Alfa Romeo war schon immer ein mutiges Unternehmen. Nach einer Pause von gut fünf Jahren kehrt die Marke jetzt in die Mittelklasse zurück. Als Nachfolger des bis 2011 produzierten Alfa Romeo 159 gibt es bei Alfa eine neue Alfa Romeo Giulia. Ein hübsches Auto, das einen Trend umkehrt und ein würdiger Träger seines Namens ist.

In den letzten zehn Jahren schrumpfte das Modellprogramm des 1910 in Mailand gegründeten Autobauers stark zusammen. Ob Alfa Romeo Spider, die Coupés GT oder Bera, der Alfa Romeo 166 in der oberen Mittelklasse oder eben bisher der 159, sie blieben alle ohne Nachfolger. Mit der Alfa Romeo Giulietta in der Kompaktklasse, dem Kleinwagen MiTo und dem Sportwagen 4C gab es zuletzt bei Alfa nur noch drei Modelle.

Jetzt sind es wieder vier

Mit der neuen Alfa Romeo Giulia sind es nun wieder vier. Schon das ist eigentlich eine bemerkenswerte Nachricht. Insbesondere auch, weil Alfa Romeo bei der Rückkehr in die Mittelklasse auf Heckantrieb setzt. Damit kehrt Alfa zu den eigenen Wurzeln zurück. Bei allem Verständnis dafür, aus wirtschaftlichen Zwänge Autos mit Frontantrieb zu bauen, zu einem Alfa Romeo gehört in meinen Augen einfach der Heckantrieb.

Legendär sind die Transaxle-Modelle mit Frontmotor und dem mit der Hinterachse verblockten Getriebe. Alfisti bezeichnen den bis 1992 gebauten Transaxle Alfa Romeo 75 als letzten echten Alfa Romeo. Auch wenn dessen von Walter da Silva eingekleideter Nach-Nachfolger Alfa Romeo 156 bei den Fans der Marke durchaus ankam. Über den Schmerz des fehlenden Heckantriebs half auch das hübsche Blechkleid des 156 nie hinweg.

Alfa Romeo Giulia
Alfa Romeo Giulia (Foto Alfa-Romeo)

 

Auf den 156 folgte der unselige Alfa Romeo 159, dessen Technik hauptsächlich nach Vorgaben von General Motors entstand. Denn ab 2000 kooperierte Fiat mit dem US-Autobauer. Das Ziel war die Entwicklung einer Gemeinschaftsplattform für die Mittelklasse. Auf dieser sogenannten Premium-Plattform sollten dann, neben Modellen bei Alfa Romeo, auch ein Cadillac, ein Buick und ein neuer Saab entstehen.

Alfa Romeo hat aus seinen Fehlern gelernt

Ein Projekt, das an die 1980er-Jahre erinnert. Damals vereinbarten die noch unabhängigen Autobauer Saab und Lancia die Entwicklung einer gemeinsamen Plattform für die Obere Mittelklasse. Später beteiligten sich auch Alfa Romeo und Fiat an dem Projekt. Weshalb beim Saab 9000 die Türen und die Windschutzscheibe baugleich mit Fiat Croma, Lancia Thema und Alfa Romeo 164 war.

Anders als damals stand Alfa Romeo diesmal am Ende jedoch alleine da. Das Joint Venture von Alfa-Mutter Fiat und General Motors lief 2005 ersatzlos aus. GM verzichtete auf eine Nutzung der Premium-Plattform, obwohl bei der Entwicklung der Plattform der Focus auf dem amerikanischen Markt lag. Die Rechte an der Konstruktion, der Kritiker eine schlechte Raumökonomie und ein hohes Gewicht zuschreiben, fielen an Fiat.

Nach nur sechs Jahren verabschiede sich Alfa Romeo 2011 vom Einsatz der Premium-Plattform. Denn inzwischen führt Sergio Marchionne den Fiat-Konzern. Unter der Ägide des Managers nimmt Fiat die Tradition seiner Marken sehr ernst. Zum Desaster 159 sagte Marchionne klar, dass es nicht reiche, ein Alfa-Logo an ein zu großes und 400 Kilo zu schweres Auto zu schrauben, um Erfolg zu haben.

Bei der Giulia ist alles anders!

Die neue Alfa Romeo Giulia ist der Beleg dafür, dass heute Fiat heute Autos baut, die würdige Vertreter ihrer Marke sind. Die Karosserie ist auffällig und – im Vergleich zum Vorgänger – sehr leicht. Türen und Kotflügel fertigt Alfa Romeo aus Aluminium. Im Streben um eine Reduzierung des Fahrzeuggewichts kommt dieser Werkstoff auch bei den Motoren, den Radaufhängungen sowie bei Teilen des Bremssystems zum Einsatz.

Das Ergebnis sind Serienmodelle, deren Gewichtsverteilung zwischen Vorder- und Hinterachse laut Alfa nahe der bei einem Hecktriebler als optimal bezeichneten Verteilung von 50:50 liegt. Um das zu erreichen, schreckt Alfa Romeo auch vor einigen teuren Lösungen nicht zurück. So fertigt der italienische Autobauer die Kardanwelle aller Giulia Modelle aus Kohlefaser.

Beim 510 PS starken Alfa Romeo Giulia Quadrifoglio kommt dieser Werkstoff auch bei der Motorhaube, dem Dach sowie den Spoilern und den Seitenschwellern zum Einsatz. Das Ergebnis ist bei diesem sportlichen Topmodell der Baureihe ein Leistungsgewicht von 2,99 Kilogramm pro PS. Schon diese Fakten versprühen jede Menge von dem Geist, der Alfa Romeo zu einer Marke für Liebhaber machte.

Doch das ist noch nicht alles!

Denn zumindest im Quadrifoglio sorgt auch 2016 immer noch ein V6-Benzinmotor für den gewünschten Vortrieb. Wobei das Spitzenmodell wohl eher ein Imageträger ist. Denn der Grundpreis von 71.800 Euro macht die Alfa Romeo Giulia Quadrifoglio zu einem Auto für Liebhaber und zu einem würdigen Träger des Namens Giulia. Denn die 1962 vorgestellte Giulia gilt als erste Sportlimousine.

Für die Brot und Butter-Kunden ist bisher nur ein in drei Leistungsstufen 2,2 Liter großer Dieselmotor verfügbar. Auch das ist übrigens mehr Alfa Romeo, als man auf den ersten Blick meinen mag. Denn bereits 1987 bot Alfa Romeo einen Turbodiesel an, der bei Bedarf 200 Kilometer pro Stunde schnell sein konnte. Damit war der Alfa Romeo 164 TD seinerzeit der schnellste Diesel-PKW der Welt.

Die Alfa Romeo Giulia Quadrifoglio ist 510 PS stark
Die 510 PS starke Alfa Romeo Giulia Quadrifoglio ist das Spitzenmodell der Baureihe (Foto: Alfa Romeo)

 

Ob die Beschränkung auf den Diesel angesichts der aktuellen Dieselkrise schlau ist, muss sich jedoch erst noch zeigen. Immerhin kündigt Alfa Romeo inzwischen auch einen 200 PS starken Vierzylinder mit zwei Litern Hubraum an. Doch in der offiziellen Preisliste taucht diese Variante bisher nicht auf. Ich glaube, dass zu den Alfa Romeo Giulia auch 240 PS starke 1,8 Liter große Turbo-Vierzylinder aus der aktuellen Alfa Romeo Giulietta 1.8 TBi 16V QV gut passen würde.

Mit dem Comeback von Alfa Romeo setzt Sergio Marchionne um, was Ferdinand Piëch, der Schöpfer des modernen Volkswagen-Konzerns schon länger im Auge hatte. Der Ingenieur Piëch gilt als großer Alfa-Fan und soll mehrfach versucht haben, Alfa Romeo zu erwerben. Diesem Ansinnen verweigerten sich die Fiat-Eigner. Stattdessen widmen sie sich jetzt wieder selbst der Perle, die sie lange vernachlässigten. Wenn Alfa Romeo jetzt noch ein Coupé oder gar einen Spider vorstellt, dann ist der Dornröschenschlaf der Marke wohl endgültig beendet.

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