Zwischen Zwangskuscheln und Sofaknipsen – Tommy hat sich in diesem Jahr das 24h-Rennen am Nürburgring gespart. Aber ich wollte unbedingt hin. Nissan hatte mich ins Nismo Race Camp eingelanden. Das gab mir nicht nur die Gelegenheit mit dem Nissan GT-R Nismo GT3 zu kuscheln, sondern auch die 400er Festbrennweite zu testen, die Canon mir für ein paar Wochen zur Verfügung gestellt hat. Es passte also alles perfekt zusammen.

Der frühe Vogel ist einer unserer besten Freunde. Ich saß also am Samstag Morgen um 7:00 Uhr im Auto und rutschte locker die 190 Kilometer zum Ring durch. Am Brünnchen war wie immer die Hölle los. Ich fragte mich, wer morgens um 8:30 schon Nackensteaks grillt, aber beim 24h-Rennen gelten andere Regeln bzw. die Regel an sich ist außer Kraft gesetzt. Wer das Übliche sucht, ist hier auf jeden Fall falsch.

Auf dem Parkplatz an der Nissan Lounge wartete schon ein Shuttle, das mich und meine rund 8 Kilo Fotoequipment durch das rammelvolle Fahrerlager zum Pressezentrum brachte. Was für ein Luxus! Ich bedankte mich artig, schnappte meinen Rucksack und atmete tief ein. Ich liebe diese knisternde Luft. Sie ist voller Spannung, voller Erwartungen, Adrenalin, Schweiß und Benzindunst. Keine Ahnung wie viel Stunden meines Lebens ich schon auf diesem Gelände verbracht habe. Es müssen Tausende sein. Trotzdem bin ich jedes Mal wieder furchtbar aufgekratzt.

24h am Nürburgring: Der Charme der Ehrenamtlichen

Ich tastete nach meinem Telefon. Kein Telefon! Vor meinem geistigen Auge erschien der Rücksitz des Nissan-Shuttles. Auf ihm verschwommen, klein und schwarz, aber dennoch deutlich zu erkennen: Mein iPhone. Ich versuchte noch dem Fahrer zu folgen, doch in dem Getümmel kam ich kaum voran. An der Einfahrt zum Fahrerlager bewachten wie immer die Streckenposten den Zugang zur Mercedes-Arena. Ich fragte sie, ob sie wüssten, wo die Shuttle stehen. „Rufen sie doch die zentrale Nummer an!“ „Ja, nein, geht nicht, mein Telefon wird gerade um die Strecke gefahren.“ Sie geierten:“Die blonden Mädschen ..!“ Jahhha, ich bin blond! „Gehen se mal zu dem da! Der kann ihnen helfen.“ Kurz, der gute Mann hatte mir in Sekundenschnelle eine Mitfahrgelegenheit in einem Hotelbus organisiert. „Bring datt Mädschen mal zu D7!“ Er war etwas verdutzt als ich ihn jubelnd umhalste.

So viel ist mal klar, ohne die ehrenamtlichen Helfer würde am Ring kein einziges Rennen stattfinden. Im Regen, bei Gluthitze, bei Schweinekälte – sie sind da. Das Gepöbel von manch schnöseligem Pressvertreter lassen sie mit ebenso viel Gleichmut über sich ergehen, wie die Schimpftiraden des ein oder anderen Silberrückens, der mit Schwung eine Blechmillionen ins Kiesbett setzt. Sie sind einfach die Allerbesten.

Auf D7 wartete schon der Fahrer des Shuttles. Mein Telefon lag wohlbehalten am Empfang der Nissan Lounge. Alles gut also. Ein fabelhafter Kaffee brachte mir schnell meine gute Laune zurück. Als ich sah, dass man vom Balkon der Lounge geradezu auf die Anfahrt zur NGK- bzw. aktuell Namenslos-Schikane spucken konnte, wurde meine Laune noch besser. Fotografieren vom Sofa aus! Wie genial ist das denn?

Die beiden Läufe der WTCC gaben mir dann die Gelegenheit, mich mit der 400er f/4 DO IS II warm zu schießen. Es ist noch ein bisschen schwerer als das 300er 1:2,8, aber gerade noch zu handlen. Ich bin ja ein starkes Mädchen.

Presspassung vor Box 13

Meine Sofaposition war klasse, dennoch zog es mich zurück ins Fahrerlager. Seit Tagen hatte ich ein paar Fotos im Kopf, die ich unbedingt machen wollte. Aber meistens kommt es ja anders. Mittlerweile waren nämlich auch alle langschlafenden Besucher eingetrudelt. In den Gängen zwischen den Teamzelten ging gar nichts mehr. Vor den Boxen knubbelten sich die Menschen so eng, dass die Teams Schwierigkeiten hatten, Reifen, Material und die Wagen selbst in die Boxen zu schaffen. Ich blieb schließlich stecken. Zwischen Box 12 und 13, glaube ich. Es ging nicht mehr vor und auch nicht zurück. Zum Glück hatte ich zuvor schon auf das Weitwinkel umgerüstet. Das 400er Rohr hätte diese Presspassung wohl nicht überstanden.

Auch wenn es dort so schien, als hätte sich halb Europa auf den Weg in die Eifel gemacht, das 24h-Rennen 2015 hatte deutlich weniger Zuschauer als die der vergangenen Jahre. Die Haupttribünen waren zwar voll, aber an der Nordschleife war der Schwund unübersehbar.

Langsam ist relativ – gerade beim 24h am Nürburgring

Irgendwie konnte ich dann tatsächlich zur Seite flüchten. Zwischen zwei Trucks übte ein privates Team „Boxenstopp“.  Hier hielten sich sogar die aufdringlichsten Besucher zurück. Irgendwie hatten alle Verständnis für den Test. Die kleineren, privaten Teams erfreuen sich ohnehin großer Beliebtheit bei den Fans. Sie sind zum Anfassen. Die Werksteams, die um den Gesamtsieg kämpfen, sind mit ihrer unerschöpfliche Manpower und ihrem nie versiegenden Ersatzteilefluss fast unerreichbar für den durchschnittlichen Hobbyschrauber. Als später das 24h-Rennen in die Einführungsrunde ging und am Ende der schier endlosen Wagenschlange die dritte Startergruppe der kleineren Rennwagen über die lange Gerade kam, rief ein Gast der Nissan Lounge: „Da kommen die Langsamen!“ Naja, in dieser Gruppe gibt es Fahrer, die kann man in der Nacht um 3:00 Uhr wecken und in ein irgendwie geartetes Auto setzen. Sie würden ohne Kaffee in der Dunkelheit und bei Platzregen die Runde auf der Nordschleife immer noch deutlich unter zehn Minuten fahren. Mit der Bezeichnung langsam wäre ich in diesem Zusammenhang also vorsichtig.

Nach dem Geschiebe im Fahrerlager konnte ich mir beim besten Willen nicht mehr vorstellen, meine Ellbogen auch noch beim traditionellen Grid Walk zum Einsatz zu bringen. Schon eine Dreiviertelstunde bevor die Strecke für die Zuschauer geöffnet wurde, standen sie in dicht gedrängten Horden an den Toren. Boliden zum Anfassen – und jeder will der erste sein. Die Startaufstellung zum 24h-Rennen ist zwar toll anzusehen, aber mein Ehrgeiz hielt sich stark in Grenzen. Ich flüchtete aus dem Chaos zurück in die Ruhe der Nissan Lounge. Von dort aus konnte ich wieder ganz bequem und ohne mich herumschubsen zu lassen den Blick auf die Strecke und die Autos genießen.

Vielen Dank an Nissan für die Einladung ins Nismo Race Camp und an Canon für das Equipment. Dieser Tag beim 24h-Rennen war für mich etwas Besonderes. Im positiven wie im negativen Sinne. Denn sogar in Le Mans gibt es in der Regel mehr Individualluft zum Atmen. Und das will was heißen.

2 Kommentare

  1. Thomas Waebs Reply

    Klasse beschrieben, so kann man das Erlebte tatsächlich nochmal teils nachempfinden. Holzköppe, die gar keine Empfindungen mehr haben natürlich nicht. Aber lasst euch von denen nicht entmutigen, schön, dass es von der schreibenden Zunft noch Emotionale gibt, die Beiträge selbst auf die Weise verfassen. Und die Aufnahmen sind natürlich erste Sahne! Bitte weiter so ………

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