Sebastian Vettel verlor gestern wegen einer 5-Sekunden-Zeitstrafe den Sieg beim Großen Preis von Canada. Das war lächerlich! Solche Strafen rauben dem Sport die Seele. Ich frage mich, wie diese Sportkommissare wohl von 40 Jahren im Fall des epischen Duells zwischen Gilles Villeneuve und René Arnoux geurteilt hätten? Lebenslage Sperren?

Ich verfolge die Formel 1 seit gut 40 Jahren, auch wenn das Interesse in den letzten Jahren nachgelassen hat. Inzwischen habe ich sogar mein Sky-Abo gekündigt, weil ich mir die Rennen nicht mehr regelmäßig ansehe. Denn Formel-1-Rennen sind meistens sterbenslangweilig. Echte Zweikämpfe, wie sie früher oft zu beobachten waren, gibt es nur noch selten. Die Mehrzahl der Platzwechsel sind das Ergebnis unterschiedlicher Boxenstop-Strategien.

Trotzdem schaute ich mir gestern das Rennen in Montreal im Fernsehen an. Denn die Strecke auf der Île-Notre-Dame, einer künstlichen Insel im Sankt-Lorenz-Strom sorgt oft für spektakuläre Rennen. Der Wechsel von High-Speed-Passagen und engen Kurven schafft gute Voraussetzungen für Positionskämpfe. Das gestrige Rennen bestätigte diese Erwartung dann prompt. Das harte Duell zwischen Daniel Ricciardo und Valtteri Bottas, das sich über mehrere Runden hinzog, erinnerte F1-Nostalgiker wie mich an die gute alte Zeit.

Auch an der Spitze sah es lange nach einem echten Zweikampf aus. Sebastian Vettel führte knapp vor Lewis Hamilton. Der Vorsprung des Ferrari-Piloten schwankte, auch weil der Brite in der engen Haarnadelkurve „Épingle des Stands“ mehrmals Probleme hatte. Weißer Rauch beim Bremsen ist das untrügliche Zeichen stehender Räder. Doch als die Sportkommissare Sebastian Vettel gut 20 Runden vor Schluss mit einer Zeitstrafe von fünf Sekunden belegten, war das Rennen gelaufen.

Was war passiert?

Auslöser für die Strafe war ein Vorfall in der 48. Runde, als Vettel unter dem Druck von Hamilton in einer namenlosen Rechts-links-Kombination den richtigen Punkt zum Einlenken verpasste. Der Ferrari rutschte von der Bahn, schlitterte in Kurve vier innen über das Gras und kam dann auf die Strecke zurück. Während des Ausrutschers war Vettel in seinem Cockpit zeitweise nur noch Passagier. Der Ferrari rutschte zeitweilig auf dem Unterboden über das Gras.

Ex-Weltmeister Nigel Mansell beurteilte die Szene bei Twitter kurz und trocken mit „no grip on gras“. Erst als wieder alle vier Räder die reguläre Strecke berührten, holte Vettel seinen Rennwagen wieder in einen kontrollierten Fahrzustand zurück. Die Aufnahmen der Kamera im Auto des Ferrari-Piloten zeigen, wie Vettel nach der Rückkehr auf den Asphalt einmal kurz nach rechts lenkt. Kritiker erkennen in diesem Manöver ein gezieltes Blocken des heranstürmenden Weltmeisters Lewis Hamilton.

Die Mehrzahl derer, die einmal selbst ein Auto im Wettkampf bewegten, sind zurückhaltender. Sie ordnen das Lenkmanöver dem Einfangen des Ferrari zu. Zudem sehen sie schon deshalb keinen Grund für eine Strafe, weil sich Vettel bei seinem Ausflug keinen Vorteil verschaffte. Gleichwohl war es in diesem Moment Lewis Hamilton zu verdanken, der am Kurvenausgang seinen Mercedes kurz abbremste, dass sich die Boliden nicht berührten.

Charles Leclerc beim Großen Preis von Canada 2019 – die Reifenspuren im Hintergrund zeigen, dass die Linie von Lewis Hamilton gar nicht ungewöhnlich war. (Foto: Ferrari)
Charles Leclerc beim Großen Preis von Canada 2019 – die Reifenspuren im Hintergrund zeigen, dass die Linie von Lewis Hamilton gar nicht ungewöhnlich war. (Foto: Ferrari)

Für die Rennkommissare war der Fall deshalb klar. Sie kamen zu dem Schluss, dass Vettel bei der Rückkehr auf die Strecke Hamilton abgedrängt habe. Wobei die Sportkommissare betonten, dass es Lewis Hamilton war, der eine Kollision verhinderte. Deshalb belegten sie Sebastian Vettel mit einer Zeitstrafe von fünf Sekunden. Sebastian Vettel regte sich schon im Cockpit kräftig auf, als ihn sein Team über Funk über diese Strafe informierte.

Der Vorfall war nur das Vorspiel!

Nach dem Rennen stellte der Ferrari-Pilot seinen Boliden an der Waage der FIA ab und fuhr nicht wie üblich unter das Siegerpodest. Nur „Sieger“ Hamilton und der drittplatzierte Charles Leclerc parkten ihre Autos dort an den großen Aufstellern, die ihre Platzierungen anzeigen. Der Platz hinter der Zwei blieb frei. Statt im Parc-Ferme zum Kurzinterview anzutreten, rannte Vettel mit dem Helm auf dem Kopf in das Hospitality-Zelt seines Arbeitgebers und blieb zunächst verschwunden.

Es dauerte ein paar Minuten, bis es weiterging. Denn erst im Schlepptau eines Offiziellen der FIA begab sich Sebastian Vettel zur Siegerehrung. Auf dem Weg stoppte der Heppenheimer kurz am Parc-Ferme, um die Aufsteller vor den Autos neu zu sortieren. Die „Zwei“ landete vor dem Auto von Lewis Hamilton, die „Eins“ schob Vettel auf den verwaisten Platz. Eine Aktion, die zeigte, wie sehr Vettel das Urteil der Sportkommissare gegen den Strich ging.

Wie hätten die Sportkommissare von gestern über dieses Duell geurteilt?

Im Netz überschlugen sich die Beiträge, die Sebastian Vettel für sein Verhalten teilweise scharf kritisierten. „Kindisch“, „unsportlich“ oder „affig“ waren Wörter, die in vielen Beiträgen über Sebastian Vettel in diesen Minuten auftauchten. Das ist in der Tat nicht ganz von der Hand zu weisen. Denn zum Sport gehört auch, die Entscheidungen der Schiedsrichter zu akzeptieren. Selbst wenn die Entscheidung, wie in diesem Fall, ein Fehlurteil ist.

Die Strafe verhinderte ein echtes Rennen!

Doch bei aller Aufregung über das Verhalten von Vettel, die Strafe ist einfach lächerlich! Sie zerstörte das Rennen. Den Bemühungen der FIA, die oft lahmen Rennen spannender zu gestalten, erwiesen die Sportkommissare einen Bärendienst. Wir sollten froh sein, wenn es endlich wieder echte Duelle auf der Strecke gibt. Stattdessen brachte Strafe die Zuschauer um einen echten Wettkampf und entschied das Rennen.

Denn Lewis Hamilton wusste, dass er seinen Mercedes nun nur noch in Schlagdistanz zum Ferrari halten musste. Ohne die Strafe hätte Hamilton für einen Sieg überholen müssen. Das Ganze ist auch deshalb ärgerlich, weil die Strafe ein Fehlurteil war. Natürlich verteidigte Sebastian Vettel seinen Platz nach der Rückkehr auf die Strecke hart. Doch die Situation war nicht so klar, wie die Sportkommissare es in ihrer Begründung anführen.

Bei der Siegerehrung war Sebastian Vettel immer noch ziemlich angefressen. (Foto: Ferrari)
Bei der Siegerehrung war Sebastian Vettel ziemlich angefressen. (Foto: Ferrari)

Denn die Linie, die Lewis Hamilton wählte, unterschied sich nicht von der in anderen Runden gefahrenen Linie. Ein „Abdrängen“ von der „richtigen“ Fahrspur erkenne ich hier nicht. Ähnlich sah dies wohl auch Sebastian Vettel. Schon in der Auslaufrunde betonte der Deutsche, er habe nach dem ungewollten Ausflug aufs Gras keine andere Linie wählen können. Sebastian Vettel war froh, nicht wie Felipe Massa vor ein paar Jahren an dieser Stelle in die Mauer zu fliegen.

Die Strafe war lächerlich und überzogen!

Sicherlich kam Lewis Hamilton dem Ferrari von Vettel nach dessen Ausflug mit großen Schritten näher. Doch das reichte nicht einmal im Ansatz dafür, den roten Boliden tatsächlich zu überholen. Auch die Tatsache, dass Hamilton mit dem Verzögern seines Autos eine Kollision verhinderte, rechtfertigt die Strafe nicht. Wenn das der Standard ist, dann hätten die Sportkommissare alleine gestern einige weitere Strafen verteilen müssen.

Insofern kann ich die Verärgerung von Sebastian Vettel verstehen. Die Strafe war ein schlechter Witz. Ich frage mich, wie diese Sportkommissare das legendäre Duell zwischen Gilles Villeneuve und René Arnoux 1979 in Dijon beurteilt hätten. Der Logik von gestern folgend, hätte beide Piloten damals jeweils mindestens fünf Minuten Strafzeit bekommen müssen – wenn man ihnen nicht gleich die Lizenzen entzogen hätte.

Gerade dieser historische Vergleich zeigt, wie überflüssig die Strafe gestern war. Denn vom Duell in Dijon schwärmen die Fans bis in die Gegenwart. Vom Großen Preis von Canada 2019 bleibt allenfalls in Erinnerung, dass Sportkommissare das Rennen entschieden. Erkennen Sie den Widerspruch? In der Gegenwart entscheiden nicht mehr die Piloten auf der Strecke das Rennen, sondern unbekannte Juristen und ein Ex-Rennfahrer am grünen Tisch.

Einfacher lässt sich nicht erklären, warum die Zuschauer der Formel 1 davonlaufen! Und so bleibt am Ende nur die Aufregung von Sebastian Vettel in Erinnerung. Wie oft hörte ich den letzten Jahren den Spruch, dass dem Sport heute die Typen fehlen. Die Sportler der Gegenwart würden in Interviews nur Floskeln und Phrasen wiedergeben. Ein Vorurteil, das bei Sebastian Vettel offensichtlich unangebracht ist. Doch das ist für die, die den Sport lieben, natürlich nur ein schwacher Trost.

Denn am Besten wäre, wenn Sportkommissare die Rennfahrer einfach ihr Rennen fahren lassen würden! Dann muss Sebastian Vettel sich im Zweifelsfall nur noch über eigene Fehler aufregen.

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