Zeit ist endlich. Gerade als Auto-Blogger, der sein Blog in der Freizeit pflegt, kann ich ein Lied davon singen. Die Verlockung ist groß, einfach ein paar Pressemitteilungen zusammenzuwerfen, um Inhalt zu publizieren. Insbesondere, wenn das eigene Blog wie AutoNatives.de als Nachrichtenquelle bei Google-News geführt wird. Agenda-Surfing funktioniert nämlich sehr gut. Das richtige Thema zum richtigen Zeitpunkt aufgegriffen sorgt im Extremfall plötzlich für mehrere Tausend zusätzliche Besucher am Tag.

Weniger ist mehr – beim Bloggen genauso wie beim Autobau

Doch ich bin – mit Verlaub, das unterscheidet mich von anderen sog. „Auto-Bloggern“ – mit etwas Restanspruch unterwegs. Mein Auto-Blog ist keine Wiedergabestation für Pressemitteilungen. Wenn ich etwas in der Ankündigung eines Herstellers für erklärungsbedürftig halte, muss ich mir Zeit für eine Erklärung nehmen. Auch wenn der Artikel dann etwas warten muss und ich vielleicht Besucher „verliere“.

Andere, und das ist nicht nur eine merkwürdige Haltung von Bloggern, sind da weniger zimperlich. Viel zu oft werden gleich ganze Pressemittlungen unverändert übernommen oder das Marketing-Deutsch der Hersteller landet in den „eigenen“ Artikeln. Was ich damit meine, das kann man in diesen Tagen sehr schön bei den Meldungen zum Abarth 695 biposto nachvollziehen. Denn, wer sich wie ich für sportliche Kleinwagen interessiert, kommt im Moment an dieser Zeit-Verkürzungs-Maschine einfach nicht vorbei.

Unter dem Label Abarth hat Fiat damit einen echten Rennwagen mit Straßenzulassung auf die Räder gestellt. Sicherlich, das behaupten einige. Doch bei dem Träger eines traditionsreichen Namens geht Fiat definitiv weiter als andere. Fünfzig Jahre nach der Premiere des Abarth 695, der auf der Basis des Fiat 500 insbesondere als 695 SS und 695 SS Corsa am Berg und auf der Rundstrecke für Furore sorgte, zeigt Fiat – wirklich eindrucksvoll – ein Auto, das 100% dem Geist von Carlo Abarth entspricht.

Innenraum des Abarth 695 biposto
Innenraum des Abarth 695 biposto – Foto: Fiat

Der „King of small cars“ baute in den 1960er-Jahren Brot- und Butter-Fahrzeuge zu aufregenden Rennwagen um. Sportfahrer kauften die Fahrzeuge, um mit ihnen am Wochenende Rennen zu fahren. Carlo Abarth lebte nicht schlecht davon, dass andere ihren Abarth nur kauften, weil sie so von Montag bis Freitag den Eindruck erwecken konnten, den Rest der Woche ein verwegener Rennfahrer zu sein. In die Gegenwart übertragen sorgt die Fortführung der Abarth-Idee jetzt für einen Zweisitzer – daher „biposto“ – auf Basis des aktuellen Fiat 500.

997 kg Fahrzeuggewicht und 190 PS – klingt nach Carlo Abarth

Mit einem Fahrzeuggewicht von 997 kg bleibt Fiat unter der Marke von einer Tonne. Wann haben wir bei einem aktuellen Auto das letzte Mal eine dreistellige Zahl in einem Datenblatt gelesen? Ich bin sicher, dass das Carlo Abarth gefallen hätte. Genauso so wie die 190 PS, die der 1,4 Liter große Fiat-Motor im Abarth 695 biposto zur Verfügung stellt. Dass dieser Motor nebenbei die Rennwagen der Formel 4 – was unsere Leser natürlich längst erkannt haben – antreibt, hätte dem Meister sicher auch begeistert.

Abarth 695 biposto
Abarth 695 biposto auf dem Fiat-Stand in Genf – Foto: Fabian Meßner, autophorie.de

Zur Vorgehensweise von Carlo Abarth gehörte es immer, die Serienkomponenten von Fiat durch Rennsportteile zu ersetzen. Beim aktuellen Abarth 695 biposto ist das natürlich auch der Fall. Der biposto rollt auf 18-Zoll großen Leichtmetallrädern von OZ und verfügt über ein einstellbares Fahrwerk. Die Vier-Kolben-Bremsanlage stammt von Brembo. Der aus Titan gefertigte Überrollbügel ist von Poggipolini und die Vierpunktsicherheitsgurte von Sabelt. Bei den Seitenscheiben kommt Polycarbonat zum Einsatz.

Auspuffanlage vom „Skorpion in Scorpion“

Alle Lieferanten haben von der Formel 1 über die WEC oder die WTCC bis zur Rallye-WM ihre Fähigkeiten mehrfach unter Beweis gestellt und sind über jeden Zweifel erhaben. Möglicherweise wäre auch Carlo Abarth heute ihr Kunde geworden, wenn er dieses Auto gebaut hätte. Nur die Auspuffanlage wäre zu seiner Zeit sicherlich im eigenen Haus entstanden. Schließlich gilt Carlo Abarth als Erfinder der Sportauspuffanlage, belieferte zeitweilig auch die Werksteams von Ferrari und Porsche mit seinen Auspuffanlagen.

Wer heute eine Auspuffanlage sucht, die dem Geist von Carlo Abarth nahekommt, landet schnell bei Akrapovic. Das Unternehmen wurde 1990 vom slowenischen Rennfahrer Igor Akrapovič unter dem Namen „Skorpion in Scorpion“ gegründet. Akrapovič bezog sich schon bei der Namenswahl auf das Wappentier von Carlo Abarth und baut heute Anlagen, wie sie sicherlich auch ein noch aktiver Carlo Abarth anbieten würde. Zum Einsatz kommt eine doppelstufige Abgasanlage mit Titanauspuffendrohren. Das kommt dem Klang und der Leistung zugute.

Und was ist bitte ein Dog-Ring-Getriebe?

Wenn Sie bereits in den vergangenen Tagen etwas über den Abarth 695 biposto gelesen haben, fanden Sie dazu meistens nur den Text aus der Pressemitteilung. Denn Fiat schreibt in der Meldung „… ist das erste Straßenauto der Welt, das mit Dog-Ring-Getriebe in Kombination mit H-Schaltung ausgestattet ist …“. Es ist erstaunlich, wie viele Journalisten und Blogger dieser Formulierung unkommentiert übernommen haben. Dabei ist es gar nicht schwer, das „Geheimnis“ aufzulösen.

Rennsport-Freunde kennen die sog. „Dog box“ als unsychronisiertes Klauengetriebe, das es ermöglicht, Gänge ohne Kupplung zu wechseln. Im hektischen Alltag auf der Rennstrecke sorgt das für Zeitvorteile. Das geht, weil die Gangräder gerade verzahnt sind und die Schaltklauen dafür ausgelegt sind, das Drehmoment aufzunehmen. Dazu ist erforderlich, dass die Schaltklauen massiver als üblich ausgelegt sind.

Ihre Form, die (entfernt) an einen Hundeknochen erinnert, sorgt nebenbei für den Namen dieser Getriebe, das im Abarth 695 biposto vom Spezialisten Bacci Romano stammt und ebenfalls in der Formel 4 zum Einsatz kommt. Eine „Dog box“ ist übrigens am einfachsten (und materialschonendsten) unter Volllast zu schalten. Auch das dokumentiert, warum der Abarth 695 biposto tatsächlich ein Rennwagen für die Straße und somit eine großartige Verneigung vor Carlo Abarth ist.

2 Kommentare

  1. erdnussflip Reply

    Netter Artikel.

    Wie alltagstauglich ist die DogBox? Besitzt so eine Kupplung noch ein Kupplungspedal ?

    • Tom Schwede Reply

      Nettes Auto! Immer unter Volllast schalten, das ist im Alltag auf Dauer zeitlich anstrengend. Gerade verzahnt ist immer etwas lauter. Das muss man also mögen. Die Kupplung benötigst Du zum Anfahren, die ist also schon noch da.

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