An den Chrysler Patriot erinnern sich nur absolute Sportwagen-Fans. Denn die Idee, mit einer Gasturbine und Schwungrad-Speicher einen Hybridantrieb zu bauen, kam über großspurige Ankündigungen nicht hinaus.

Die 24 Stunden von Le Mans ziehen traditionell Projekte an, bei denen – vorsichtig formuliert – ein gewisser Optimismus die treibende Kraft ist. Das passiert sogar großen Autobauern. Denn wie kam es sonst vor fünf Jahren zum Nissan GT-R LM Nismo von Nissan? Doch der japanische Autobauer brachte seinen Exoten immerhin ins Rennen. Der US-Autoriese Chrysler kam mit seinem Sportprototypen Chrysler Patriot nicht einmal so weit. Kein Wunder, dass sich in Deutschland kaum jemand an den Rennwagen von Chrysler erinnert.

„Slideshow oder Shutdown?“ schrieb das Magazin „AutoWeek“

Genauso wie bei Nissan begleiteten auch den Chrysler Patriot bereits bei seiner Premiere extrem großspurige Ankündigungen. Doch der Reihe nach: Im Januar 1994 stellte Chrysler das Projekt auf der North American International Auto Show in Detroit vor. Der Autobauer plane, schon 1995 mit einem „revolutionären Hybrid-Antrieb in Daytona, Sebring und Le Mans“ anzutreten. Die Presse nahm die Ankündigung auf. Das US-Magazin „AutoWeek“ widmete dem Projekt sogar eine Titelstory, zeigte sich dabei jedoch eher zurückhaltend kritisch.

Auch das Wall Street Journal berichtete über das Fahrzeug, ließ dabei jedoch deutlich weniger Zurückhaltung erkennen. Dabei gab es Details zum Antriebskonzept erst ein paar Monate später. Doch auch bei einem extra dazu angesetzten Pressetermin im ansonsten sagenumworbenen Forschungs- und Entwicklungs-Center Liberty and Technical Affairs von Chrysler in Rochester Hills blieb vieles im Nebel. Zudem nahm es die Presseabteilung des Autobauers bei diesem Termin mit der Wahrheit nicht ganz genau, berichteten sie doch von erfolgreichen ersten Tests im britischen Donington.

Präsentation des Chrysler Patriot 1994
Heute nennt Chrysler seinen gescheiterten Rennwagen „Chrysler Patriot Hybrid Project“. Klingt ja auch irgendwie besser 😉
Im Hintergrund ist die Gasturbine mit dem Stromgenerator zu sehen. (Foto: FCA –Chrysler)

Fotos und Videos mit einem fahrenden Chrysler Patriot, optisch ein typischer WSC-Sportwagen dieser Jahre, sollten diese Aussagen belegen. Was die Presseleute verschwiegen, aus eigener Kraft fuhr der revolutionäre Rennwagen bei diesem „Test“ nicht. Weil das mit dem Fahren nicht funktionierte trickste Chrysler und ließ ein Zugfahrzeug den Boliden anschleppen. „Testfahrer“ Andy Wallace musste das Zugseil vor Bergabpassagen loslassen, um mit dem Patriot den folgenden Berg hinabzurollen. Fotografen und Kameraleute nutzen diese kurzen Momente, um „Fahrbilder“ zu schließen. Gut möglich, dass diese Erfahrung Wallace deshalb heute qualifiziert, den aus Lego gebauten Bugatti Chiron zu fahren.

Wie sah der Antrieb des Chrysler Patriot aus?

Eigentlich hätte der Chrysler Patriot elektrisch fahren sollen. Um Gewicht zu sparen, gab es an Bord jedoch keine schweren klassischen Batteriend. Stattdessen verfügte der Rennwagen über ein Schwungrad, das als mechanische Batterie Energie für den Antrieb bereitstellen sollte. Ganz unbekannt ist diese Technik auch im Motorsport nicht. Porsche bestückte vor einigen Jahren bei den 24-Stunden am Nürburgring einen 911 GT 3 R Hybrid mit einem Schwungradspeicher. Die Technologiefirma des Formel-1-Team Williams entwickelte so ein System für den Einsatz in Elektro-Bussen.

Als Range-Extender und Stromerzeugung verfügte der Chrysler Patriot über eine kleine mit Erdgas befeuerte Gasturbine. Mit der Gasturbine beschäftigte sich Chrysler schon in den 1950er-Jahren. Sie galt schließlich einst als der ganz heiße Shit, der eines Tages unsere Autos antreiben sollte. Ab 1963 testete der US-Autobauer mit dem Chrysler Turbine Car die Gasturbine sogar in den Händen ausgewählter Kunden. Damit ging der US-Autobauer bei diesem Thema weiter als alle anderen Autobauer. Zum Serieneinsatz kam es trotzdem auch bei Chrysler nicht. Ein zweiter Versich in den 1970er-Jahren scheiterte ebenfalls, die Gasturbine geriet in Vergessenheit.

Antriebseinheit des Chrysler Patriot
Herzstück der Antriebseinheit des Chrysler Patriot war ein Schwundrad. Es lief mit bis zu 58.000 Umdrehungen pro Minute – wenn es denn lief! Links neben dem Schwundrad befinden sich die Gasturbine und der Stromerzeuger. (Foto: FCA – Chrysler)

Trotzdem gab es Chrysler auch gut 20 Jahre später immer noch Know-how zur Gasturbine. Mit der Kopplung mit einem Elektroantrieb sah der Autobauer 1994 eine neue Chance. Was übrigens, das einmal nebenbei, etwas an heutige Wünsche von Wankelfreunden erinnert. Denn auch sie hoffen auf ein Comeback ihres Lieblingsmotors als Range Extender. Warten wir auch das mal ab. Bei der Gasturbine war die Hoffnung vergebens. Denn die Gasturbine funktionierte auch als Range Extender nicht. Zumindest nicht im Sport-Prototypen Chrysler Patriot.

Die Turbine des Sportwagen sollte mit einer Drehzahl von bis zu 28.000 Umdrehungen pro Minute laufen. Doch bei so hohen Drehzahlen überhitzte die Turbine regelmäßig, wobei sogar die Turbinenschaufeln schmolzen. Dieses Problem ließ sich vor einem Vierteljahrhundert nicht lösen. Daher wurde es schnell wieder es ruhig um das Rennsportprojekt von Chrysler. Der revolutionäre Rennwagen blieb bald für immer in der Box. Er rannte trotz der großspurigen Ankündigungen weder in Daytona noch in Sebring oder Le Mans.

Schreib einen Kommentar

Mit dem Absenden des Kommentars übermittelten Sie uns Ihren Namen, Ihre E-Mail-Adresse, Ihre IP-Adresse, Ihre URL (sofern angegeben) und Ihren Kommentartext. Gleichzeitig stimmen Sie ausdrücklich der Speicherung und der Veröffentlichung des Kommentars zu. Die Veröffentlichung erfolgt ohne E-Mail- und IP-Adresse. Diese Daten dienen dem Schutz vor Missbrauch der Kommentarfunktion (SPAM) und werden anschließend automatisch gelöscht. Wir behalten uns vor, Kommentare ohne Angabe von Gründen nicht zu veröffentlichen oder die Links zu entfernen. Ein Anspruch auf Veröffentlichung des Kommentars besteht nicht.