Aus der Sicht der freien Künste ist ein Designer mehr Opfer als Täter. Er ist eingebunden in Rahmenbedingungen, denen er nicht ausweichen kann. Insofern drängt sich der Vergleich mit einem Hamster im Laufrad auf. Dabei entspricht die Konstruktion des Laufrades einer ausgeklügelten Strategie hinsichtlich der Entwicklung und Vermarktung eines Produktes. Und der Hamster? Sein Dasein erfüllt sich im Dauerlauf. Dennoch bestimmt er die Umdrehungsgeschwindigkeit des Laufrades; er nutzt im Rahmen der gesetzten Grenzen sein Kreativpotential. Dies beschreibt annähernd die Situation des Designers allgemein und die des Autodesigners im Besonderen.

Genau genommen geht es um Linien, Formen, Farben, Material und Funktion. Damit bewegen wir uns in der Nähe der Malerei. Aber jeder weiß, dass ein Bild kein Lenkrad benötigt, um seine Wirkung zu entfalten. Ein Auto hingegen ist ohne Lenkrad, jedenfalls vorläufig noch, ein stiller, motorisierter Haufen Material mit Aussicht auf Bewegung. Erst das Lenkrad, Inbegriff und Superzeichen unserer gesellschaftlichen Mobilität, macht einen Fahrer glücklich. Allerdings nur dann ganz und gar, wenn im Zusammenspiel von Motor, Getriebe, Fahrwerk und Pedalerie sich etwas ereignet: Energieentfaltung. Noch ist Stillstand, noch Erwartung, noch das ungeduldige Zittern der Karosserie, noch das leise Säuseln, das vom Heck her in den Innenraum dringt, noch fehlt dem Gurt die nötige Spannung.

Jetzt aber kommt der Auftritt des Lenkrades und die Befreiung aus der Unbeweglichkeit hinein in die Unwägbarkeiten der Straße. Aber zurück zur nüchternen Betrachtung des Designobjektes Lenkrad. Der Designer schenkt dem Lenkrad seine besondere Aufmerksamkeit. Er weiß: Wer am Lenkrad dreht, hat Spaß, aber auch Macht. Auf dieser Gefühlsebene setzt der Designer seinen kreativen Hebel an, indem er das Auto um diese Machtzentrale herum baut. Deswegen kann man sagen: Zeige mir Dein Lenkrad und ich sage Dir, was Du fährst. Das Lenkrad ist nicht nur ein kreisförmiges Ding an einer Lenksäule, es ist ein Designobjekt von entweder großer Einfachheit oder hoher Komplexität: In einem Kleinwagen oder einem Rennwagen. Zwischen beiden findet der Designer ein weites Betätigungsfeld. Immer aber geht es um drei Fragen: um die nach der Funktion, um die des Materials und um die der Ästhetik.

Die Funktion des Lenkrades ist die Drehbewegung. Sie bestimmt, wohin es geht: gerade aus, nach links, nach rechts. Als verlängerter Arm kommuniziert es mit dem Bewusstsein des Lenkenden. Das ist gut und schlecht zugleich. Kommt der menschliche Faktor ins Spiel, wird das Verhältnis von Lenkbewegungen, Gaspedal und Bremse nicht selten auf eine harte Probe gestellt. Der Designer weiß das; deshalb kümmert er sich liebevoll darum, dass es nicht zu Äußersten kommt, so hofft er. Er besänftigt den Fahrer durch ein angenehmes Lenk – und Sitzgefühl und durch einen Blick auf dezent beleuchtete, übersichtliche Armaturen. Hier spielt er unmissverständlich mit den Sehnsüchten der Autoklientel: Dem Geruch von Leder, den Wurzelholzapplikationen, der Carbonoptik, den Edelstahlzierleisten, den Knöpfen und Drehzahlmessern.

Das lederbezogene Lenkrad saugt den Schweiß der Hand widerstandslos auf, der Griff vermittelt Grip und ein Gefühl der Sicherheit. Seine servounterstützte feminine Kurvengestalt macht das Lenkgefühl zu einer Feier im Blechkleid. Alles ist möglich, wenn auch nicht für alle. Es gibt ja auch Kunstleder, Plastik und bunte Stoffe unter dem Gesäß. Hauptsache, das Gefährt fällt auf der Fahrt von A nach B in der Kurve nicht um. Aber das ist Sache der Ingenieure.

Bis das Auto ohne Lenkrad den Verkehr meistert, vergeht noch einige Zeit. Inzwischen spielt der Designer mit den Erkenntnissen des Rennsports, um das Handling eines Fahrzeuges zu optimieren. So bastelt er eifrig an Lösungen, die aus dem Lenkrad eine echte, bezahlbare Schaltzentrale machen. Das magische Wort heißt Schaltwippe, eine Vorrichtung, die Mensch und Maschine zu einer Einheit zusammenschweißt. Dabei ist es wichtig, dass die rechte Hand genau weiß, was die Linke tut: Rechts hochschalten, links runterschalten. Diese Form der Handarbeit muss trainiert werden, es sei denn, der Fahrer verfügt über Erfahrungen in der Bedienung einer Playstation und in der Koordination von linker und rechter Gehirnhälfte. Eins steht aber fest: Die Hände bleiben da, wo sie hingehören und nicht auf den wohlgeformten Schenkeln der Beifahrerin. Die Zukunft wird aber auch dieses Problem zu einem guten Ende bringen.

Am Anfang steht die Form, sagt der Designer, jedoch nicht mehr aus Lehm gebrannt; schließlich plant er keine Kirchenglocke, sondern ein Auto mit einer unverwechselbaren Silhouette. Deshalb wendet er sich seinem Reißbrett zu, einem Computer mit einer komplizierten Software. Sie ebnet ihm den Weg auf der Suche nach einer geeigneten Form. Sie öffnet ihm die Tür zu einer virtuellen Realität, in der maßstabsgetreu die Vorstellung eines Zukunftsmodells Stück für Stück Gestalt annimmt, ein Vorgang, in dem durch Drehen und Wenden im Zeichenprozess Konturlinien und der Eindruck dreidimensionaler Stimmigkeit von Karosserie und ihren Details bis hin zur letzten Schraube durchkonstruiert werden.

Hier schon sind Emotionen im Spiel oder lässt die Linienführung einer Karosserie einen Betrachter unbeeindruckt? Wenn zudem noch Farben ins Spiel kommen, macht der Designer vor Glück einen Salto vorwärts und zurück. Was darf es sein? Ein seriöses Nachtschwarz, ein frisches Steingrau oder etwa ein perliges Weiß oder doch ein Feuerrot? Uni oder Streifen? Und der Innenraum? Einheit von innen und außen oder Kontrast: außen Schwarz, innen Weiß oder umgekehrt? Hier dehnt der Designer seinen Einfallsreichtum bis an die Grenzen des Erträglichen. Jedoch: Stimmt die Balance? Schließlich haben wir ein funktionstüchtiges und gefälliges Produkt auszuliefern.

Und der Designer?

Eingebunden in das Regelwerk einer ökonomisch – strategischen Planungsarbeit, überrascht mit einfallsreichen Vorschlägen, ein hochrangiges Kompetenzteam entscheidet sich für oder gegen sie. Immerhin ist Entwicklungsarbeit teuer und die Reputation steht auf dem Spiel.

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