Andy Wallace fuhr mit einem Vorserienmodell des weiterentwickelten Bugatti Chiron 490,484 Kilometer pro Stunde schnell. Damit stellte der Le Mans-Gewinner und Bugatti-Testfahrer eine neue Bestmarke für Produkte eines Serienherstellers auf.

Wie schnell ist der? Damals, in den 1970ern, ich noch ein Grundschüler war, war dies die Frage aller Fragen. Mit ihr beurteilten meine Freunde und ich auf dem Schulweg jedes Auto, das uns interessierte. Denn vor gut 40 Jahren waren Serienautos, die schneller als 200 Kilometer pro Stunde fahren konnten, selten. Ein Auto zu treffen, das Inder Lage war, diese Marke zu durchbrechen, war immer ein Höhepunkt.

Auch im Motorsport lag die Latte damals in – heute greifbaren – Regionen. Lange standen die USA, damals noch das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, für Geschwindigkeit. Buddy Baker knackte 1970 mit seinem Dodge Daytona in Talladega als erster Tourenwagen-Fahrer die Marke von 200 Meilen pro Stunde. Ein Jahr später erreichte in Le Mans der Porsche 917 eine Geschwindigkeit von 396 Kilometern pro Stunde.

Mit diesem Vorserienmodell eines Bugatti Chiron war der Brite Andy Wallace in Ehra-Lessien unterwegs.
Mit diesem Vorserienmodell eines Bugatti Chiron war der Brite Andy Wallace in Ehra-Lessien unterwegs. Details zum Fahrzeug gibt Bugatti zurzeit nicht bekannt. Sie folgen sicherlich in der nächsten Woche auf der IAA in Frankfurt. (Foto: Bugatti)

Erst in den späten 1980er-Jahren knackten die Rennwagen an der Sarthe die Marke von 400 Kilometern pro Stunde. 405 Kilometer pro Stunde des Franzosen Roger Dorchy 1988 im WM P87 von Welter Racing gelten bis heute als Rekordmarke. Inzwischen liegen die Geschwindigkeiten dort wegen der 1990 eingefügten Schikanen niedriger. Zudem zählen heute in der Regel – im Alltag und auf der Rennstrecke – längst andere Werte.

Bugatti fährt 490,484 Kilometer pro Stunde! 

Trotzdem beeindruckt, wenn Bugatti ein Vorserienmodell des Bugatti Chiron 490,484 Kilometer pro Stunde fährt. Denn damit durchbricht Bugatti als erster „Serienhersteller“ die Marke von 300 Meilen pro Stunde. Gefahren wurde die neue Bestmarke Anfang August in Ehra-Lessien. Das VW-Testgelände verfügt über eine Hochgeschwindigkeitsstrecke. Deren 8,8 Kilometer langen Gerade ist mit zwei Kehren verbunden, die sich mit 200 Kilometern pro Stunde durchfahren lassen.

Bereits in den vergangenen Jahren trat Bugatti in Ehra-Lessien zu Rekordfahrten an. 2010 fuhr ein serienmäßiger Bugatti Veyron 16.4 in Niedersachsen bereits 431 Kilometer pro Stunde schnell. Vor zwei Jahren sorgte Juan Pablo Montoya hier für Aufmerksamkeit. Denn der Kolumbianer beschleunigte auf 400 Kilometer pro Stunde, um sofort wieder anzuhalten. Für diese Übung benötigte der Grand-Prix-Sieger nur 41,96 Sekunden.

Heck des überarbeiteten Bugatti Chiron. Bei der Überarbeitung half der Rennwagenbauer Dallara.
Heck des überarbeiteten Bugatti Chiron. Bei der Überarbeitung half der Rennwagenbauer Dallara. (Foto: Michelin)

Bei m aktuellen Rekordversuch tastete sich Andy Wallace kontinuierlich zur neuen Bestmarke vor. Der Brite tastete sich ab 300 Kilometer pro Stunde in Schritten von 50 Kilometern pro Stunde zur neuen Bestmarke vor. Ziel der Übung, herauszufinden, ob alle Bedingungen stimmen und der Chiron beim Auf- und Abtrieb optimal ausbalanciert ist. Die beiden Kehren der Strecke durchfuhr Wallace dabei jeweils mit einem Tempo von 200 Kilometern pro Stunde.

Bei seiner Rekordfahrt legte Wallace, der 1988 im Jaguar XJR-9LM in Le Mans gewann, 136 Meter pro Sekunde zurück. Bei seiner Rekordfahrt, die der TÜV zertifizierte, unterstütze der italienische Rennwagenhersteller Dallara die Volkswagen-Tochter Bugatti. Dallara optimierte die Aerodynamik des Sportwagens. Bei der Rekordfahrt rollte das Vorserienmodell eines modifizierten Bugatti Chiron auf Reifen von Michelin.

Michelin verstärkte für die Rekordjagd den Michelin Pilot Sport Cup 2 Reifen. Denn bei der Fahrt drehen sich die Reifen bis zu 4.100 Mal pro Minute. Weshalb die Techniker jeden eingesetzten Reifen vor dem Einsatz röntgen, um selbst kleinste Unregelmäßigkeiten auszuschließen. Beim Reifen war übrigens noch etwas „Luft“ nach oben. Denn nach Prüfstandtests gab Michelin den Reifen bis zu einer Geschwindigkeit von 511 Kilometern pro Stunde frei.

Das nutze Andy Wallace nicht ganz aus!

Andy Wallace bei der Rekordfahrt in Ehra-Lessien
Andy Wallace bei der Rekordfahrt in Ehra-Lessien (Foto: Bugatti)

Für den Briten war es übrigens nicht die erste Rekordfahrt in Ehra-Lessien. Denn bereits 1998 trieb Wallace den McLaren F1 an gleicher Stelle mit 391 Kilometern pro Stunde zum Rekord. Schon das beeindruckte. Umso mehr beeindruckt, dass der Brite 21 Jahre später die Marke um fast 100 Kilometer pro Stunde höher schraubte. Entsprechend stolz zeigte sich auch Bugatti-Präsident Stephan Winkelmann:

Bugatti zeigte einmal mehr, wozu wir in der Lage sind. Mit diesem neuen Rekord des Chiron betreten wir erneut absolutes Neuland. Nie zuvor erreichte ein Serienhersteller diese hohe Geschwindigkeit. Unser Ziel war es die magischen 300 Meilen pro Stunde zu erreichen, als erster Hersteller überhaupt.

Bugatti-Präsident Stephan Winkelmann

Gleichzeitig kündigte der Präsident der Marke Bugatti an, dass die Fahrt die letzte Rekordfahrt für Bugatti war. „Wir zeigten mehrfach, dass wir die schnellsten Autos der Welt bauen. Künftig legen wir unseren Fokus auf andere Bereiche“, so Winkelmann. Offenbar zählen auch im Bereich der Luxussportwagen inzwischen andere Werte. Die Frage, wie schnell ist der, ist nach dem Fallen der Marke von 300 Meilen pro Stunde, wohl ausreichend beantwortet. Oder?

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