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Tom Schwede, bewegt alles, was vier Räder hat Hallo, ich bin Tom — zusammen mit der Auto Blogger Crew mit viel Benzin im Blut blogge ich hier im Auto-Blog für Auto-Natives über Autos. Seit 2007 gibt es in diesem Blog regelmäßig Reportagen, Tests und Meinungen rund ums Auto. Dazu zählen auch Beiträge über Oldtimer oder Youngtimer sowie über Motorsport.

 


Am Ende steht die einfache Erkenntnis: Irgendwann kommt immer einer, der schneller ist. Das gilt offenbar auch für den Pikes Peak International Hill Climb. Denn dort trieb Romain Dumas gestern den elektrischen I.D. R Pikes Peak von Volkswagen als Schnellster den Berg hinauf. Dabei knackte der französische Pilot nicht nur die Bestzeit für Elektroautos. Dumas fuhr auch absoluten Rekord und unterbrach die bisher von Sébastien Loeb gehaltene Bestmarke um satte 16 Sekunden.

Die Nachricht von der Rekordfahrt verbreitete sich gestern in Windeseile. An der einen oder anderen Stelle las ich etwas von einer Zeitenwende. Frei nach dem Motto „das ist der Beweis für die Überlegenheit des Elektroautos“. 1899 dachten die Zeitgenossen wahrscheinlich ähnlich. Denn damals war der belgische Rennfahrer und Automobilkonstrukteur Camille Jenatzy als erster Mensch mit dem Auto mehr als 100 Kilometer pro Stunde schnell. Dessen Rekordfahrzeug La Jamais Contente war ein Elektroauto.

Die Geschichte zeigt, dass das Elektroauto schon 1899 ein Irrtum war!

Die Marke von 200 Kilometern pro Stunde durchbrach ein Dampfwagen als Erster. Doch auf lange Sicht war der Verbrennungsmotor nicht aufzuhalten. Und ich denke, dass auch der Erfolg des I.D. R Pikes Peak eher eine gelungene Marketingmaßnahme als eine Zeitenwende darstellt. Mit kapazitätsstarken Batterien an Bord wie beim I.D. R Pikes Peak wird das Elektroauto keine Erfolgsgeschichte. Denn Batterien sind angesichts ihres hohen Gewichts im mobilen Betrieb ein bewegter Widerspruch. Dazu kommen die nicht praxistauglichen Ladezeiten und die horrenden Kosten für den Aufbau einer Ladeinfrastruktur.

Zudem ist kaum ein Motorsport-Event besser für ein Elektroauto geeignet als das „Race To The Clouds“. Schließlich liegt die Fahrzeit auf der fast 20 Kilometer langen Strecke inzwischen deutlich unter zehn Minuten. Romain Dumas durchbrach gestern bei seiner Rekordfahrt mit einer Zeit von 7.57,148 Minuten als erster Pilot am Pikes Peak die Marke von acht Minuten. Der Elektromotor ist in den Bergen im Vorteil. Denn die Höhenlage sorgt dafür, dass Verbrennungsmotoren auf dem Weg nach oben durch den geringen Sauerstoffgehalt der Luft an Leistung verlieren. Zur Erinnerung, der Start erfolgt auf 2.862 Metern Höhe. Das Ziel liegt 4.302 Meter hoch. Wie viel Sinn es macht, das Gewicht der Batterien den Berg hinaufzufahren, ist eine andere Frage.

Trotzdem fasziniert der Speed des elektrischen Volkswagens I.D. R Pikes Peak natürlich!

Und für Volkswagen ist der Sieg das Ende einer langen Leidensgeschichte. Denn schon 1985 bis 1987 stellte sich Volkswagen der Herausforderung in Colorado. Damals entstanden mithilfe des legendären Formel-Vau Konstrukteurs Kurt Bergmeister die heute legendären Bi-Motor-Golf. Der Hamburger Rallye-Fahrer Jochi Kleint wurde mit dem Bi-Motor-Golf 1985 Dritter. Ein Jahr später folgte Platz vier. Beides Mal verhinderten Kleinigkeiten den ganz großen Erfolg.

Die Doppelherz-Legende vom Pikes Peak - der Bi-Motor-Golf von 1987 nach der Restauration.
Die Doppelherz-Legende vom Pikes Peak – der Bi-Motor-Golf von 1987 nach der Restauration (Foto Volkswagen)

Doch der Mißerfolg war zu verschmerzen. Denn damals verlor Volkswagen gegen die eigene Tochter Audi, die in Colorado mit dem heute ebenfalls legendären Audi Quattro antrat. Besonders die Bilder, wie 1987 Walter Röhrl den Berg hinauf jagte, sind unvergesslich. Sie tragen bis heute viel zur Faszination dieses Bergrennens bei. Daran ändert auch nicht, dass die Strecke seit 2011 inzwischen vollständig asphaltiert ist. Womit die Staubfahnen, die die Bilder der damaligen Rekordfahrt dominieren, inzwischen der Vergangenheit angehören.

Insofern stellt sich die Frage, was wirklich von der Rekordfahrt von Romain Dumas mit dem elektrischen I.D. R Pikes Peak von Volkswagen bleibt? Der Wolfsburger Autobauer bezeichnet den elektrischen Rennwagen als sportlichen Vorboten der I.D. Familie von Volkswagen. Das ist die angekündigte Elektrolinie des deutschen Autobauers. Die zielt auf den Einsatz in Großstädten, wo es durchaus sinnvoll erscheint, auf lokale Emissionen zu verzichten. Und zur Einführung dieser Produktlinie ist der Erfolg am Pikes Peak sicher eine gute Marketingmaßnahme.

Doch wie kam eigentlich der Strom in die Berge?

Sportlich ist Romain Dumas und Volkswagen nicht mehr zu nehmen, am Pikes Peak als Erste unter acht Minuten gefahren zu sein. Das bleibt. Doch technisch bestätigt der I.D. R Pikes Peak am Ende meine Vorbehalte gegen das Elektroauto. Denn in der Einöde der Berge von Colorado ist die notwendige Lade-Infrastruktur nicht vorhanden. Zudem fürchteten die Techniker, dass Dumas unter Umständen beispielsweise nach einer Unterbrechung durch den Unfall eines Vorausfahrenden einen neuen Anlauf nehmen muss.

Romain Dumas 2018 im elektrischen I.D. R Pikes Peak
Romain Dumas 2018 im elektrischen I.D. R Pikes Peak (Foto Volkswagen)

Denn in diesem Fall stehen laut dem Reglement des Rennens nur rund 20 Minuten Zeit zur Verfügung, um die Batterien erneut zu laden. Deshalb konstruierte das Team von Volkswagen Motorsport spezielle Generatoren, die das Team im Fahrerlager unterhalb des Starts aufstellte. In diesen erzeugt ein mit Glycerin betriebener Verbrennungsmotor den für die Ladung des I.D. R Pikes Peak benötigten Stroms. Womit sich das Schlagwort von „lokal emissionsfrei“ etwas relativiert.

Trotzdem geben die Verbrenner der Generatoren einen interessanten Fingerzeig. Denn Volkswagen betrieb sie mit Glycerin. Das ist chemisch gesehen ein Zuckeralkohol und verbrennt nahezu völlig ohne schädliche Abgase oder Rückstände. Und am Ende ist es wie immer, auch hinter dem Erfolg des elektrischen I.D. R Pikes Peak steht ein Verbrennungsmotor. Denn ohne den Generator wäre in den Bergen von Colorado das Laden des Elektrorennwagens nicht in der vorgeschriebenen Zeit möglich gewesen. Noch Fragen?


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Infos zum Titelbild dieses Beitrags:
Romain Dumas 2018 im elektrischen I.D. R Pikes Peak

Foto: Volkswagen (ID: DB2018AL00460)

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Tom wuchs als Kind der späten 60er-Jahre in einem ausgesprochen automobilen Umfeld auf. Das wirkt bis in die Gegenwart nach und ist ein guter Nährboden, um heute über Autos zu schreiben.

3 Comments

  1. Hi Tom,

    die Strecke da hoch kenne ich aus eigenem Erleben. Bin da mitveinem SUV-Mietwagen hoch. Beim Runterfahren gibt es Checkpoints, an denen Polizisten die Temperatur der Bremsscheiben messen. Ich musdte damals 30 min Pause machen. 😁

    In Sachen E-Auto bin ich auch zwiegespalten. Am ehesten traue ich der Brennstoffzelle zu, den Elektroantrieb langfristig zu etablieren.

    Beste Grüße
    Derek

    • Hi Derek,

      cool, das mit dem Checkpoints war mir neu … ich will da auch unbedingt mal hin … die Straße muss man IMHO einfach gefahren sein …

      Die Brennstoffzelle klingt wirklich verlockend; keine Ahnung, warum die Herstelle da nicht in die Pötte kommen und damit Druck auf die Lieferanten ausüben, um für Tankstellen zu sorgen. In Hamburg habe ich neulich mal eine passende Tanke gesehen.

      Viele Grüße
      Tom

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