Uns kann nichts so leicht trennen. Das wissen wir nun. Denn wir haben den einzig wahren Beziehungstest mit Bravour bestanden. Wir fuhren ohne Navi über Land nach Oschersleben und sind nicht geschieden.

Das ist schon einige Jahre her, als unser Auto noch kein Navi hatte. Heute können wir darüber lachen. Heute, denn damals hat es Momente gegeben, in denen ich lieber ausgestiegen und durch stockdustere Pampa gelaufen wäre, als neben meinem Mann im warmen Auto zu sitzen. Ihm ging es vermutlich ganz ähnlich, doch er war hinter dem Steuer gefangen und wild entschlossen, noch vor dem Jahreswechsel anzukommen. In dieser Beziehung hat er eindeutig mehr Biss als ich.

Warum haben wir nicht die Autobahn genommen?

Die Motorsport-Arena Oschersleben war unser Wochenendziel. Der Kampf der Zwerge sollte zwei Läufe fahren und wir waren akkreditiert. Am Freitag musste mein Gatte allerdings noch ein Seminar im tiefsten Sauerland besuchen. Wir planten also, dass ich ihn dort mittags aufpicke und wir von da aus direkt nach Oschersleben fahren. Dann stellten wir fest, dass der übliche Weg über die A2, also über Hannover (auf der Karte rot), ein riesiger Umweg sein würde. Die Überlandroute an Kassel und Göttingen vorbei (auf der Karte grün) entpuppte sich als deutlich kürzer und – wie wir uns dachten – bestimmt auch schöner. Zuvor hatten wir schon die halbe Welt bereist und konnten beide unser zu Hause wiederfinden. Asien, Afrika, USA, Italien – da ist der Harz ist ein lahmer Zock.

Karte: Wie kommt man von Brilon nach Oschersleben?
Wie kommt man von Brilon nach Oschersleben? (Karte: OpenStreetMap)

Die Verkehrsnachrichten bestätigten in rhythmischen Abständen unsere Entscheidung. Die A2 war dicht, wie üblich an einem ordentlichen Freitag. Auf den Landstraßen kamen wir nicht sehr schnell aber stetig voran. Ich hatte die Karte auf dem Schoß. Allein diese Vorstellung treibt den meisten Männern den Schweiß auf die Stirn, doch diese chauvinistische Vorkriegsmentalität legen wir hier mal ab. Recht schnell ließen wir Göttingen hinter uns. Irgendwo um Goslar standen wir plötzlich vor einer Vollsperrung. Mittlerweile nagte ein leichter Hunger an uns. Zudem begann es, zu dämmern. Etwa eine Stunde lang folgten wir artig den Umleitungsschildern. Weit und breit Wald, Felder, Wiesen, Häschen, Rehe aber kein verflixter Supermarkt, kein winzig kleiner Bäcker. Was essen die Menschen hier? Vermutlich eben jene Häschen und Rehe.

Mit dem letzten gelben Schild spuckte uns die holprige Umgehung schließlich genau zehn Meter hinter der Sperrung wieder auf die geplante Route. Wären wir vor der Baugrube statt links rechts abgebogen, hätten wir lediglich ein mittelgroßes Gewerbegebiet umschiffen müssen. Das hätte maximal 10 Minuten gedauert. Im Wageninnern begann es leise zu knistern.

Zucker für die Nerven

Das Knistern verschwand ebenso schnell wie die Trauer um mehr als 60 Minuten vertane Lebenszeit, als die glänzend hell beleuchtete Filiale einer bekannten Discounterkette in Sicht kam. Einträchtig jubelnd fuhren wir ihren Parkplatz an und deckten uns mit stark zuckerhaltigem sowie stark salzhaltigem Proviant ein. Für die Nerven, wie mein Ehegatte meinte, bemerken zu müssen.

Als wir den Parkplatz wieder verließen, war aus der Dämmerung längst finstere Nacht geworden. Wir hatten noch rund 80 Kilometer vor uns, die wir zwangsläufig weiterhin über die Landstraße fahren mussten, da weit und breit schlicht keine Autobahn existierte. Wir verpassten an der einen oder anderen Kreuzung die Abfahrt. Das lag natürlich an mir, weil ich zu spät oder zu früh oder gar nicht ansagte, dass hier ein Abbiegen nötig wäre. Wenn ich über Stunden mit dem Kopf nach unten hängend im Halbdunklen Karten lesen wollte, wäre ich Kopilotin bei Sebastian Loeb geworden. Mit dem Eintritt meines zehnten Lebensjahres ist mir aber leider die Fähigkeit abhandengekommen, im Auto zu lesen. Der sportliche Fahrstil meines Chauffeurs machte es mir nicht gerade leichter, aus den vielen gelben Streifen in dem vielen Grün die richtige Route heraus zu oraklen. Außerdem geizte man damals in Mitteldeutschland ganz offenbar mit Hinweisschildern. Mir war speiübel.

Immerhin hatten wir ein Hotel direkt an der Strecke gebucht. Ich sehnte mich nach einer warmen Dusche und einem weichen Bett. „Wo ist der nächste Mediamarkt? Ich kauf‘ ein Navi!“ Mediamarkt? Hier? Mir entfuhr ein schwaches, aber sehr höhnisches Lachen. „Wir müssen uns hier an der Beleuchtung von Windrädern entlang tasten, um nicht vollkommen die Orientierung zu verlieren und du träumst von einem Media Markt!“

Dunkelheit neu definiert

Danach war es lange still. In der Dunkelheit zog eine Mauer an mir vorbei, die mir irgendwie bekannt vorkam. Dann eine Kirche. Hier waren wir schon mal! Wir hatten den oben erwähnten Punkt erreicht. Ich wollte aussteigen und nach Hause laufen. Die 400 Kilometer würde ich in etwa 4 Tagen schaffen. Ich hätte tatsächlich für einen kurzen Augenblick den Erschöpfungstod in einem sachsen-anhaltinischen Vorgarten der Gesellschaft meines Angetrauten vorgezogen. Später hasste ich mich für meine Inkonsequenz, denn ich war schließlich doch zu bequem, meinen Plan in die Tat umzusetzen.

Fiat Abath 1000TC von Klaus Kleber 2005 in Oschersleben
Der Fiat Abath 1000TC von Klaus Kleber 2005 in Oschersleben – Ein Beweis, dass wir tatsächlich an der Strecke angekommen sind.

Wir verließen das Dorf in Richtung Nordosten – so hofften wir zumindest. Ich war überrascht, dass es außerorts noch dunkler sein kann, als innerorts. Nebelschwaden waberten. Edgar-Wallace-Feeling ganz umsonst. Bestimmt würde uns gleich der Mönch mit der Peitsche vors Auto springen. Das tat er zum Glück nicht. Und auch seine Kollegen blieben vermutlich nur aus purer Rücksichtnahme auf zwei vollkommen entkräftete Großstädter in ihren sumpfigen Gräben liegen. Als plötzlich und unerwartet das Ortsschild „Oschersleben“ in strahlendem Gelb vor uns auftauchte, fiel uns das Jubeln schwer. Wir trauten dem Braten nicht. Dann Lampen, Lichter, eine Tankstelle mit einem echten Menschen darin. Würde jetzt doch alles gut werden? Zehn Minuten später standen wir in der Lobby des kleinen Hotels. „Hatten sie eine gute Fahrt?“

Der nächste Morgen brachte starken Kaffee, frische Brötchen und – ohne weiteren Beziehungstest – die Erkenntnis, dass uns beide nichts so schnell auseinander bringen kann. Autobahnen wissen wir heute dennoch zu schätzen, ebenso wie unsere Navis. Wir wollen es schließlich nicht darauf ankommen lassen.


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