Das 24 Stunden Rennen von Le Mans ist ein unersättliche gieriges Biest. Es fordert alles und saugt jeden aus, der in seine Nähe kommt. Die Autos, das Material, die Fahrer, die Mechaniker, die Ingenieure, die Teamchefs, die Streckenposten, die Zuschauer, die Caterer, die Journalisten und Fotografen. Erst wenn der letzte Wagen über die Ziellinie gefahren ist, lockert es seine Klauen und wirft ihre leeren Hüllen beiseite. Was bleibt, ist totale Erschöpfung und die Frage: Was nun?

Bei der 83. Ausgabe des 24 Stunden Rennens von Le Mans habe ich das am eigenen Leib erfahren. Ich war schon einige Male dort, zur DTM und zur Le Mans Story, doch die Ausmaße des 24 Stunden Rennens hätte ich mir zu diesen Gelegenheiten nicht im Traum vorstellen können. Richtig erholt habe ich mich vom vergangenen Wochenende immer noch nicht. Aber ich fühle keine negative Erschöpfung, sondern lasse mich bei jeder Bewegung von meinem Muskelkater gerne an aufregende und spannende Tage erinnern.

Als ich am Freitag in Le Mans aus dem TGV stieg, regnete es aus Eimern. Na super, dachte ich, da ich weder eine Regenjacke noch einen Regenschutz für meine Kamera und das 300er im Gepäck hatte. Ich sah mich schon kladdernass von der traditionellen Parade flüchten. Doch der Fahrer des Shuttles, das mich abholte, machte mir Mut. Die Vorhersage beharrte auf Sonne in den nächsten Stunden. Ich glaubte ihr, denn die 24 Stunden Wetterfrösche sind von der ganz peniblen Sorte.

Rain? No rain! Rain? No rain!

Und die Sonne kam tatsächlich. Genau um 16:00 Uhr als der feierliche Tross der Fahrerteams durch die Innenstadt von Le Mans begann, lichteten sich die Wolken. Gibt es ein besseres Omen für ein Rennen, bei dem ein paar Tropfen Regen über Gewinnen oder Verlieren entscheiden können? Wohl kaum!

Den ganzen Samstag und zum Start des Rennens sollte es dann auch trocken bleiben, doch für den Sonntag war nach wie vor dicker Regen angekündigt. Zunächst. Ein paar Wolken hätten mir persönlich am Samstag sogar ganz gut getan, denn die Sonne brannte auf die Strecke und heizte die Luft bis fast 30 Grad auf.

Ein Besuch des schattigen Reifenlagers, das Michelin jährlich an der Strecke aufschlägt, kam mir deshalb nicht nur zur Befriedigung meiner Neugier sehr entgegen. Wahnwitzige 7.000 Reifen warteten dort auf ihren Einsatz. Michelin versorgt von dort aus die komplette LMP1 und viele GT-Teams. Jedem Team steht ein Ingenieur zur Seite. Audi hat gleich drei Mann für drei Autos. Als uns der Motorsportchef von Michelin Pascal Couasnon später in der Nacht in die Boxen von Aston Martin und  Audi lotste, wurde mir klar warum.

Der Anspruch Le Mans fordert uneingeschränkten, generalstabsmäßig organisierten Einsatz von jedem Teilnehmer. Wenn Rennwagen mit Tempo 340 über eine Landstraße pfeifen, dann darf sich niemand einen Fehler oder eine kleine Schlampigkeit leisten. Die Auswirkungen wären fatal. Ich bin nur Die mit der Kamera. Anders als Max, Tom oder die Jungs vom Racingblog bin ich mit den technischen, taktischen und historischen Tiefen des Motorsports nicht vertraut, aber das leuchtet sogar mir in jeder Hinsicht ein.

Seit Wochen freute ich mich darauf, das erste Mal in meinem Leben beim größten und anspruchsvollsten Rennen der Welt an der Strecke zu fotografieren. 263.500 Zuschauer hatten sich um den Circuit Bugatti und die Landstraßen verteilt. Nur das Indy 500 kann mit höheren Besucherzahlen protzen. Die Stimmung kochte. Ich konnte den Start kaum abwarten, machte mir aber immer noch Sorgen wegen des Wetters. Kein Regenschutz. Egal. Am Samstag brauchte ich zum Glück einen Sonnenhut.

24 Stunden von Le Mans: Ein Traum aus Asphalt und Farbe

Die Schikane vor dem Dunlop-Bogen ist für mich ein aus Asphalt, Kies und Farbe entworfener Traum. Die Auslaufzonen winden sich in Gelb und Blau nach oben und erzeugen eine wunderbare Tiefe, die mich nicht mehr losgelassen hat. Das monströs große Kiesbett schafft Weite und die rammelvolle Tribüne links die Atmosphäre. Toll! Außerdem kann man die heranschießenden Wagen sowohl von der Seite, als auch von vorne oder wahlweise von hinten erwischen. Überholmanöver und kleine Ausrutscher sind nicht selten. Canon hatte mit feinstes Equipment zur Verfügung gestellt, es lag also nur noch an mir.

Bei historischen Veranstaltungen am Nürburgring fährt oft ein Lotus Elan, der einem die Ohren bluten lässt. Gegen ihn war der Soundteppich in Le Mans Easy Listening. Nur das Brüllen der GT Corvettes hat mich fast aus den Schuhen gehoben, aber immerhin wusste ich wer um die Kurve kommt.

Nach knapp drei Stunden in der prallen Sonne gingen mir die Kräfte aus. Mir, die sonst am Ring locker sechs Stunden am Stück fotografiert? Am Vortag hatte ich die teils winzigen, triefend nassen Zelte der Fans gesehen, die sich direkt an den Zufahrtsstraßen installiert hatten. Mit diesem Bild im Kopf war ich unendlich dankbar, dass ich mich in dem klimatisierten Michelin-Zelt in ein weiches Sofa fallen lassen konnte. Das ist purer Luxus an einem Tag, der noch sehr, sehr lang werden sollte. Wenn sich dann noch Tom Kristensen zum Mittagessen und am Abend Allan McNish auf ein Pläuschchen dazugesellen, dann ist das ein mehr als würdiger Rahmen für eine ohnehin verdammt spektakuläre Veranstaltung.

Ein halbe Nachtschicht und die Brüllelse

Ich oute mich als Weichei, denn ich bin tatsächlich um 1:00 Uhr in der Nacht schlafen gegangen. In meinem Hotel und nicht wie ein paar andere auf dem Sofas in der Hospitality. Es ratterten zwar noch Speicherkarten und der Laptop, aber ich habe geschlafen. Nicht lange, aber lang genug um am nächsten Tag die 1D X und das 300er wieder halten zu können.

Am frühen Morgen schaute ich hektisch aus dem Fenster. Dunkle Wolken ballten sich am Himmel und ich hatte immer noch kein Regenschutz für mein Equipment. Den bekam ich auch nicht, denn die beiden Typen, die im Pressezentrum über den Boxen einen Nikon Supply betrieben, wollten mir keinen verkaufen. Kein Scherz. Meine lange, hellgraue Tröte schien dem einen sogar spontan Stresspickel auf seine zerfurchte Stirn zu treiben. Wie kleinkariert kann man eigentlich sein?

Es blieb trocken. Nur an ein paar Streckenabschnitten nieselt es so leicht, dass es nicht der Rede wert war. Die vielen Regenreifen, die die Teams vorbereitet hatten, bleiben ungenutzt. Schließlich gewannen Nico Hülkenberg, Earl Bamber und Nick Tandy in dem Porsche 919 Hybrid mit der Nr.19 vor dem Porsche Porsche 919 Hybrid Nr.17 und dem Audi mit der Nr.7.

Wer hier Patrick Dampsey sucht, sucht vergeblich. Ich halte nicht viel vom dem Hype um ihn und deshalb habe ich auch nur genau ein Portrait. Das werde ich eventuell bei einer anderen Gelegenheit einflechten. Richtig leid tut es mir allerdings, dass ich von den Händen eines Mechanikers des Corvette-Teams keine Fotos habe.

Nach dem Ausfall einer der beiden Wagen, gewannen die Mannschaft und die Piloten Gavin, Milner und Taylor mit ihrer Brüllelse die GT Pro Wertung und waren völlig aus dem Häuschen. Am Sonntag Abend sprach ich im Hotel mit dem oben erwähnten Mechaniker. Er war so übermüdet, dass er kaum geradeaus gucken konnte, aber durch und durch glücklich. Er hielt sich an einer Dose Bier fest. „We lost one car!“, sagte er als hätte er einen guten Freund im Krieg verloren. „But we won!“ An den Fingerspitzen seiner rechten Hand blähten sich riesige Brandblasen. In der Hektik eines Boxenstopps hatte er an eine glühende Bremsscheibe gefasst. Das sah böse aus, doch ihm reichte die Bierdose zum Kühlen. In dem Moment versprühte dieser dreckige, verschwitzte, erschöpfte aber vollkommen entspannte Mechaniker den wahren Geist von Le Mans : Durchhalten! Egal was passiert.

Ich denke, die Ergebnisse muss ich hier nicht noch einmal herunterrattern. Dafür gibt es den ACO und die Teamseiten. Nochmals ganz herzlichen Dank an Michelin Deutschland für die Einladung nach Le Mans. Das war ein sensationelles Wochenende!

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