Fabrikneue Vorkriegsoldtimer? Gibt es offiziell eigentlich nicht. Eigentlich, denn Bentley plant den Bau neuer Fahrzeuge des Typs Bentley 4½-Litre. Im Rahmen ihrer Continuation Series bauen die Spezialisten der Bentley-Abteilung Mulliner in den kommenden zwei Jahren zwölf Exemplare des legendären Bentley Blower nach.

Der Bentley 4½-Litre ist eine Legende. Bereits 1928 gewinnen Woolf Barnato und Bernard Rubin mit „Old Mother Gun“ die 24-Stunden von Le Mans. Wobei der mächtige Vierzylinder seine Atemluft bei diesem Erfolg noch selbstständig ansaugt. Denn erst im Winter 1928/29 bestückt Sir Henry „Tim“ Birkin den Bentley 4½-Litre mit einem Roots-Kompressor. Die Finanzierung seines Umbaus übernimmt mit Dorothy Paget eine Bekannte des Rennfahrers.

Mit dem Geld der Mäzenin stellt Birkin vier fahrfähige Bentley Blower fertig. Diese „Birkin Team Cars“ zählen heute zu den wertvollsten Bentleys überhaupt. Walter Owen Bentley begeisterte das Projekt nicht. „To supercharge a Bentley engine was to pervert its design and corrupt its performance …“, urteilte der Bentley-Gründer. Doch die Bentley-Boys, zu denen Birken zählte, glaubten an das Kompressor-Konzept. Und sie haben bei Bentley längst das Sagen!

Der Verkauf der Bentley Blower zieht sich bis 1933!

Bentley-Mehrheitsaktionär Barnato setzt die Serienproduktion durch. Denn erst wenn Bentley 50 Exemplare des 4½-Litre mit einem Kompressor bestückt, darf der Sportwagen so auch in Le Mans rennen. Walter Owen Bentley produziert zunächst die benötigten Einzelteile. Mit ihnen will der (nur noch) Bentley-Geschäftsführer dann die Autos auf Bestellung bauen. Ein Kompromiss, der die Homologation verzögert.

Bentley Blower von 1929 von oben
Der Bentley Blower von 1929 von oben – die leichte Rennsport-Karosserie stammt vom Karosseriebauer Vanden Plas (Foto: Bentley)

In Le Mans gewinnen Barnato und Birkin 1929 mit dem größeren 6 ½ Litre Speed Six. Dessen Sechszylindermotor verfügt zwar über vier Ventile und zwei Zündkerzen pro Zylinder, saugt das Benzin-Luft-Gemisch jedoch weiter selbst an. Erst 1930 meldet die „Honourable Miss Dorothy Paget“ drei Bentley Blower in Le Mans zum Rennen an. Zwei der Fahrzeuge nehmen schließlich tatsächlich am Rennen teil, fallen jedoch gegen Mittag aus.

Weshalb der Absatz der Bentley Blower des Werks hinter den Erwartungen zurückblieb. Der letzte Bentley Blower entsteht sogar erst 1933 nach der Übernahme des Autobauers durch Rolls-Royce. Da hatten die Bentley-Boys schon die Lust am Motorsport verloren. Insgesamt traten die vier von Birkin gebauten Bentley Blower nur bei zwölf Rennen an. Weshalb Bentley in den kommenden zwei Jahren im Rahmen der Continuation Series zwölf neue Exemplare baut. Marketing braucht halt immer eine gute Story!

Vorlage der Continuation Series ist ein 3D-Scan von UU 5872

Zum Start des Projekts zerlegen die Spezialisten der Bentley-Abteilung Mulliner den Bentley Blower mit der Fahrgestellnummer HB 3403. Dieser Blower gehört heute dem Autobauer, der selbst seit 1999 Teil von Volkswagen ist. Bei HB 3403 handelt es sich um den Zweiten der vier Fahrzeuge aus der Birkin-Werkstatt. Der Wagen, der das britische Kennzeichen UU 5872 trägt, entstand als Standard 4½-Litre mit vier Sitzen (Radstand 3302 Millimeter). Die Original-Karosserie stammte vom Karosseriebauer Harrison.

Cockpit des Bentley Blower von 1929
Cockpit des Bentley Blower von 1929

Renneinsätze des Bentley Blower mit dem Kennzeichen UU 5872:

13. Juli 1929: 8. Platz beim GP von Irland in Phoenix Park mit Bernard Rubin

17. August 1929: Ausfall mit Überschlag bei der Tourist Trophy auf dem Ards Circuit mit Bernard Rubin

9./10. Mai 1930: Ausfall bei den Double Twelve in Brooklands mit Tim Birkin und Jean Chassagne

21./22. Juni 1930: Ausfall nach 138 Runden (20 Stunden) bei de 24 Stunden von Le Mans mit Tim Birkin und Jean Chassagne

19. Juli 1930: 4. Platz beim Grand Prix von Irland in Phoenix Park mit Tim Birkin

23. August 1930: Ausfall bei der Tourist Trophy mit Tim Birkin

4. Oktober 1930: 2. Platz bei den 500 Meilen von Brookland mit Eddie Hall und Dudley Benjafield

Dorothy Paget kauft das Fahrzeug, um es Tim Birkin zur Verfügung zu stellen. Der Rennfahrer rüstet einen Kompressor nach und läßt das Fahrgestell bei Vanden Plas auf einen Radstand von 2984 Millimetern kürzen.

Zudem fertigt der Karosseriebauer eine leichte Rennsport-Karosserie (Body-Nr. 1656). 1929 und 1930 tritt UU 5872 bei insgesamt sieben Rennen an, fällt jedoch in der Regel aus.

1933 kaufte ein Herr Mavrogodato den Rennwagen. 22 Jahre später ging das Fahrzeug an einen Herrn Sears, der es irgendwann in einer Scheue abstellte. Nach einer umfangreichen Restauration erwarb Bentley das Fahrzeug, um es (überwiegend) im eigenen Firmen-Museum auszustellen.

Zwischendurch nehmen beneidenswerte Journalisten auf dem Beifahrersitz Platz. Wolfgang Wieland berichtete vor zwei Jahren für das Handelsblatt von so einer Mitfahrt.

Continuation Series entspricht UU 5872

Die aktuell fällige Inspektion des Vorbilds UU 5872 nutzen die Spezialisten von Mulliner, um alle Teile zu katalogisieren. Dabei erfassen sie alle Teile mit einem 3D-Scanner. So entsteht ein vollständiges digitales Abbild des ehemaligen Rennwagens. Auf dieser Grundlage bauen die Techniker der Bentley-Abteilung Mulliner anschließend die zwölf neuen Bentley Blower der Continuation Series auf.

Bentley Blower von 1929 vor ein paar Wochen in Goodwood
Bentley Blower von 1929 vor ein paar Wochen in Goodwood (Foto: Bentley)

Beim Bau der Neuen beschränken sich die Mechaniker auf Techniken und Werkzeuge der 1920er-Jahre. Dadurch entstehen zwölf neue Bentley Blower, die dem Original mechanisch, ästhetisch und spirituell fast 1:1 ähneln. Denn sie weichen nur dort, wo es Sicherheitsbedenken gibt und unsichtbar bleibt, vom Original ab. Wie früher stehen die Neubauten auf einem gepressten Stahlrahmen. Eine halbelliptische Blattfederung dämpft Stöße der Straße.

Der aus Gusseisen gefertigte Zylinderkopf mit vier Ventilen pro Zylinder sitzt auch bei den Nachbauten unverrückbar auf einem Kurbelgehäuse aus Aluminium. Die vier Zylinder bewegen sich in gusseisernen Laufbuchsen auf und ab. Auch den Kompressor vom Typ Amherst Villiers Mk IV bauen die Techniker 1:1 nach. Dank ihm soll der 4.398 ccm große Motor 240 PS bei 4.200 U/min leisten. Und wie früher verzögern 17,75“ große mechanische Trommelbremsen den Vorwärtsdrang.

Das Originalfahrzeug setzen die Techniker nach dem Scan ebenfalls wieder zusammen. Schließlich führt Bentley das Original trotz eines Versicherungswerts von inzwischen 25 Millionen Pfund bis heute regelmäßig aus. Womit auch klar wird, wo die Zielgruppe für die Nachbauten sitzt. Denn obwohl Bentley bisher keinen Preis nennt, weniger als ein Original kosten Neubauten auf jeden Fall.

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