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Warum das Comeback von Ferrari in Le Mans die Rückkehr des Cavallino Rampante in sein natürliches Geläuf ist …

2023 kehrt Ferrari nach Le Mans und in die Sportwagen-Weltmeisterschaft zurück. Während andere Hersteller ihre Motorsport-Programme reduzieren, bauen die Italiener ihre Präsenz aus. Enzo Ferrari würde sich über das Comeback sicher freuen. Denn in Le Mans stieg seine Marke zum Mythos auf.

Ferrari tritt 2023 wieder in Le Mans an, der Budgetdeckel in der Formel 1 macht es möglich. Schon in diesem Jahr darf der Bau und Einsatz der zwei roten Renner in der Königsklasse „nur“ noch 145 Millionen US-Dollar kosten. Wie die anderen großen Teams wird auch Ferrari die Zahl der Mitarbeiter, die an den Grand-Prix-Boliden schrauben, reduzieren müssen. Da der italienische Autobauer keine Mitarbeiter entlassen will, suchten die Verantwortlichen nach einem zusätzlichen Betätigungsfeld.

Wobei sich der Sportwagen-Sport gegen die Indycars durchsetzen konnte. Denn vor der Bekanntgabe, bald wieder in Le Mans und der Sportwagen-Weltmeisterschaft zu rennen, dementierte Ferrari zunächst, in Zukunft in Indianapolis und der Indycar-Meisterschaft antreten zu wollen. Gleichwohl hielt sich der Autobauer für die Zukunft auch einen Start in dieser nordamerikanischen Meisterschaft offen. Doch zunächst stach Le Mans die 500 Meilen von Indianapolis klar aus.

Mit diesem Ferrari 166MM Barchetta Touring gewann Ferrari in Le Mans erstmals das prestigeträchtige 24-Stunden-Rennen. 2013 kehrte das Siegerauto für Demorunden nach Le Mans zurück. (Foto Tom Schwede)
Mit diesem Ferrari 166MM Barchetta Touring gewann Ferrari in Le Mans erstmals das prestigeträchtige 24-Stunden-Rennen. 2013 kehrte das Siegerauto für Demorunden nach Le Mans zurück. (Foto Tom Schwede)

Die Entscheidung gilt als Konsequenz der neuen weltweit geltenden Sportwagen-Regeln. Denn als Ergebnis der Zusammenarbeit des Le Mans Veranstalters ACO mit der FIA sowie der IMSA sind Sportwagen wieder ein globales Thema. Alle Beteiligten streben an, dass ein Auto nicht nur in Le Mans, sondern auch bei den 24 Stunden von Daytona und den 12 Stunden von Sebring antreten kann. Obwohl Details dazu noch offen sind, die Indycars sind im Vergleich zum Sportwagen klar nur eine Regionalmeisterschaft.

Für Ferrari ist der Start in Le Mans eine Rückkehr!

Schon in den 1930er-Jahren wirkte Team-Gründer Enzo Ferrari an den Erfolgen von Alfa Romeo in Le Mans mit. Zwar lag der Werkseinsatz 1933 offiziell in den Händen von Raymond Sommer und Luigi Chinetti. Doch Enzo Ferrari zog als Rennleiter des Autobauers im Hintergrund die Fäden. Beim Neustart der 24 Stunden von Le Mans nach dem Zweiten Weltkrieg gewann prompt ein Ferrari. Auch 1954 gewann Ferrari das große Rennen. Vier Jahre später startete der italienische Sportwagen-Hersteller endgültig in Le Mans durch.

Le Mans 1965 - der siegreiche Ferrari
1965 gewann Jochen Rindt zusammen mit Masten Gregory im Foto: Ferrari die 24 Stunden von Le Mans. Es ist bis heute der letzet Erfolg des Sportwagenherstellers aus Maranello, der dieses Rennen einst dominierte. (Foto: Ferrari)

Denn von 1958 bis 1965 gewann Ferrari die 24 Stunden von Le Mans siebenmal. Gleich viermal saß Olivier Gendebien im siegreichen Ferrari. Dreimal teilte sich der Belgier dabei das Cockpit mit Phil Hill. Spannend ist, wie sich das Sportgerät Sportwagen in diesen Jahren veränderte. Aus modifizierten Serienmodellen wurden Prototypen. Und Ferrari prägte die diese Zeit des Wandels wie kein Zweiter. Bis heute ranken sich um die Erfolge des Teams wahre Mythen, wie die des dritten Manns beim Sieg 1965.

Nur 1959 unterbrach Aston Martin die Siegesserie der italienischen Sportwagen-Schmiede einmal. Wobei im Cockpit des siegreichen Aston Martin DBR1/300 unter anderem Carroll Shelby am Lenkrad drehte. Der Amerikaner fügte Ferrari sieben Jahre später als Teamchef die Niederlage zu, die der Film „Ford vs. Ferrari“ kürzlich in die Kinos brachte. Bis zu diesem Machtwechsel galten die 24 Stunden von Le Mans als Ferraris Wohnzimmer.

Deshalb blieb Ferrari auch nach der Niederlage gegen Ford an Bord, um in Zentralfrankreich weiter um den Sieg zu kämpfen. Doch der Ford GT40 erwies sich bis 1969 gleich viermal als unschlagbar. Nach dem US-Sportwagen übernahm der Porsche 917, der das Rennen 1970 und 1971 zweimal gewann. Ob Ferrari 330P, 330P4, 312P, 512S oder 512M – alle roten Boliden konnten in diesen Jahren ihren Gegnern nicht das Wasser reichen. Auch wenn dem Ferrari 330P4 immerhin 1967 ein spektakulärer Erfolg in Daytona gelang.

Sportwagen waren nicht nur Le Mans!

Überhaupt springt es zu kurz, den Sportwagen-Sport dieser Jahre auf Le Mans zu reduzieren. Natürlich überstrahlt das große Rennen traditionell die Szene. Doch ab 1966 gab es (wieder) eine offizielle Sportwagen-Weltmeisterschaft. Beim Comeback der Weltmeisterschaft schlug Ford Ferrari nur um zwei Punkte. Ein Jahr später revanchierte sich Ferrari. Die Italiener holten mit Siegen bei den Langstreckenrennen von Daytona, Monza sowie Podest-Platzierungen in Le Mans und Brands Hatch den Weltmeistertitel. 

Daytona 1967 – als der dreifach Triumph von Ferrari für ein ikonisches Sportfoto sorgte!
Daytona 1967 – als der dreifach Triumph von Ferrari für ein ikonisches Sportfoto sorgte! (Foto: Ferrari)

Doch das traditionell umfangreiche Rennsportprogramm der Scuderia Ferrari verschlang viel Geld. Zumal sich der Rennsport in diesen Jahren mit großen Schritten professionalisierte. Enzo Ferrari drohte deshalb das Geld auszugehen. Anfang der 1960er-Jahre verhandelte der Teamchef mit Lance Reventlow. Der Sohn der Woolworth-Erbin Barbara Hutton und Gründer der Automarke Scarab bot für Ferrari zehn Millionen US-Dollar. Doch letztlich nutzte Enzo Ferrari das Angebot nur, um die italienische Regierung unter Druck zu setzen.

Wenige Jahre später galt Ford als möglicher Ferrari-Käufer. Doch auch dieser Deal platzte. Der Legende nach konnten sich die Beteiligten nicht einigen, ob der Sportwagenbauer in Zukunft Ferrari-Ford oder Ford-Ferrari heißen soll. Zudem strebte Enzo Ferrari das Amt des globalen Ford-Sportchefs an. Verhandlungspartner Henry Ford II sah für den Italiener allenfalls eine Rolle als Galionsfigur ohne echte Aufgabe vor. Die Gespräche platzten. Ford revanchierte sich mit dem Auftrag, den Ford GT40 zu bauen.

Zieleinlauf bei den 24 Stunden von Le Mans 1966
Ford beendete 1966 die Siegesserie von Ferrari. Seit dem beendete kein Ferrari in Le Mans das Rennen als Gesamtsieger. Zuvor war Ferrari in Le Mans neunmal erfolgreich, siebenmal davon in den Jahren 1958 bis 1965. (Foto: Ford)

Stattdessen erwarb 1969 FIAT einen Anteil an Ferrari. Enzo Ferrari investierte dieses Geld umgehend in den Bau des Ferrari 512S, um den Kampf mit Porsche aufzunehmen. Auch dieser Kampf ging in die Filmgeschichte ein. Der Film „Le Mans“ von und mit Steve McQueen zeigt den Wettkampf zwischen Porsche und Ferrari. Das Ende ist bekannt, Ferrari unterlag. Anders als Porsche bliebt Ferrari an Bord, als die „Commission Sportive Internationale“ zur Saison 1972 neue Sportwagen-Regeln einführte.

1973 kämpfte die Scuderia Ferrari in Le Mans letztmals um den Gesamtsieg!

Die Scuderia Ferrari dominierte mit dem 3-Liter-Sportwagen Ferrari 312PB schon 1971 die Sportwagen-Weltmeisterschaft. Wobei die Scuderia in Le Mans auf den Start verzichtete. Auch ein Jahr später zog Ferrari den 312PB vor dem Rennen zurück. Es fehlte der Glaube, dass der Sportwagen mit viel Formel-1-Technik die Distanz schafft. So fuhr Matra letztlich ungefährdet zum ersten Le Mans Sieg. Erst 1973 kehrte die Werksmannschaft nochmals nach Le Mans zurück.

Doch wieder gewann Matra. Arturo Merzario und Carlos Pace kamen mit dem Ferrari 312PB „nur“ als Zweite ins Ziel. Was zu diesem Zeitpunkt niemand wusste, es war für 50 Jahre der letzte Ferrari, der in Le Mans um den Gesamtsieg fuhr. Denn ab 1974 verzichtete Enzo Ferrari darauf, bei den Prototypen anzutreten. Das Werksteam konzentrierte sich aus finanziellen Gründen auf die Formel 1, wo der letzte WM-Titel inzwischen ebenfalls zehn Jahre zurücklag.

Mit dem Ferrari 312P, hier im Mai 1973 beim 1.000km-Rennen am Nürburgring, trat die Scuderia Ferrari in Le Mans letztmals in der Klasse an, die um den Gesamtsieg kämpfte. (Foto: Lothar Spurzem, CC)
Mit dem Ferrari 312P, hier im Mai 1973 beim 1.000km-Rennen am Nürburgring, trat die Scuderia Ferrari in Le Mans letztmals in der Klasse an, die um den Gesamtsieg kämpfte. (Foto: Lothar Spurzem, CC)

Schon 1964 gewann John Surtess in der Königsklasse den Fahrer-Titel und sicherte seinem Arbeitgeber damit auch den Titel der Konstrukteure. Obwohl damals offiziell das North American Racing Team (N.A.R.T.) die Farben Ferrari in der Formel 1 vertrat. Doch das ist eine andere Geschichte. Nach dem Erfolg fuhr die Scuderia in der Formel 1 regelmäßig an der Krone des Motorsports vorbei. Erst nach zehn Jahren begriff Ferrari, dass sein Team nicht dauerhaft um beide Titel kämpfen kann.

Deshalb konzentrierte sich das Werksteam auf die Formel 1, was sich schnell auszahlte. Denn schon 1974 gewann Ferrari drei Grand Prix und sicherte sich den zweiten Platz in der Meisterschaft der Konstrukteure. 1975 holte Niki Lauda nach langer Durststrecke endlich wieder die Fahrerkrone nach Maranello. Zwei Jahre später wiederholte der Österreicher diesen Erfolg. Zudem sicherte sich Ferrari in dieser Zeit dreimal den Titel der Grand-Prix-Konstrukteure. Der Verzicht hatte sich ausgezahlt!

Das Zwischenspiel mit dem ungeliebten Ferrari 333SP

Zeitzeugen wissen, Enzo Ferrari verfolgte das Rennen in Frankreich Zeit seines Lebens weiter. Nach dem Rückzug des Werksteams ließ sein Freund Luigi Chinetti das Cavallino Rampante in Le Mans rennen. Doch dessen Team N.A.R.T konzentrierte sich auf Einsätze mit GT-Boliden. Um den Gesamtsieg konnte N.A.R.T. damit nicht kämpfen. Auch in der Ära der Gruppe C, die 1982 begann, spielte Ferrari nicht mit. Obwohl der Lancia LC2 auf einen Motor aus Maranello vertraute.

Achille Motors rannte ab 1986 in der IMSA-Serie mit dem Alba AR6. Den Antrieb übernahm der 3-Liter-V8 aus dem Ferrari 308GTB (Foto: Jack Webster, Archiv Fabian P. Wiedl)
Achille Motors rannte ab 1986 in der IMSA-Serie mit dem Alba AR6. Den Antrieb übernahm der 3-Liter-V8 aus dem Ferrari 308GTB (Foto: Jack Webster, Archiv Fabian P. Wiedl)

Auch in IMSA-GTP gab es Motoren von Ferrari. Kaum zu glauben, dass all dies ohne Zustimmung des Commendatore geschah. Nach dem Ende der Gruppe C und der GTP definierte die IMSA ihre „World Sports Cars“. Auf Anregung von Giampiero Moretti entstand mit Hilfe von Dallara der Ferrari 333SP für diese Fahrzeugklasse. Der Unternehmer und Rennfahrer benötigte ein Auto für sein Engagement in den Nordamerika. Den Bau übernahm zunächst Dallara. Später entstand der Sportwagen auch bei Michelotto.

Als 1995 der Kunde Euromotorsport Racing seinen Ferrari 333SP in Le Mans meldete, geschah das gegen den ausdrücklichen Wunsch der Scuderia Ferrari. Ferrari wollte nicht, dass dieser Prototyp in Le Mans rannte. Gleichwohl gingen auch in den Folgejahren mehrfach 333SP in Frankreich an den Start. 1996 drehte Eric Van de Poele mit dem Ferrari an der Sarthe die schnellste Rennrunde, fiel im Rennen jedoch aus. Ein Jahr später steuerte Moretti seinen 333SP auf Platz sechs ins Ziel.

Der Ferrari 333SP entstand nach den IMSA-Regeln der „World Sports Cars“ und feierte 1994 sein Debüt. Schon ein Jahr später brachte ein privates Team den Ferrari in Le Mans an den Start. (Foto: Tony Harrison from Farnborough, UK, CC)
Der Ferrari 333SP entstand nach den IMSA-Regeln der „World Sports Cars“ und feierte 1994 sein Debüt. Schon ein Jahr später brachte ein privates Team den Ferrari in Le Mans an den Start. (Foto: Tony Harrison from Farnborough, UK, CC)

Zudem gewann der 333SP dreimal in Sebring (1995, 1997 und 1998) und war 1998 auch bei den 24 Stunden von Daytona erfolgreich. Als der ACO für Le Mans seine neuen LMP erfand, endete die kurze Ferrari-Rückkehr an der Sarthe. Der Autobauer konzentrierte sich fortan auf die GT-Klasse. Seit ein paar Jahren übernimmt das Team AF Corse von Amato Ferrari diese Einsätze. Dessen Teamchef ist übrigens trotz des gleichen Nachnamens kein Verwandter von Enzo Ferrari.

Das Ferrari-Comeback bei den Sportwagen kündigte sich lange an!

Gleichwohl sitzen in den Rennwagen von AF Corse seit Jahren offizielle Ferrari-Werksfahrer. Und der Kader der Italiener gilt schon länger als erstklassig. Vielen Sportwagen-Piloten in Ferrari-Diensten ist auch ein Gesamtsieg zuzutrauen – sofern sie denn das richtige Auto steuern dürften. In zwei Jahren ist das vermutlich der Fall. Denn Ferrari kehrt mit einem Hypercar in die Sportwagen-Szene zurück. Diese neue Klasse gilt als Le Mans-Speerspitze.

Für die Verantwortlichen von ACO, FIA und IMSA ist das Ferrari-Comeback eine gute Nachricht. Zumal neben der Weltmeisterschaft und Le Mans auch die Klassiker von Daytona und Sebring im Businessplan der Italiener stehen. Endlich mag der eine oder andere Fan denken! Denn der italienische Sportwagen-Hersteller gehört zu diesen Rennen, wie kaum eine andere Marke. Ferrari in Le Mans, das klingt einfach gut!

Alle Gesamtsieger von Ferrari in Le Mans auf einen Blick:

  • 1949 – Peter Mitchell-Thomson, 2. Baron Selsdon (Lord Selsdon) und Luigi Chinetti im Ferrari 166MM (3178,299 km – Fahrzeugbesitzer Lord Selsdon)
  • 1954 – José Froilán González und Maurice Trintignant in Ferrari 375 Plus (4061,150 km – Werkseinsatz)
  • 1958 – Olivier Gendebien und Phil Hill im Ferrari 250TR58 (4101,926 km – Werkseinsatz)
  • 1960 – Olivier Gendebien und Paul Frère im Ferrari 250TR59/60 (4217,500 km – Werkseinsatz)
  • 1961 – Olivier Gendebien und Phil Hill im Ferrari 250TRI/61 (4476,580 km – Werkseinsatz)
  • 1962 – Olivier Gendebien und Phil Hill im Ferrari 330TRI LM Spyder (4451,255 km – Werkseinsatz)
  • 1963 – Lorenzo Bandini und Ludovico Scarfiotti im Ferrari 250P (4561,710 km – Werkseinsatz)
  • 1964 – Jean Guichet und Nino Vaccarella im Ferrari 275P (4695,310 km – Werkseinsatz)
  • 1965 – Masten Gregory und Jochen Rindt im Ferrari 250LM (4677,110 km – North American Racing Team)

Mehr zu den einzelnen Gesamtsiegen gibt es in einem gesonderten Artikel zu den Le Mans-Siegen von Ferrari.

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