Motorsport im Oval gilt als typisch amerikanisch. Doch es gibt auch außerhalb der USA Oval-Freunde. Im niederländischen Venray gibt es ein 1/2-Meilenoval, das als das Schnellste seiner Art in Europa gilt. Am vergangenen Wochenende trat kurz hinter der deutschen Grenze auf dem Raceway Venray die NASCAR Whelen Euro Series an. Eine gute Gelegenheit, um sich Oval-Rennen einmal aus der Nähe anzusehen.

Wer sich mit Motorsport-Fans in Europa über Oval-Rennen unterhält, der hört selten Positives. Im Zentrum der Kritik stehen die – vermeintlich – langweiligen Strecken, die veralteten Autos und die vielen Gelbphasen. Einige rümpfen die Nase über die Fly-overs und Südstaatler am Streckenrand. Die Kritik entsteht hauptsächlich aus Unkenntnis. Denn Oval-Kurse sind gar nicht so einfach, wie gedacht.

Die Abstimmung der Vorderachse der Stockcars ist speziell
Oval-Autos verfügen über eine spezielle Abstimmung. Ihre linken Vorderräder verfügen über negativen Sturz, um das Auto optimal an die Strecke anzupassen.

Auf vielen Strecken unterscheiden sich die Kurven hinsichtlich ihres Radius und ihrer Überhöhung. Besonders die Überhöhung, das sogenannte Banking, stellt Techniker und Piloten vor einige Herausforderungen. Sie stimmen ihre Fahrzeuge asymmetrisch ab, damit diese willig den Kurven folgen. Das geht soweit, dass die Piloten zwischen den Kurven gegenlenken, um das Auto geradeaus fahren zu lassen.

Auf Oval-Novizen, die einen der Rennwagen im Fahrerlager stehen sehen, wirkt die Stellung der Räder zugegeben befremdlich. Ähnlich befremdlich mag wirken, dass sich die V8-Rennwagen mit vier Gängen begnügen und erst seit kurzer Zeit ihren Kraftstoff einspritzen. Denn bis vor ein paar Jahren erlaubte selbst das Reglement im Sprint-Cup, der Spitzenserie des NASCAR-Imperiums nur Vergaser.

NASCAR Whelen Euro Series hält in Europa die US-Flagge hoch!

An sieben Wochenenden fahren die Silhouetten-Tourenwagen ihre europäische Meisterschaft aus. Mit Ausnahme des Rennens in Venray treten die V8-Boliden dabei auf „normalen“ Rennstrecken. Bisher war die Serie auf dem Circuit Ricardo Tormo bei Valencia, dem Autodromo Di Franciacorta bei Brescia, in Brands Hatch und in Most zu Gast. Es folgen Rennen in Hockenheim und Zolder.

Start der NASCAR Whelen Euro Series in Venray
Die NASCAR Whelen Euro Series startet fliegend. Die Autos gehen dabei in zwei Reihen ins Rennen. Vor der Startlinie darf der Trainingsschnellste, der in der ersten Reihe auf der rechten Fahrbahnseite startet, das Tempo bestimmen.

American Car Fest nennen die Veranstalter ihr Meeting in Venray. Schon auf dem Parkplatz zeigt sich, dass das Konzept ankommt. Denn die Wiesen neben der Strecke sind fast voll, als Max und ich gegen 11.30 Uhr in Venray ankommen. Wir entdecken auf dem Parkplatz eine aktuelle Chevrolet Corvette sowie einen Cadillac CTS-V. Daneben stehen zahlreiche US-Oldtimer und einige scharfe Hotrods.

20 Euro kostet das Tagesticket für die NASCAR Whelen Euro Series in Venray!

Es öffnet den Zugang zur Rennstrecke, der mitten durch das Fahrerlager führt. Dort bewundern Fans die Rennwagen und ihre Piloten aus nächster Nähe. Max, der sich in der US-Szene besser als ich auskennt, weist auf einen Mann im Rennanzug. Es ist Alon Day, der sich einst in der europäischen Formel-3 und bei den Indy Lights versuchte. 2017 und 2018 gewann der Israeli in der NASCAR Whelen Euro Series den Titel.

Obwohl in einer Stunde die Qualifikation für das Rennen ansteht, nimmt sich Day viel Zeit für die Fans. Vor einem der Team-Zelte stehen die Fans Schlange. Es ist das Zelt von Go Fas Racing, wo Jacques Villeneuve in Lenkrad greift. Der Formel-1-Weltmeister von 1997 tritt seit Anfang des Jahres in der NASCAR Whelen Euro Series an. Der ehemalige Gewinner des Indy 500 überstrahlt mit seinen Erfolgen die anderen Piloten natürlich.

Jacques Villeneuve bei der NASCAR Whelen Euro Series in Venray
Jacques Villeneuve bei der NASCAR Whelen Euro Series in Venray. Der ehemalige Formel-1-Weltmeister kann auch mit den 400 PS starken Stockcars hervorragend umgehen. Im Training gelingt Villeneuve die schnellste Runde.

Trotzdem ist auch Villeneuve präsent, gibt Autogramme und posiert mit den Fans für Selfies. Die Fan-Nähe, die die Nascar-Verantwortlichen ihren US-Stars ausdrücklich verordnen, gibt es also auch in der NASCAR Whelen Euro Series. Wir wechseln an die Strecke. Als wir dort ankommen, startet gerade die V8 Oval Series in ihr erstes Rennen des Tages. Diese Rennserie gilt als niederländische Meisterschaft und tritt an sieben Wochenenden in Venray an.

Alleine heute darf die Serie drei Rennen bestreiten. Das Auftakt-Rennen über 18 Runden bietet alles, was Oval-Rennen ausmacht. Überall im Feld gibt es Zweikämpfe. Teilweise jagen die Rennwagen zu dritt nebeneinander durch die überhöhten Kurven. Die schnellsten Autos im Feld umrunden den Kurs in knapp 20 Sekunden. Nach diesem Auftakt wird spannend, was die Boliden der NASCAR Whelen Euro Series in Venray leisten.

Der Tag startet mit dem Rahmenprogramm!

Doch zunächst treten im Innenraum der Strecke die sogenannten Hotrods an. Dabei handelt es sich optisch um Kleinwagen wie Renault Clio, Peugeot 208 oder Opel Corsa. Doch tatsächlich ruhen die dünnen Kunststoffkarosserien, die den Autos ihre Form geben, auf massiven Stahlkonstruktionen. Zudem ist hier, wie die Fahrzeuge auf einem kleinen Oval im Innenraum der größeren Strecke demonstrieren, Heckantrieb Standard.

Die Hotrods im Rahmenprogramm der NASCAR Whelen Euro Series in Venray
Die Hotrods im Rahmenprogramm der NASCAR Whelen Euro Series in Venray sind Silhouetten-Fahrzeuge, die auf dem kleinen Kurs im Innenraum rennen. Das ist durchaus unterhaltsam.

Im Pulk jagen die Hotrods über die Strecke. Interessanterweise fahren sie dabei im Uhrzeigersinn. Auf dem großen Oval fuhren die bulligen V8-Rennwagen eben noch andersherum. Das Rennen ist spannend. Denn auf der 400 Meter langen Strecke schließt die Spitze schnell zum Ende des Felds auf. Das verschärft die Zweikämpfe um die Führung. Denn es ist offensichtlich, wie die Schnelleren die Überrundeten in ihre taktischen Überlegungen einbeziehen.

Anschließend geht es zurück auf das große Oval!

Die NASCAR Whelen Euro Series tritt zur Qualifikation an. Der Modus ist einfach und effektiv. Die 20 Rennwagen reihen sich im Innenraum, der jetzt als Box dient, auf. Nacheinander gehen jeweils fünf Autos auf die Bahn. Sie haben vier Runden, um eine Zeit zu setzen. Anschließend kehren sie in die Boxen zurück und stellen sich meist sofort wieder am Ende der Schlange an. Währenddessen treten die nächsten fünf Fahrzeuge auf der Strecke zur Zeitenjagd an.

Jacques Villeneuve bei der NASCAR Whelen Euro Series in Venray
Jacques Villeneuve bei der NASCAR Whelen Euro Series in Venray. Der ehemalige Formel-1-Weltmeister kann auch mit den 400 PS starken Stockcars hervorragend umgehen. Im Training gelingt Villeneuve die schnellste Runde.

Eine Anzeige im Innenraum informiert das Publikum über den Stand im Kampf um die Startplätze. Zwischen den Anläufen arbeiten die Teams teilweise an den Autos. Immer wieder beobachten wir, dass die Mechaniker den Luftdruck der Reifen justieren. Am Auto von Jacques Villeneuve ändern die Techniker auch etwas am Fahrwerk. Wer am Auto arbeitet, der verliert ein paar Plätze in der Schlange. Denn solche Arbeiten müssen in den improvisierten Boxen abseits der Wartepositionen erfolgen. 

Bereits zu Beginn des Trainings knacken die ersten Piloten der europäischen Nascar-Serie die Marke von 20 Sekunden. Doch noch sind die Abstände zwischen den Piloten erstaunlich groß. Zwischen Platz eins und fünf liegt zur Mitte des Trainings noch eine gute Sekunde. Doch das ändert sich in der zweiten Hälfte. Am Ende trennt Platz eins bis zwölf weniger als eine halbe Sekunde. Schnellster ist Jacques Villeneuve, den den Kurs in 19,369 Sekunden umrundet.

Mit 163,56 km/h durchs kleine Oval!

19,369 Sekunden entsprechen einem Schnitt von 163,56 Kilometern pro Stunde. Auf dem nur 880 Meter langen Oval ist das eine beeindruckende Geschwindigkeit. Villeneuve gewinnt die Qualifikation übrigens mit einem Vorsprung von 0,044 Sekunden vor dem zweiten Loris Hezemans. Der Sproß der niederländischen Rennfahrer-Familie trat in den vergangenen Jahren unter anderem im Blancpain GT Series Sprint Cup an.

Ellen Lohr bei der NASCAR Whelen Euro Series in Venray
Ellen Lohr blickt auf 30 Jahre im professionellen Motorsport zurück. Doch der Start in Venray war ihr erster Start im Oval.

Seit 2018 startet Hezemans, dessen Vater Toine einst Tourenwagen-Europameister war, in der NASCAR Whelen Euro Series. Am Ende des Felds werden die Abstände größer. Das Feld beschließt Ellen Lohr. Die ehemalige DTM-Pilotin tritt nach gut 30 Jahren im Motorsport in Venray das erste Mal überhaupt im Oval an. Der Rückstand von 1,6 Sekunden auf Villeneuve und von 0,8 Sekunden auf den Vordermann bezeugt die Anpassungsprobleme.

Nach der Qualifikation der NASCAR Whelen Euro Series kehren die Hotrods auf die Strecke im Innenraum zurück. Diesmal fahren auch sie gegen den Uhrzeigersinn. Unabhängig davon ist auch dieses Rennen spannend und bietet jede Menge Überholmanöver. Zudem zeigt sich, wie hart es bei den Hotrods teilweise zugeht. Denn hier bekommt der Vordermann schonmal einen kräftigen Schubs, wenn er den Verfolgern im Weg „rumsteht“.

Vor dem Hauptrennen steht die Show!

Zunächst gehen nochmals die Tourenwagen der V8 Oval Series auf den großen Kurs. Sie sind die Ouvertüre für das Hauptrennen der NASCAR Whelen Euro Series. Es startet mit einem Gridwalk, bei dem die Piloten erneut ihre Fan-Nähe beweisen. Besonders Jacques Villeneuve umlagern viele Besucher. Der Kanadier posiert immer wieder mit den Fans für Selfies. Kurz vor dem Start gibt Villeneuve dem Streckensprecher noch ein kurzes Interview.

Start der NASCAR Whelen Euro Series in Venray
Die NASCAR Whelen Euro Series startet fliegend. Die Autos gehen dabei in zwei Reihen ins Rennen. Vor der Startlinie darf der Trainingsschnellste, der in der ersten Reihe auf der rechten Fahrbahnseite startet, das Tempo bestimmen.

Die Zuschauer verlassen die Rennstrecke. Sie Spannung steigt, gleich geht es los. Zuvor singt eine Sängerin die Nationalhymnen der USA und der Niederlande. Anschließend gibt es noch die Tanzeinlage einer Cheerleader-Truppe. Das erinnert zwar mehr an College-Football als an die Nascar, aber vermutlich halten die Organisatoren diesen Auftritt für typisch amerikanisch. Dann geht es endlich los. Ein Schüler darf „Drivers start your engine“ in Mikrofon rufen.

Green, Green, Green!

Nach einigen Runden zum Aufwärmen, die das Feld hinter dem Saftey-Car absolviert, startet das Rennen über 100 Runden. Schon beim Start wagt Loris Hezemans den Angriff. Doch Jacques Villeneuve behauptet seinen Rennwagen an der Spitze des Felds. Beide setzen sich in den kommenden Runden etwas vom Feld ab. Schon in der Anfangsphase sieht es so aus, als ob Hezemans schneller ist. Aber Villeneuve wehrt gekonnt alle Angriffe ab.

In der Startphase des Rennens führt Jacques Villeneuve (32) vor Loris Hezemans.
In der Startphase des Rennens führt Jacques Villeneuve (32) vor Loris Hezemans. Zu Beginn des Rennes wirkt es, als ob der Niederländer schneller könnte. Doch Hezemans findet keinen Weg vorbei.

Denn der Altmeister kann am Kurvenausgang immer etwas eher aufs Gas steigen, als der Youngster am Heck. Bereits nach gut 20 Runden stehen die ersten Überrundungen an. Nach Alexander Graff, den technische Probleme plagen, läuft die Spitze auch auf Ellen Lohr auf. Die erfahrene Deutsche lässt die Führenden schnell passieren. Kurze Zeit später leuchten das erste Mal die gelben Lichter am Streckenrand auf.

In der ersten Kurve verliert ein Fahrer das Heck seines Auto, wie es in der Sprache der Oval-Freunde heißt. Dabei würgt der Pilot sein Auto ab. Es dauert einen Moment, bis das Auto wieder läuft. Deshalb entscheidet sich die Rennleitung für die Neutralisation. Drei Runden später nehmen die Rennwagen wieder Formation an. Jetzt kreisen jeweils zwei Rennwagen nebeneinander um den Kurs.

Zweimal gelb und einmal rot!

Spitzenreiter Jacques Villeneuve darf beim Restart das Tempo bestimmen. Erst wenn der Kanadier beschleunigt, dürfen auch die Wettbewerber auf das Gaspedal treten. Villeneuve nutzt das Überraschungsmoment, um die Spitze zu behaupten. Schon wenige Minuten später folgt die Nächte Gelbphase. Ellen Lohr hängt mit ihrem Rennwagen in der Wand. Die Bergung nimmt einige Minuten in Anspruch, dabei legt die Rennfahrerin selbst Hand an.

Das Warten auf den Restart bei der NASCAR Whelen Euro Series in Venray
Nach der roten Flagge, die eine Ampel ist, stellen sich die Rennwagen auf der Gegengerade zum Warten auf.

Währenddessen kreist das Feld unter Gelb um den Kurs. Nach der Bergung des  Rennwagens von Ellen Lohr geht das Rennen weiter. Diesmal mischt Stienes Longin im Kampf um die Spitze mit. Der Belgier war vor der Neutralisierung Dritter. Deshalb nimmt Longin hinter Villeneuve Aufstellung. Bei Restart rumpelt der Belgier dem Kanadier kräftig ins Heck. Mit Mühe kann Villeneuve weiter die Spitze behaupten. Doch Longin dringt im Schatten von Villeneuve auf Platz zwei vor.

Auch im Hinterfeld kämpfen die Teilnehmer mit harten Bandagen. Martin Doubek verliert beim Restart die Kontrolle über seinen Rennwagen. Doubek knallt auf der Start-Ziel-Geraden in die Außenmauer. Das Auto prallt anschließend auf die Strecke zurück und bleibt stehen. Diesmal stoppt die Rennleistung das Rennen mit der roten Fahne. Weshalb die Rennwagen bis zum Ende der Bergungsarbeiten auf der Gegengeraden anhalten.

Im Schlusssprint übernimmt Loris Hezemans die Spitze!

Nach wenigen Minuten ist die Strecke wieder frei. Die Rennwagen setzen zunächst hinter dem Saftey-Car die Reise fort. Das Feld nimmt wieder in Zweierreihe Aufstellung. Wobei Hezemans seinen kurz vor dem Abbruch verlorenen zweiten Platz zurückerhält. Denn die Startaufstellung richtet sich nach dem Ergebnis eine Runde vor dem Abbruch. Wieder darf Jacques Villeneuve das Tempo bestimmen.

Doch diesmal geht die Strategie des Kanadiers, das Tempo möglichst lange zu verschleppen, nicht auf. Zwei Autos fliegen an Villeneuve vorbei, ein drittes Auto zieht seitwärts. Statt weiter um die Spitze zu kämpfen, muss der ehemalige Formel-1-Weltmeister jetzt seinen dritten Platz verteidigen. Das gelingt, denn Villeneuve kommt nach 100 Runden tatsächlich als Dritter ins Ziel. Das Rennen gewinnt Loris Hezemans, der sich am Ende sogar etwas absetzen kann.

Nach dem Hauptrennen rücken nochmals die Hotrods und die Rennwagen der V8 Oval Series. Max und ich verlassen bald die Anlage. Wir nehmen mit, wie anspruchsvoll das Fahren im Oval ist. Zudem glänzen die Rennen mit einer Vielzahl von Überholmanövern. Einige klassische europäische Rennserien benötigen Jahre, um so viele Überholmanöver zu zeigen, wie das im Oval an einem Nachmittag gelingt.

Weitere Bilder von der NASCAR Whelen Euro Series in Venray

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