Heute vor 90 Jahren brach in der Oasenstadt Touggourt, in Nordosten Algeriens eine Expedition auf, die die Sahara mit dem Auto durchqueren sollte. André Citroën wollte mit dem Vorhaben auf eine neue Produktlinie des Hauses hinweisen. Die Expedition wurde zum Auftakt und Vorbild für zahlreiche weitere Autoreisen.

Bereits in der Antike und dem Mittelalter hatte sich ein Transsaharahandel etabliert, der den Mittelmehrraum mit dem mittleren bzw. westlichen Afrika verband. Bevorzugtes Transportmittel der Karawanen waren Kamele und Dromedare. Mit der Erfindung des Autos und des Flugzeugs entstanden Überlegungen, wie man diese modernen Transportmittel zur Durchquerung der Sahara einsetzen kann.

Doch normale Autos scheiterten im weichen Wüstensand. Der Überflug erschien lange nur möglich, wenn entlang der Flugroute Depots mit Kraftstoff angelegt würden. Mit der kolonialen Unterwerfung Nordwestafrikas durch Frankreich entstanden in der französischen Industrie Überlegungen, wie diese Probleme gelöst werden könnten. André Citroën erkannte daher sofort das Potenzial des Kettenantriebs, den der Unternehmer kurz nach dem Ende des Ersten Weltkriegs kennenlernte.

Adolphe Kégresse, Erfinder des Kettenantriebs

Dessen Erfinder, der Ingenieur Adolphe Kégresse hatte den Kettenantrieb bereits 1913 patentieren lassen und suchte nun in der alten Heimat neue Geschäftspartner. Denn der 1879 geborene Franzose war nach dem Abschluss seines Studiums in Montbéliard 1905 nach Russland auswandert. In St. Petersburg arbeitete der Franzose zunächst in einer Maschinenfabrik, um kurze Zeit später als Leiter des Fuhrparks an den Hof von Zar Nikolaus II zu wechseln.

In dieser Position lernte Adolphe Kégresse den russischen Winter und die unbefestigten Wege in der Weite des Zarenreichs kennen. 1909 reifte eine Idee, wie man auch in dieser Zeit mobil bleiben könnte, wenn man statt der Räder „Ketten“ an der hinteren Antriebsachse des Fahrzeugs anbrachte. In zahlreichen Experimenten entwickelte Adolphe Kégresse Antriebsbänder aus Leder und eine Konstruktion für den Antrieb dieser „Kette“. Ein Prototyp, der 1910 entstand, überzeugte mit Geländeleistungen, die die Leistungen bisheriger Autos weit in den Schatten stellten.

Doch die Laufleistung der Lederketten lies stark zu wünschen übrig. Adolphe Kégresse forschte weiter und stellte 1912 bei der Wettfahrt St. Petersburg – Kronstadt – St. Petersburg die ersten Ketten aus Hartgummigliedern vor. Ein von Adolphe Kégresse umgerüsteter Mercedes 26/45 PS überzeugte bei der Wettfahrt, die teilweise über die zugefrorene Ostsee führte, mit überzeugenden Leistungen auf Eis und Schnee.

Adolphe Kégresse flieht nach Frankreich

Nach einer Patentierung der Idee, die Adolphe Kégresse in Russland und Frankreich vornahm, rüsteten wurden von einigen Herstellern Fahrzeuge mit dem Kégresse-Antrieb ausgerüstet. Im Ersten Weltkrieg rüstete die russische Armee einige ihrer Austin-Putilow Radpanzer zu Halbkettenfahrzeugen um. Dank der Lizenzeinnahmen ein einträgliches Geschäft für den Erfinder. Doch in Folge der Februarrevolution 1917 verlor dieser seinen Posten am Hof und flüchtete mit seiner Familie nach Frankreich.

Dort fand Adolphe Kégresse in André Citroën einen Geschäftspartner, der begeistert auf die Erfindung reagierte. Jacques Hinstin, ein langjähriger Geschäftspartner von André Citroën, hatte Kégresse und Citroën bekannt gemacht. Die ersten Tests mit umgebauten Citroën 10HP B2 hatten den Autoproduzenten so begeistert, dass dieser von Adolphe Kégresse an dessen Erfindung die exklusiven Nutzungsrechte erwarb und im Pariser Vorort Levallois eine eigene Produktion für Halbkettenfahrzeuge einrichtete. Unter dem Namen „Autochenilles Citroën-Kégresse-Hinstin“ sollte – mit Unterstützung von Jacques Hinstin – eine spezielle Produktlinie entstehen.

Seine Erfindung erobert die Sahara

Bereits im Januar 1921 begannen die Planungen für die Sahara-Durchquerung. Mit Unterstützung der Abenteurer Georges-Marie Haardt und Louis Audouin-Dubreuil entstand der Plan, mit Halbkettenfahrzeugen mit Citroën von Touggourt über Tamanrasset im Ahaggar-Gebirge nach Timbuktu in Mali zu fahren. Die Route sollte einer möglichen Nord-Süd-Verbindung zwischen Algerien und Westafrika folgen. Dabei wollte man auch Aufschlüsse über mögliche Zwischenstopps für eine mögliche Luftroute gewinnen sowie eine Streckenführung für eine Transsahara-Eisenbahnlinie erkunden.

Sahara-Durchquerung von Citroën
Die Sahara-Durchquerung von Citroën: Moderne tritt die Tradition

Nach fast zwei Jahren Vorarbeiten brach man schließlich am 17. Dezember 1922, heute vor 90 Jahren in Touggourt mit fünf Fahrzeugen auf. Bis heute erinnert in der Ortsmitte von Touggourt eine Stele an diese Expedition. Nach einem Zwischenstopp in Tidikelt sowie einer Überquerung des Ahaggar-Gebirges im Süden Algeriens und der Durchquerung der sudanesischen Wüste erreichte man am 4. Januar 1923 die Ufer des Niger. Bereits drei Tage später war dann das Ziel Timbuktu erreicht.

Nach einem dreiwöchigen Aufenthalt in der Oasenstadt trat die Expedition den Rückweg an, um am 7. März 1923 wieder den Ausgangspunkt in Touggourt zu erreichen. Während der Expedition überzeugte der weiterentwickelte Kégresse-Antrieb an fünf speziellen Citroën B2 10 HP. Die Verantwortlichen hatten jedes der Fahrzeuge mit einem eigenen Namen und Logo bestückt. Neben Croissant d´Argent, Tortue Volante, Chenille Rampante und Bœuf Apis gab es so einen Scarabée d´Or, der heute im Originalzustand im Conservatoire Citroën in Aulnay-sous-Bois in der Nähe von Paris bewundert werden kann.

Mit der ersten Langstreckenerprobung, die durch Reiseberichte in den damaligen Medien umfangreich begleitet wurde, legte André Citroën einen wichtigen Grundstein für den folgenden kommerziellen Erfolg der Halbkettenfahrzeuge von Citroën. Ein Kinofilm, der die Reise dokumentiert, wurde in den französischen Kinos zu einem Kassenschlager.

André Citroën verstand es, den Erfolg zu wiederholen

Bereits 1924 folgte, wieder unter der Leitung von Georges-Marie Haardt und Louis Audouin-Dubreuil die bis heute weltberühmte „Croisière Noire“ („Schwarze Kreuzfahrt“), die neben den Abenteurern und Mechanikern auch Ethnologen, Geologen und Biologen durch Afrika führen sollte. Mehr als 20.000 Kilometer sollten auf der Fahrt von Oran in Algerien nach Tananarive auf Madagaskar mit den verbesserten Halbkettenfahrzeugen von Citroën zurückgelegt werden. Abermals griffen die Medien das Thema groß auf, was auch diese Expedition zu einem großen Erfolg für André Citroën werden lies.

Den Schlusspunkt setzte man dann 1931 mit der „Croisière Jaune“ („Gelbe Kreuzfahrt“) durch Zentralasien. Wieder gelang es, renommierte Wissenschaftler für die Fahrt zu gewinnen. Da die Kommunisten in Russland der Expedition die Einreise verweigerten, entstand der Plan in zwei Gruppen zu fahren. Die Gruppe „Pamir“ startete im April 1931 in Beirut, während sich gleichzeitig die Gruppe „Chine“ in Peking auf die Reise machte. Beide Gruppen sollten sich in Kashgar am Fuße des Himalajagebirges treffen, um gemeinsam durch die Himalajaregion zurück nach Peking zu fahren.

Bereits im Vorfeld hatte man große Probleme, die Reise zu organisieren. Während der Weltwirtschaftskrise fehlte Citroën das Geld für die Durchführung der teuren Expedition. Erst 1930/31 besserte sich seine wirtschaftliche Lage etwas, doch die Expedition selbst geriet zu einem schwierigen und gefährlichen Unterfangen. Auf der Fahrt wurden die Teilnehmer immer wieder mit kriegerischen Auseinandersetzungen konfrontiert. Mehrfach stand die Expedition vor dem Abbruch. Insbesondere das Himalajagebirge sollte den Menschen und das Material vor große technische Herausforderungen stellen.

George-Marie Haardt verstarb auf der Reise an den Folgen einer Lungenentzündung. Mehr als ein Jahr war man schließlich unterwegs. In der Heimat musste sich währenddessen immer wieder der Kritik stellen, warum man dieses Projekt überhaupt in Angriff nahm. Doch betrachtet man die mediale Aufmerksamkeit, so muss sich auch diese Expedition für André Citroën gerechnet haben. Alle wichtigen Zeitungen Frankreichs berichteten laufend über die Reise. Die Faszination der für Europäer unbekannten Gebiete begeisterte das einfach Publikum und sorgte damit für Aufmerksamkeit.

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