Mit dem Cadillac ATS-V gibt es jetzt auch in der Mittelklasse ein Höchstleistungsmodell der amerikanischen Traditionsmarke. Ich war mit dem 470 PS starken Cadillac ATS-V Coupé unterwegs.

In gewisser Weise war die Testfahrt mit dem Cadillac ATS-V die Vereinigung zweier Autoerlebnisse, über die ich im Auto-Blog für echte Auto-Natives schon schreiben durfte. Denn mit dem „normalen“ ATS Coupé war ich bereits vor gut einem Jahr unterwegs. Und über die V-Serie von Cadillac würdigte ich bereits ausführlich in meiner Liebeserklärung für „Tinni-Bums“. Insofern war das Rendezvous mit dem ATS-V keine Reise ins Unbekannte.

Die heiße kleine Schwester – oder andere Töchter haben auch ihren Reiz!

Die Limousine Cadillac CTS-V hat mich – das muss ich an dieser Stelle wiederholen – nachhaltig begeistert. Das Leistungsgewicht von 2,8 Kilogramm pro Pferdestärke ist ein Versprechen automobiler Erotik. Das Auto ist in meinen Augen purer Sex auf Rädern. Angesichts dieser Faszination verzeiht der Sportfahrer in mir der großen Limousine mit Leichtigkeit die eine oder andere Schwäche. Denn ihr Kleid und ihre Aufmachung sind sicherlich nicht jedermanns Geschmack.

In diesem Sinne hat mein großer Autoflirt „Tinni-Bums“ mit dem Coupé Cadillac ATS-V in gewisserweise eine kleine heiße Schwester bekommen. Mit dem ATS-V hält das Label V-Serie bei Cadillac auch in der Mittelklasse Einzug. Das Prinzip bleibt das Gleiche. In das Spitzenmodell der Baureihe verpflanzen die Ingenieure einen leistungsstarken Hochleistungsmotor. Statt eines V8, wie er im CTS zu Hause ist, gibt es im ATS-V einen V6 mit 3,6 Liter Hubraum. Diesen lädt Cadillac mit einem Twin-Turbo auf, beim V8 des CTS vertraut Cadillac auf einen Kompressor.

Dank der Zwangsbeatmung stemmt der Kurzhuber (86 Millimeter Kolbenhub steht einer Bohrung von 94 Millimetern gegenüber) bei einer Nenndrehzahl von 5.850 Umdrehungen pro Minuten freundliche 470 PS auf seine Kurbelwelle. Dazu paart Cadillac die Leistung mit einem maximalen Drehmoment von 603 Newtonmetern, das bei 3.500 Umdrehungen pro Minute zur Verfügung steht. Auch wenn das formal nicht mit dem V8 im CTS mithält, sich auch das extrem beeindruckende Werte.

Angesicht seines Leergewichts von 1.693 Kilogramm verfügt der Cadillac ATS-V über ein Leistungsgewicht von 3,6 Kilogramm pro Pferdestärke. Das liegt auf dem Niveau von Sportgeräten wie dem BMW M5 (3,5 KG/PS), dem Audi RS6 (3,6 KG/PS), dem Mercedes C AMG (3,6 KG/PS) oder dem BMW M3 (3,7 KG/PS). Klingt, als ob das amerikanische Coupé sich in bester Gesellschaft befindet.

 

Cadillac ATS-V – gemacht, um die Straße zu fressen

Optisch unterscheidet sich der ATS-V deutlich von seinen zahmeren Brüdern. Besonders mit dem optionalen Sport Carbon Paket glänzt das Coupé mit einem für heutige Verhältnisse ausladenden Spoilerwerk. Eindrucksvoll sind auch die großen Lufteinlässe an der Fahrzeugfront. Damit wirkt das Coupé, als ob es die Straße fressen will. Und ganz falsch ist dieser Eindruck definitiv nicht. Denn auf der Straße ist die amerikanische Interpretation des Sportcoupés fast schon waffenscheinpflichtig.

Die Entwickler haben die Karosseriestruktur des Coupés gewichtsoptimiert und versteift. Dazu änderten sie auch das Fahrwerk, um die bei sportlicher Fahrt stärkeren Kurven- und Drehmomentbelastungen zu verdauen. Zum ATS-V gehören daher andere Lager, um die Fahrwerkskomponenten mit der Karosserie zu verschrauben. Zudem gibt es eine Domstrebe sowie größer dimensionierte Stützstreben zwischen Hinterachsrahmen und Karosserie. Insgesamt ist das ATS-V Coupé um die 25 Prozent steifer als ein „normaler“ ATS.

Damit die mit diesem Auto mögliche Geschwindigkeitsorgie nicht in der Katastrophe endet, hat Cadillac dem ATS-V eine Bremsanlage vom Brembo spendiert. Mit Bremsscheiben, die größer als das Lenkrad sind. Dazu gibt es eine integrierte Fahrwerkskontrolle inklusive Traktionskontrolle, was auch ungeübten Fahrern den Umgang mit Leistung und Kraft des ATS-V ermöglicht. Wer diese elektronischen Helfer wie ich abschaltet, braucht starke Nerven. Denn jetzt ist er mit einem Sportgerät unterwegs, das eher auf die Rennstrecke als die Landstraßen gehört.

Wie weit Cadillac die V-Serie optimiert, zeigt die Wahl der Reifen. Das ATS-V Coupé rollt auf Reifen von Michelin. Doch der eingesetzte „Pilot Super Sport“ im 18“-Format (255/33 ZR 18 vorne und 275/35ZR 18 hinten) verfügt über eine Herstellerkennung. Denn auf der Lauffläche kommen drei unterschiedliche Gummimischungen zum Einsatz, um das Fahrverhalten des Coupés zu optimieren. Ein nettes Spielzeug ist auch der als Extra angebotene Fahrleistungsdatenspeicher. Mit ihm kann der Sportfahrer Leistungsdaten (Drehzahl, Geschwindigkeit, Gang, Querbeschleunigung, Gaspedalstellung, Bremsdruck) und hochauflösende Videos von seiner Fahrt aufzeichnen.

In formidablen 3,9 Sekunden gelingt der Sprint aus dem Stand auf das Landstraßentempo von 100 Kilometern pro Stunde. Wer will, der kann den Sprint bis zu einer Endgeschwindigkeit von 304 Kilometern pro Stunde fortsetzen. Was sich – leider – in den meisten Fällen nur als theoretische Möglichkeit erweist. Denn unsere Autobahnen sind in aller Regel, wenn sie nicht mit einem Tempolimit belegt sind, zu voll, um das Coupé auszufahren.

Put the pedal to the metal

Trotzdem gewinne ich bei meiner Testfahrt einen Eindruck davon, was der Cadillac ATS-V kann. Den Sprint von Tempo 50 in der Autobahnauffahrt bis auf Tempo 250 legt das amerikanische Spaßgerät in meinen Händen locker und ohne jede Anstrengung in etwas mehr als 20 Sekunden hin. Dieser Selbstversuch zeigt, wie brutal es den Cadillac nach vorne reißt, wenn der Lenkraddreher dem Wahlspruch „Put the pedal to the metal“ folgt. Dieses Beschleunigungsvermögen hat ein großes Suchtpotenzial.

Zeitweise erinnert mich die Fahrt im Cadillac ATS-V auch an den Tiefflug im Kampfjet. Dazu trägt neben der verhältnismäßig kleinen Glas-Haube des Coupés auch die Sitzposition bei. Ich sitze trotz meiner Länge sehr tief. Dadurch vermittelt die hohe Seitenlinie ein Gefühl von Geborgenheit. Über meinem Kopf thront die „Kanzel“ des Cockpits. Dank der großzügig eingesetzten Glasflächen ist das Sportcoupé sehr übersichtlich. Diese Übersichtlichkeit gefällt nicht nur bei höheren Geschwindigkeiten. Sie erweist sich auch beim Cruisen als Vorteil. Es macht Spaß, die Leute und ihre Reaktion auf den Cadillac ATS-V zu beobachten.

Nur eine Minderheit weiß, dass das ATS-V Coupé ein Spielzeug für echte Sportfahrer ist. Aber auch das ist eine Analogie zum Leben. Schließlich ist es doch nur wichtig, dass die richtige Deine Gefühle kennt. Die Mehrheit schaut verwundert. Kein Wunder, denn der Sound der Auspuffanlage ist aufdringlich. Das Spoilerwerk auffällig. Mit jeder Schraube unterstreicht der Cadillac seine Potenz. Die Botschaft ist eindeutig! Wehe, wenn ich von der Kette gelassen werde. Dann wird Euch hören und sehen vergehen. Das Versprechen des ATS-V hat etwas vom Jüngsten Gericht – ohne hier und heute in Blasphemie zu verfallen.

Zusammengefasst: Auch das Cadillac ATS-V Coupé ist ein Auto für den echten Sportfahrer. Bei Beschleunigung und Fahrverhalten haben die Entwickler offensichtlich den Einsatz auf der Rennstrecke vor Augen gehabt. Gleichzeitig kann Hochleistungsauto im Alltag auch sanft und umgänglich sein. Das macht das Coupé – schon zuvor den von von mir „Tinni-Bums“ getauften Cadillac CTS-V – zu einer perfekten Begleitung für den ambitionierten Sportfahrer.

Anfang 2016 steht der ATS-V bei den Händlern. Der Einstieg in das ATS-V Coupé erfordert 72.500 Euro. Das Track-Performance-Paket meines Testwagens belastet die Haushaltskasse mit weiteren 4.200 Euro.


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Infos zum Titelbild dieses Beitrags:

Auch der Cadillac ATS-V Coupé ist von außen ganz klar als Sportgerät zu erkennen. Dabei ist der Amerikaner keine Luftnummer. Mit einer Höchstgeschwindigkeit von 304 Kilometern pro Stunde hat es das Coupé faustdick hinter den Ohren.

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Author

Tom wuchs als Kind der späten 60er-Jahre in einem ausgesprochen automobilen Umfeld auf. Das wirkt bis in die Gegenwart nach und ist ein guter Nährboden, um heute über Autos zu schreiben.

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