Das Verhältnis zu unseren westlichen Nachbarn ist einfach. Solange wir im Fußball gewinnen, ist die Welt für uns östlich des Rheins in Ordnung. Ansonsten sind die Holländer natürlich die besseren Deutschen. In dem kleinen Land ist es meist sauber, alles wirkt wohlgeordnet. Die Straßen sind in einem guten Zustand, die „Pommes Special“ meist hervorragend. Dazu versorgen uns die Niederländer mit sogenannten Tomaten und Käse.

Im Autobau versuchten sich die Niederländer zeitweise auch und blieben mit einigen ungewöhnlichen Lösungen in Erinnerung. Im Mai haben wir hier im Auto-Blog für die echten Auto-Natives über die von der J.J. Molenaar’s Car Companies in den Niederlanden gebauten Mini berichtet. Molenaar fertigte im holländischen Amersfoort den britischen Klassiker bereits ab 1959 in Lizenz.

Das rechnete sich, weil damals der Import von Autos aus Großbritannien in die Niederlande mit vergleichsweise hohen Zöllen belegt war. Mit diesen Abgaben sollten Industriearbeitsplätze in den Niederlanden geschützt werden. Deshalb fielen beim Import von Teilesätzen, die erst in den Niederlanden zum Auto werden sollten, keine besondern Zölle an. Mit dem Beitritt Großbritanniens zur EWG entfielen die Zollschranken. Die BMC bekam einen freien Zugang zum Markt in der EWG, J.J. Molenaar beendete 1966 die Produktion des Minis.

DAF 600 – Oder wenn ein Lkw-Bauer Kleinwagen macht

Acht Jahre zuvor hatte der Lkw-Hersteller DAF am Stammsitz in Eindhoven (Niederlande) die Fahrzeugproduktion aufgenommen. Das Erstlingswerk der Lkw-Bauer wurde im Februar 1958 auf der Amsterdamer Automobilausstellung der Öffentlichkeit vorgestellt. Schon der Kleinwagen DAF 600 verfügte über die Transaxle-Bauweise und das Variomatic-Getriebe, die die für die Fahrzeuge von DAF typisch sein sollten.

DAF 600
Nicht nur bei Harry Potter fliegen Autos, der DAF 600 auf der Amsterdamer Automobilausstellung 1960 (Foto: Wouter Hagens)

Der Zweizylinder-Boxermotor (590 ccm, 22 PS bei 4.000/min) des DAF 600 saß vorne, das Getriebe war an der Hinterachse eingebaut. Das Prinzip Transaxle hatte Ettore Bugatti 1929 mit dem Bugatti Typ 46 in den Autobau eingeführt. Die Bauweise wird von Autofreunden bis heute eher mit Sportwagen in Verbindung gebracht.

Denn sportliche Fahrzeuge profitieren besonders von der ausgewogenen Gewichtsverteilung, die die Verteilung von Motor und Getriebe an zwei Achsen möglich macht. Der Nachteil, dass das an der Hinterachse angebrachte Getriebe Platz benötigt und sich deshalb negativ auf die Kofferraumgestaltung auswirkt, fällt bei Sportwagen naturgemäß nicht so auf.

Mit Einzelradaufhängungen, vorn an einer radführenden Querblattfeder und Dämpferbeinen mit Zahnstangenlenkung und hinten an Pendelhalbachsen mit Schraubenfedern und Teleskopstoßdämpfern, verfügte der DAF 600 beim Debüt 1958 über ein modernes Fahrwerk. Auch die 12 Zoll großen Räder waren vor 55 Jahren nicht ungewöhnlich. Gebremst wurde der DAF 600 mit hydraulisch betätigten Trommelbremsen an allen Rädern.

Kein DAF ohne Variomatic

Beim Getriebe ging DAF einen Sonderweg. Denn die Kraft des Motors wurde über eine Fliehkraftkupplung und das berühmte Variomatic-Getriebe auf die Straße gebracht. Das Riemengetriebe ermöglichte eine stufenlose Kraftübertragung, wie sie heute bei Motorrollern oder Mopeds gern genutzt wird.

Der Aufbau der DAF Variomatic ist relativ einfach. Ein breiter Keilriemen läuft zwischen konischen Riemenscheiben-Paaren. Je nach Drehzahl ändert sich auf beiden Seiten der Abstand der Riemenscheiben. Weil sich die Riemenscheiben-Paare gegenläufig bewegen, ergibt sich dabei eine stufenlose Änderung des Übersetzungsverhältnisses.

Zur Bewegung der Riemenscheiben arbeitet die DAF Variomatic Fliehgewichten, die von den Zentrifugalkräften gegen Federn nach außen gedrückt werden. Zusätzlich verstärkt wird die Verstellkraft – ähnlich wie bei Bremskraftverstärkern – durch den Sog aus dem Ansaugtrakt des Motors. Das hatte den lustigen Effekt, dass ein DAF bei langsamer Rückführung des Gaspedals weiter beschleunigte.

Um Rückwärtsfahren zu können, verfügt das Getriebe über eine Umkehrung. Damit ist es möglich, mit einem DAF genauso schnell rückwärts wie vorwärts zu fahren. Wobei entsprechende Versuche gern in Überschlägen endeten. Denn der Nachlauf der Lenkachse, der bei Vorwärtsfahrt die Räder automatisch in die ‚Geradeaus‘-Richtung bringt, verkehrt sich beim Rückwärtsfahren in das Gegenteil. Scharfe Lenkmanöver warfen den rückwärtslaufenden DAF bei höheren Geschwindigkeiten gern auf das Dach.

DAF verabschiedet sich vom Autobau, die Variomatic bleibt.

In den 1970er-Jahren verabschiedete sich DAF vom Autobau. Bereits 1972 beteiligte sich Volvo mit 25% an der Autosparte. Drei Jahre später stockten die Schweden ihren Anteil auf 75% auf und übernahmen auch das 1967 eröffnete Werk in Born. Bestandteil der Übernahme war auch der noch von DAF entwickelte Typ 77, der ab 1976 als Volvo 343 bei den Händlern stand. Das schließlich bis 1991 gebaute Mittelklassemodell war das letzte Modell mit der DAF Variomatic.

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