Heute vor 90 Jahren gewinnen Rudolf Caracciola und Christian Werner im Mercedes-Benz SS („Super-Sport“) den III. Großen Preis von Deutschland auf dem Nürburgring. In dem kommenden Jahren gilt der „Super-Sport“ als Sportwagen der Reichen und Schönen, die es auch in der Zeit der Weltwirtschaftskrise gibt. Denn mit einem Preis von mehr als 40.000 Reichsmark kostet der Sportwagen zehnmal so viel wie die Limousinen des Hauses.

Im Juli 1928 ist es in Deutschland ähnlich heiß wie in diesen Tagen. Die Motorsportfreunde fiebern daneben dem für Sportwagen ausgeschriebenen Große Preis von Deutschland entgegen. Das Rennen gilt auf dem im Vorjahr eröffneten Nürburgring als eines der wichtigsten internationalen Rennereignisse des Jahres. Mercedes-Benz hat gleich sechs Rennwagen des neuen Typs „Super-Sport“ im Gepäck. Die Weiterentwicklung des Typ S („Sport“) verfügt über einen 160 PS kräftigen 7,1-Liter-Sechszylinder-Motor. Gegenüber dem Motor des Typ S haben die Mercedes-Benz Ingenieure die Bohrung um zwei Millimeter vergrößert.

Mit dem Zuschalten des Kompressors (Roots-Gebläse) steigt die Leistung kurzfristig auf 200 PS. Doch nicht nur der Zuschaltbaren Kompressor ist eine technische Finesse der späten 1920er-Jahre. Auch der Rumpfmotor ist Hightech. Die obenliegende Nockenwelle des Motors treibt eine Königswelle an. Die sechs Zylinder verfügen über eine Doppelzündung mit je zwei Zündkerzen. Wie schon beim Vorgänger bietet Mercedes-Benz auch den SS zunächst nur als Sport-Viersitzer an. Erst später ergänzen der Spezial-Viersitzer (1929) sowie das Spezial-Cabriolet und der Roadster (1932) das Programm.

Sonnenschlacht in der Eifel

Am Tag des Rennens um den Große Preis von Deutschland für Sportwagen brennt die Sonne vom Himmel. Der Sommer 1918 ist extrem heiß. „Das Thermometer klettert auf 35 Grad im Schatten“, beschreibt Rennleiter Neubauer später die Bedingungen. Caracciola hatte Respekt vor seinem neuen Einsatzgerät. Im Rückblick beschreibt der Rennfahrer aus Remagen den großen, massiven Mercedes-Benz SS als den größten und schwersten Rennwagen der damaligen Zeit. Bildreich sagt Caracciola einmal „Leicht zu fahren war diese deutsche Eiche von einem Auto nicht.“

Boxenszene beim Großen Preis von Deutschland 1928
Boxenszene beim Großen Preis von Deutschland 1928 – Mercedes-Benz Rennfahrer Rudolf Caracciolo leidet unter der großen Hitze und muss stoppen – Foto: Mercedes-Benz

Insgesamt stellen sich 1928 satte 41 Sportwagen verschiedener Marken der Herausforderung des Rennens. Das Rennen ist 509 Kilometer lang. 18 Runden auf der 28,27 Kilometer langen Kombination aus Süd- und Nordschleife des Nürburgrings sind angesetzt. Mercedes-Benz geht mit gleich sechs Fahrzeugen des Typs SS an den Start. Jeweils ein Mechaniker begleitet die Rennfahrer als Kopilot. Die hintere Sitzbank des Viersitzers verschließt eine Abdeckung. Starfahrer von Mercedes-Benz ist Rudolf Caracciola, der die Eifelstrecke gut kennt. Denn Caracciola gewann im Vorjahr bereits das Eröffnungsrennen des Nürburgrings für Mercedes.

Auch ein Jahr später bestimmt der 27-Jährige Caracciola das Tempo. In Runde fünf fährt Caracciola absoluten Rundenrekord. Die Durchschnittsgeschwindigkeit dieser Runde liegt bei 111,6 Kilometern pro Stunde. Heute wissen wir, was auf der Strecke möglich ist. Damals war das der absolute Maßstab. Rennleiter Neubauer staunt noch Jahrzehnte später in seinen Memoiren „Bauklötze“ über die Runde, die Caracciola 1928 in der Eifel dreht.

Das Wetter fordert seinen Tribut

Doch in Runde zwölf endet die Fahrt. Caracciola muss mit Brandblasen an den Fußsohlen von den überhitzten Pedalen und Verdacht auf Sonnenstich aufgeben. Caracciola, auch ein Meister des Wortes beschreibt das strapaziöse Rennen eindringlich: „Tropische Sonnenglut, geblendet, von der Hitze gebraten, durstig, schlapp – dazu das ungeheure Gewicht des Wagens, das in jeder Runde durch 180 Kurven gezwungen werden musste.“ Trotzdem hat Caracciola den Rennwagen an die Boxen zurückgebracht. Dort übernimmt Teamkollege Christian Werner den Rennwagen.

Die Sieger des Rennens: Rudolf Caracciola (rechts) und Christian Werner. Sie waren abwechselnd mit dem Mercedes-Benz Typ SS Rennsport-Tourenwagen unterwegs. (Foto: Mercedes-Benz)

Werner musste seinen eigenen Mercedes-Benz SS bereits nach neun Runden nach einem Unfall abstellen. Trotz einer dabei lädierten Schulter setzt Werner später die Fahrt in SS von Caracciola fort. Weil Werner angeschlagen ist, stoppt er erneut, um das Fahrzeug noch einmal für zwei Runden in die Hände von Caracciola zu geben. Doch die Füsse schmerzen, noch einmal tauschen Caracciola und Werner den Platz am Lenkrad des Rennwagens.

In der letzten Runde holt Christian Werner sogar die Führung zurück. Denn Teamkollege Otto Merz erleidet einen Reifendefekt. Trotzdem wird der Alleinfahrer Merz Zweiter. Den dritten Platz erringt Willy Walb, der den zwischenzeitlich reparierten Wagen von Christian Werner übernimmt. Insgesamt fallen 31 von 41 der an diesem Tag gestarteten Fahrzeugen aus. Um so beeindruckender ist der Dreifachsieg des Mercedes-Benz SS bei seiner offiziellen Rennpremiere.

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