Früher war ich noch jung und unverbraucht. Also hielt Preise und Auszeichnungen für Dinge des Lobs und der Anerkennung, deren Gewinn vor allem harte Arbeit voraussetzt. Der Red Dot Award ist ein gutes Beispiel dafür, dass das im echten Leben manchmal etwas anders ist.

Auch wenn Unternehmen in schöner Regelmäßigkeit über ihren Red Dot Award berichten und dabei stets auf das besondere Renommee des Preises hinweisen. Es hilft nicht. Wer sich auf der Webseite der Veranstalter umsieht, versteht schnell, was ich meine. Es überkommt mich einfach der Eindruck, dass die Auszeichnung zunächst ein Geschäftsmodell sei.

Im Laufe der Jahre ist rund um die Vergabe ein Firmengeflecht mit Gesellschaften in Sitz Berlin, Essen und Osnabrück entstanden. Entstanden sind auch zwei Preisfamilien. Ausgezeichnet wird auf der einen Ebene Produkt Design – traditionell in Essen – und seit einiger Zeit auf der anderen Ebene in Berlin Kommunikationsdesign.

Im Produktdesign kennt das System „Red Dot“ drei Auszeichnungsstufen:

  • „Red Dot: Best of the Best“ – Auszeichnung für die Besten einer Kategorie
  • „Red Dot: Winner“ – als Auszeichnung für hohe Designqualität
  • sowie eine Honourable Mention als besondere Würdigung

Im Kommunikationsdesign ist es ähnlich, auch wenn das System dort nur zwei Auszeichnungsstufen kennt.

Um diese Preise kann sich jeder kostenpflichtig bewerben. Dabei kostet schon das sogenannte Einreichen Geld. Im Bereich der Produktauszeichnungen kostet die Anmeldung laut Webseite des Preises aktuell je nach Zeitpunkt der „Anmeldung“ netto 260 und 390 Euro. Zuzüglich einer Gebühr für Übergrößen. Denn sobald das eingereichte Produkt größer als ein m³ ist, fallen weitere Gebühren an. Im Kommunikationsdesign liegen die Preise zwischen 195 bis 315 Euro.

Kommt es zur Auszeichnung, werden weitere Gebühren fällig.

Im Produktdesign kosten die besondere Würdigung und die Auszeichnung als Winner mindestens 3.130 Euro. Für ein Best of the Best werden mindestens 5.840 Euro fällig. Dazu kommen optionale Kosten für eine vergrößerte Präsentation im Jahrbuch, das zur Auszeichnung erstellt wird, und die Präsentation des ausgezeichneten Produkts im Design Museum auf Zeche Zollverein in Essen.

Im Bereich Kommunikationsdesign kostet das „Standard-Winner-Package“ 1.525 Euro. Für die Auszeichnung als „Best of the Best“ werden 2.155 Euro fällig. Zu allen genannten Preisen kommt übrigens noch die Mehrwertsteuer, aber ist für die meist gewerblichen Teilnehmer sowieso nur ein durchlaufender Posten.

Interessant ist die hohe Quote der Auszeichnungen.

2011 hat, nach einer Analyse der Webseite designtagebuch.de, immerhin jede fünfte (!) eingereichte Arbeit einen roten Punkt erhalten. Insgesamt wurden unter dem Label „Red Dot“ mehr als 800 Preise vergeben. Selbst bei der vorhandenen Vielzahl von Kategorien und Unterkategorien ist das eine beachtliche Auszeichnungsquote, die den Wert der einzelnen Auszeichnung in meinen Augen schmälert. Wobei der Red Dot Award da nicht alleine steht. Beim ebenfalls „renommierten“ iF Design Award liegt die Auszeichnungsquote noch höher.

Obwohl die Verantwortlichen des Red Dot Awards inzwischen auf ihrer Webseite davon sprechen, mit neuen Kategorien und mehr Transparenz den Wert des Preises zu stärken, bleiben Zweifel. Doch der Industrie gefällt das Konzept. Sie nimmt reichlich an dem „Wettbewerb“ teil und weist anschließend gern in Pressemitteilungen auf die eigenen „Erfolge“ hin.

Vor ein paar Tagen machte Volkswagen den Anfang und versandte eine Pressemitteilung zur Auszeichnung seines Firmenmagazins. Einige Blogs und Online-Magazine haben das auch eilfertig übernommen. Sicherlich werden hier in den nächsten Tagen weitere Meldungen zum „Red Dot Award“ im Posteingang einschlagen. Bei mir sind diese Meldungen ein Fall für die elektronische Rundablage.

2 Comments

  1. Jede Branche hat ihre Awards und ihre Veranstaltung. Ich dachte auch einmal der ADC Award in der Werbebranche sei der heilige Graal. Bis ich festellte, keine Sau kennt überhaupt dieses Ding.
    Ich wäre mal für einen Award für Awards! Mit den Kategorien „Teuerste Party“, „Dickstes veröffentliches Buch“ oder „Höchster Profit pro Einreichung“ 😉

  2. Ich kann dem Autor hier nur voll und ganz zustimmen.
    Sieht so aus als wäre der Red Dot Design Award mittlerweile das, was im Musik-Business die MTV Music Awards und im Film-Business die Oscar-Verleihungen sind.
    Sinnlos, unnötig und eine reine Zeitverschwendung ohne jegliche Aussagekraft.
    Fazit: Kapitalismus an der Peinlichkeits-Grenze!

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