Bei YouTube fand ich ein Video, das die Produktion des Trabant dokumentiert. Es zeigt die Umstände, unter denen der Kleinwagen in Zwickau und Chemnitz entstand. Nebenbei vermittelt die Dokumentation ein ernüchterndes Bild von der „DDR“ im Endstadium.

In diesem Jahr jährt sich der Fall des Eisernen Vorhangs zum 30. Mal. Ab dem Sommer des Jahres 1989 kam es in der ehemaligen „DDR“ immer wieder zu öffentlichen Protesten. „Die Mauer muss weg“ und „Wir sind ein Volk“ wurden zum Schaltruf einer Bewegung, die schließlich nicht aufzuhalten war. Am 9. November 1989 öffneten die Organe des selbst ernannten Arbeiter- und Bauern-Staats in Berliner Mauer. Dem folgte praktisch unmittelbar auch die Öffnung der gesamten innerdeutschen Grenze, die zwischen Lübeck und Hof das Land teilte.

Mit der Öffnung strömten Deutsche von beiden Seiten der Grenze auf die jeweils andere Seite. Im Westen gehörte damit für kurze Zeit auch der Trabant 601 regelmäßig zum Straßenbild. Denn der Kleinwagen war in der untergehenden „DDR“ das meistverkaufte Auto. Als die Trabant-Besitzer nach dem Mauerfall mit ihren Fahrzeugen den Westen erkundeten, kehrte der typische Zweitakt-Klang auf unsere Straßen zurück. Denn als die Auto Union 1965 auf Viertakt-Motoren umstieg, verschwanden die Zweitakter schnell aus dem westlichen Straßenbild.

Die Auto Union Mutter Daimler Benz reagierte mit dem Motorwechsel auf das schwache Interesse der Kunden an Zweitaktmotoren. Das unterschied die westlichen Unternehmen von den Staatsbetrieben im ehemaligen Ostblock. Denn bei Öffnung der Grenzen rollte der Trabant im Kern unverändert seit 25 Jahren vom Band. Die plangesteuerte Wirtschaft der „DDR“ brachte ein Vierteljahrhundert lang keinen Nachfolger auf die Straße, weil sich die Politik andere Dinge für wichtiger hielt.

Der Vergleich der Zeitläufte in Ost und West zeigt, wie sehr sich die „DDR“ beim Auto dem Fortschritt verweigerte. Denn ein Jahr vor dem Ost-Kleinwagen feierte im Westen 1962 der Opel Kadett A Premiere. Während Opel den Kadett bis 1984 mit vier Modellwechseln pflegte, hielt der Trabant-Hersteller VEB Sachsenring Automobilwerk an seinem Modell fest. Die Kollegen der Fachzeitschrift „Kraftfahrzeugtechnik“ bezeichneten die Vorgehensweise des volkseigenen Betriebs beim Trabant 1990 in einem Artikel als „große Zeit der kleinen Schritte“.

Mit dem Trabant 601 veraltete auch dessen Produktion!

Beim Opel Kadett verbesserte jeder Modellwechsel auch die Produktivität. In der „DDR“ blieb auch hier die Zeit in großen Teilen stehen. Worin die eigentliche Ironie der Geschichte liegt. Denn 1971 definierte der 8. Parteitag der SED die Hauptaufgabe des sozialistischen Aufbaus als „Erhöhung des materiellen und kulturellen Lebensniveaus des Volkes auf der Grundlage eines hohen Entwicklungstempos der sozialistischen Produktion, der Erhöhung der Effektivität, des wissenschaftlichen Fortschritts und des Wachstums der Arbeitsproduktivität“.

Wie weit die „DDR“ auf diesem Weg zu ihrem Ende kam, zeigt ein Video, das ich kürzlich bei YouTube fand. Es ermöglicht uns mit – nur – 30 Jahren Abstand den Einblick in die Produktion des Kleinwagens Trabant. Etwas weniger als 230 Kilometer sowohl von Ingolstadt als auch Wolfsburg entfernt, blieb bei der Trabant-Trabant-Production in Zwickau offensichtlich die Zeit stehen. Auf dem Gelände, wo August Horch einst „gute Wagen aus erstklassigem Material“ baute, entstand der Trabant mit seiner Mischbauweise aus Stahlgerippe und Kunststoffkarosserie.

Die Verantwortlichen in der „DDR“ entschieden sich für diese Bauart, weil Stahlblech im Ostblock ein knappes Gut war. Interessant, wie ein offener Lkw-Transporter die noch nicht lackierten Stahlgerippe unter freiem Himmel zwischen den Werksteilen hin und her transportiert. Wobei es solche Transportketten bei British Leyland im legendären Werk in Longbridge ebenfalls gab. Der Sozialismus hatte nicht das Alleinvertretungsrecht für Desorganisation.

Ergonomie und Arbeitsschutz schrieb die „DDR“ eher klein!

Rund 12.000 Mitarbeitern, darunter viele Gastarbeiter aus Vietnam, Kuba und Moçambique benötigte das VEB Sachsenring Automobilwerk, um maximal 150.000 Trabant pro Jahr zu fertigen. Die Bilder der Dokumentation zeigen eindrucksvoll, unter welchen Umständen diese Menschen arbeiteten. Aus heutiger Sicht schockieren die Arbeitsumstände teilweise. Die Pressteile für die Karosserie schneiden die Arbeiter mit einer Bandsäge per Hand zu. Auch das Entgraten oder das Polieren von Teilen war in der „DDR“ bis 1989 Handarbeit.

In der Lackiererei des Karosseriebaus glänzen beim Schleifen und Lackieren Atemschutz-Masken durch Abwesenheit. In der Karosserieproduktion drehen Arbeiter die Karosserien mit Muskelkraft auf den Kopf. Bei der Montage der Reifen zeigt ein Arbeiter, seine Arbeit im Laufe der Jahre in einer Choreografie überführte. Die Reifen „wandern“ dank der eigenen Federkraft auf den Radträger, dann zieht der Arbeiter alle vier Muttern einzeln fest. Bei der Jungfernfahrt stellen die Überführungsfahrer Klapphocker in die noch leere Karosserie.

Der Film war so nur in der Endphase der „DDR“ möglich!

Zwischen die damals aktuellen Bilder mischen die Redakteure immer wieder ältere Einspieler. Die verantwortlichen Redakteure des Films lernten ihr Handwerk übrigens noch beim Fernsehen der „DDR“. Das klingt durch, wenn sie den Schweißroboter in der Mitte der Arbeiter nach alter Sitte fast als Errungenschaft preisen. Doch wenn sie über „minderwertige Baumwolle aus der Sowjetunion“ sprechen, dann ist das ein Ausdruck der Zeitenwende und Beleg des Übergangs. Denn eine so ehrliche Aussage wäre vor 1989 wohl kaum in einer TV-Reportage gelandet.


Von 1958 bis 1991 baute der VEB Sachsenring Automobilwerk den Trabant. Bis 1963 entstand der Trabant 600. Ab 1963 baute Sachsenring den Trabant 601. Bis 1991 entstanden rund drei Millionen Exemplare. Die Wartezeit auf einen Trabant betrug 15 Jahre. Obwohl der Kleinwagen ab den 1980er-Jahren praktisch keine Abnehmer außerhalb der „DDR“ mehr fand.


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Infos zum Titelbild dieses Beitrags:
Trabant A600

Foto: Karla Schwede 2016, all rights reserved

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Tom wuchs als Kind der späten 60er-Jahre in einem ausgesprochen automobilen Umfeld auf. Das wirkt bis in die Gegenwart nach und ist ein guter Nährboden, um heute über Autos zu schreiben.

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