endet. Auch in den ersten Nachkriegsjahren gibt es wichtigeres als eine Rallye durch ganz Europa.

Jetzt wird es langsam sportlicher

Anfang 1949 fühlt man sich wieder gewappnet und ruft erneut nach Monte Carlo. Mehr als 200 Teilnehmer folgen dem Ruf. Sie nehmen an einer
Veranstaltung teil, deren kompliziertes Punktsystem – zumal ohne sportlichen Wert – das Ergebnis aus heutiger Sicht zweitrangig erscheinen lässt.
Die Sieger von 1939, Jean Trévoux und Marcel Lesurque gewinnen auch bei der Neuauflage.

1951 gibt es erstmals eine Gleichmäßigkeitsprüfung auf dem Grand Prix Kurs. Zugelassen sind die 50 besten Teilnehmer, die sich zuvor auf der traditionellen Beschleunigungs- und Bremsprüfung qualifizieren müssen. Das neue Konzept überzeugt. Immer häufiger geben in dieser Zeit bekannte Motorsportler eine Nennung für die „Rallye Monte Carlo“ ab. In den Startlisten finden sich Namen wie Rudolf Caracciola, Pierre Levegh oder Stirling Moss. Sie lockt der sportliche  Wettbewerb und die Herausforderung der Alpen-Etappen.

Was meinen Sie dazu?

Mit dem Absenden des Kommentars übermittelten Sie uns Ihren Namen, Ihre E-Mail-Adresse, Ihre IP-Adresse, Ihre URL (sofern angegeben) und Ihren Kommentartext. Gleichzeitig stimmen Sie ausdrücklich der Speicherung und der Veröffentlichung des Kommentars zu. Die Veröffentlichung erfolgt ohne E-Mail- und IP-Adresse. Diese Daten dienen dem Schutz vor Missbrauch der Kommentarfunktion (SPAM) und werden anschließend automatisch gelöscht. Wir behalten uns vor, Kommentare ohne Angabe von Gründen nicht zu veröffentlichen oder die Links zu entfernen. Ein Anspruch auf Veröffentlichung des Kommentars besteht nicht.