Audi kündigte vor ein paar Tagen den Antritt bei der legendären Ralle Dakar an. Erstmals beteiligt sich der bayrische Autobauer aus dem VW-Konzern offiziell an der Wüstenrallye. Denn der erste Audi in der Wüste ging unter „falscher Flagge“ an den Start. Und ein Projekt mit dem legendären Audi Quattro war offiziell „nur“ ein Einsatz der französischen Audi-Niederlassung.

Die Ankündigung, dass die Ingolstädter 2022 ihr Glück in der Wüste suchen, sorgte Anfang dieser Woche für viel Aufmerksamkeit. Audi will mit einem elektrischen Prototypen bei der inzwischen in Saudi-Arabien beheimateten Dakar antreten. Weil Batterien schwer und ein Ladenetz in der Wüste nicht vorhanden sind, soll ein bisher nicht offiziell benannter Range Extender im Fahrzeug den notwendigen Strom erzeugen. Praktisch alle Berichterstatter sind sich sicher, dass damit der bisher in der DTM eingesetzte Turbo-Vierzylinder gemeint ist. Und tatsächlich spricht eine Menge dafür, dass sich diese Annahmen erfüllen.

Zusammen mit der Ankündigung, bei der Dakar anzutreten, verschickte Audi bisher nur diesen Teaser. (Foto: Audi)

Denn das unter der Regie des jüngst in den Ruhestand verabschieden Ulrich Baretzky entwickelte Aggregat hat seine Leistungsfähigkeit in zwei DTM-Turbo-Jahren hinreichend bewiesen. Zudem ist der Motor mit 85 Kilogramm Gewicht ein echtes Leichtgewicht. Noch leichter wäre – bei ähnlicher Leistung – wohl nur ein Wankel-Motor. Doch dieser Teil des eigenen Erbes spielt bei Audi schon länger keine Rolle mehr. Obwohl es vor ein paar Jahren in Ingolstadt einen Audi A3 e-tron mit Wankel-Extender im Versuch gab.

Bereits 1985 trat Audi Frankreich bei der Dakar an!

Die Teilnahme an der Dakar ist, auch wenn das in den offiziellen Meldungen bisher keine Rolle spielte, eine Rückkehr. Schon 1985, als die Dakar noch die Paris Dakar war, trat Audi Frankreich mit einem speziell vorbereiteten Audi Quattro in der Wüste an. Fred Stadler und sein Team „Racing Organisation Course“ koordinierten den Einsatz. Das in Annemasse am Genfer See beheimatete Rennsport-Unternehmen kennen die Mehrzahl der Motorsport-Fans unter der Abkürzung „ROC“. ROC erhielt für den Einsatz in der Wüste von Audi Sport drei ehemalige Rennwagen aus der Rallye-Weltmeisterschaft.

Denn nach dem Umstieg auf den Kurz-Quattro waren „alten“ Karosserien ausreichend vorhanden. ROC passte den Ur-Quattro an die Anforderungen der Langstrecken-Rallye an. Neben einem verstärkten Unterboden mit Unterfahrschutz und einem modifizierten Fahrwerk bekamen die Wüsten-Quattro einen mächtige „Kuhfänger“ an der Front. Außerdem bestückte ROC den Quattro mit einem Zusatztank. So passten 340 Liter Kraftstoff an Bord. Um die Übersicht der Insassen zu verbessern, erhöhte ROC die Sitzposition. Das führte zu dem etwas seltsamen Dachaufbau der Dakar-Quattros, die ROC anschließend bei Eisrennen einsetzte.

Einer der ROC-Quattro, wie sie bei der Paris-Dakar liefen, im Februar 1985 bei einem Eisrennen in Frankreich. (Foto: Eddi Laumanns)
Einer der ROC-Quattro, wie sie bei der Paris-Dakar liefen, im Februar 1985 bei einem Eisrennen in Frankreich. (Foto: Eddi Laumanns – GNU-Lizenz für freie Dokumentation,)

Auch die Motoren überarbeitete ROC für die Anforderungen der Wüsten-Rallye. Bei der Leistung beschränkten die Franzosen den Ladedruck der Motoren auf 1,2 bar. Damit leisten die Zwei-Ventil-Motoren rund 330 PS. Um die Haltbarkeit der Wüsten-Motoren zu verbessern, rüstete ROC alle Autos mit zwei identischen Bosch-Steuergeräten aus, um bei Problemen umschalten zu können. Weitgehend unverändert übernahm ROC den Antriebsstrang. Womit auch die Dakar-Quattros ihrem Ziel mit einem permanenten Allradantrieb entgegenstrebten.

ROC tritt bei der Dakar groß auf!

Neben den drei Einsatzfahrzeugen bringt das Team auch drei Mercedes G-Modelle und zwei Mercedes 6×6 Lastwagen an den Start. Denn zu den Besonderheiten der 1979 von Thierry Sabine erstmals durchgeführten Rallye gehörte lange, dass Begleitfahrzeuge offiziell verboten waren. Ein geschickter Schachzug der Organisatoren. Denn aus den Servicemobilen wurden so weitere Teilnehmer. Das nutzte auch ROC. Zumal Geld offenbar keine große Rolle spielte. Die Hotelkette Malardeau, die Öl-Marke Yacco, die Zeitschrift Paris Match, der TV-Sender TF1 sowie Radio France Internationale finanzierten den Einsatz als Sponsoren.

1980 gewann VW mit dem VW Iltis bei der Dakar – ungewöhnlich für einen VW-Werkseinsatz war, dass die Sportgeräte in Ingolstadt zugelassen waren (Foto: Volkswagen Media)

Das Budget war so üppig, dass ROC seine Mannschaft in Afrika sogar mit einem eigenen Flugzeug unterstützen konnte. Alles zusammen zeigt, dass der von Audi Frankreich initiierte Einsatz nicht frei von Ambitionen war. Zumal der Zeitpunkt günstig schien, da sich die Dakar gerade veränderte. In den Anfangsjahren der Rallye dominierten klassische Geländewagen. 1980 gewann VW mit dem von Audi in Ingolstadt entwickelten VW Iltis. Erst 1982 gewann mit einem stark modifizierten Renault 20 4×4 Turbo erstmals ein PKW. Doch schon 1983 gewann mit dem Mercedes G-Modell erneut ein Geländewagen.

Porsche gewann 1984 – Audi gelang das mit dem Quattro bei der Paris Dakar nicht!

Trotzdem hatte Renault die Lunte gelegt, die Dakar wurde immer häufiger die Spielwiese der Pkw-Hersteller. Porsche trat 1984 erstmals mit einem Werksteam an. Dabei verschoben die Schwaben die Grenzen. Denn bisher war die Rallye eher die Spielwiese ambitionierter Abenteurer. Porsche ging das Projekt Dakar mit bisher nicht erlebter Professionalität an. Prompt fügte René Metge der Vita des 911 mit seinem Sieg im Porsche 911 4×4 einen weiteren Erfolg hinzu. Ein Jahr später will Porsche den legendären Porsche 959 mit einem Sieg in der Wüste adeln. Das macht die drei Audi automatisch zu Außenseitern.

1984 holte René Metge mit dem Porsche 911 4×4 den Sieg bei der Dakar – Zwei Jahre später wiederholte Metge den Erfolg mit dem legendären Porsche 959. (Foto: Porsche)

Doch die Chancen der Außenseiter steigen, als alle drei 959 nach Defekten oder Unfällen stranden. Doch ROC und Audi können die Gelegenheit trotz eines verheißungsvollen Starts nicht nutzen. Denn Bernard Darniche und Alain Mahé sichern sich beim Prolog in Versailles die Bestzeit. Aber in Afrika angekommen, bremsen immer wieder Defekte die drei Audi-Mannschaften. Besonders der Antrieb erweist sich als Achillesferse. Nach einem Schaden am Getriebe fängt der Darniche-Quattro sogar Feuer und brennt vollständig aus.

Von der Wüste ins Eis … und in die Vergessenheit

Xavier Lapeyre und Co-Pilot José Lourseau retten mit Platz 17 halbwegs die Ehre des Teams. Vor den Franzosen kommen mit Ausnahme eines stark modifizierten Renault R18 nur klassische Geländewagen ins Ziel. Hubert Rigal und Gérard Déry erreichen die Hauptstadt des Senegals auf dem 37. Platz. Ein weiterer privat eingesetzter Audi Quattro sowie ein Audi 80 Quattro scheitern ebenfalls. Das Projekt Dakar endet nach nur einem Versuch. ROC übernimmt in den kommenden Jahren für Audi Einsätze auf der Rundstrecke.

Die ROC-Audi laufen nach dem Ausritt in die Wüste noch einige Zeit bei Eisrennen in Chamonix. Anschließend verlieren sich die Spuren der Sportgeräte. Leider wurde das Unternehmen ROC vor gut 15 Jahren liquidiert, was die Spurensuche erschwert. Kein Wunder, dass das Projekt „Dakar mit dem Quattro“ in der offiziellen Geschichtsschreibung der Marke Audi heute keine Rolle mehr spielt. Denn in der Ankündigung des Dakar-Projekts, das im Prinzip ein Comeback ist, fehlte jeder Hinweis auf den Quattro bei der Dakar. Aber dafür habt Ihr ja uns!

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