Der Himmel über Amsterdam war blau und die Luft mild. VW Nutzfahrzeuge lud zur Weltpremiere des T6 und hat tatsächlich etwas geschafft, was in meinen Augen nur selten gelingt. Das Gefühl war da. Dieses leichte, sonnige, entspannte Gefühl, dass sich einstellt, wenn sich plötzlich eine schöne Erinnerung vor das geistige Auge schiebt.

Das lag natürlich ganz wesentlich am Wetter. Aber die Inszenierung zum 65. Geburtstag der VW Transporter tat einen großen Teil dazu. Man stand an einem kleinen Eiswagen Schlange, ein Gitarrenspieler lehnte lässig an einem T2, die Espressomaschine dampfte ununterbrochen. Es gab Liegestühle und Sitzsäcke. Ich hörte fast alle Sprachen, die auf diesem Erdball gesprochen werden. Die Stimmung war locker.

T2 von 1979
T2 von 1979

Natürlich kann man jedes Auto perfekt in Szene setzen, doch ich bin sicher, dass dieses Gefühl bzw. diese Inszenierung nicht oder nur in ganz wenigen Fällen auf andere Fahrzeuge übertragbar wäre. Denn die alten VW Busse sind Sympathieträger der Kategorie 1. Sie sind die Autos der Flower-Power-Generation. Sie sind die ultimativen Love-and-Peace-Mobile. An ihnen hängen unendlich viele Erinnerungen.

Gurtpflicht in der Facebookgruppe

Kaum ein anderes Auto bekommt dieses wohlwollende, warme Lächeln, wenn es zufällig vorbei fährt. Nicht dieses beeindruckte aber distanzierte WOW, das ein alter Ferrari oder ein SL-Flügeltürer bekommt. Nein, es ist dieses Lächeln, das man einem lieben Familienmitglied schenkt. Dieser Wagen ist nicht oben auf einem Podest, sondern ganz nah dran. Und das obwohl der Preis für den ein oder anderen restaurierten T1 Samba locker an die 100.000 Euro gehen kann.

Eis, Eis , Eis ...
Eis, Eis , Eis …

Heute stecken wir uns nur noch selten Margeriten in die Haare und tanzen nackt durch den Central-Park. Wer sich Peace and Love wünscht, gründet eine Facebook-Gruppe. Luft und Liebe reichen für den spontane Trip mit sechs Freunden und einer Klampfe nicht länger, als Janis Joplin „Oh Lord…!“ singen kann. Denn Krishna hat die Benzinpreise erhöht und wildes Campen ist ohnehin schon lange verboten. Die Gurtpflicht verknittert jede Blümchenbluse und die exzessive Bewusstseinserweiterung am Steuer wird heute – zu Recht – hart bestraft. Alles anders also!

Zurück in die Zukunft

Eine Kugel Mangoeis im Hörnchen begleitete mich dann auf eine Zeitreise. Ein langer Tunnel sog mich aus den 70ern gnadenlos in die Gegenwart zurück. Das Ambiente war clean und schnörkellos, lediglich zwei der alten, liebevoll drapierten Nutzfahrzeuge spannten den weiten Bogen zurück in die Vergangenheit.

Warten auf den T6
Warten auf den T6

Es gab keine langen Reden, kein aufgeblähtes Programm. Nach einem kurzweiligen Abriss der T-Erfolgsgeschichte von Ben Pons Skizze bis zum T5 rollte der Neue auf die große Bühne. Ja, da ist er nun. Der Nachfolger einer Ikone von Fotografen und Kamerateams belagert wie ein Rockstar. Dabei hat er sich kaum verändert. Sein Gesicht ist etwas kerniger und er ist noch mehr Gegenwart. Mit viel Connectivity ist er dem Zeitgeist gefolgt.

Die Hippies der 70er sind heute Rentner. Die meisten von ihnen hat die Bodenständigkeit eingeholt. Sie werden also keinen Bedarf mehr für das enorme Platzangebot des VW-Transporter oder des Multivans haben. Doch ihre Kinder und Enkel rücken nach.

Der neue T6
Der neue T6

Double Income, zwei Kinder und ein Hund – das ist in meinen Augen heute die typische Klein-Community, die einen T6 vor dem Haus stehen haben könnte. Oder Double Income und vier Hunde oder wahlweise zwei Surfbretter bzw. Mountainbikes. Denn ein bisschen mehr als oben erwähnte Luft und Liebe muss der Bulli-Fan schon mitbringen, wenn er mit der Generation Six den Hauch der wilden Seventies atmen will. VW-Nutzfahrtzeuge hat zwar die Preise der Transporter und Multivan-Modelle gesenkt, doch zum Einstandspreis wird niemand den neuen VW Bus ordern, wenn er die Connectivity nutzen will.

Marc Knopfler und die Hockeymannschaft

Der praktische Nutzen dieses Busses steht außer Zweifel. Doch im Laufe der Premierenfeier habe ich mich immer wieder gefragt, auf was genau sich dieses tiefe Sympathie gründet, die ihm nach wie vor entgegen gebracht wird. Als später am Abend Marc Knopfler mit seiner Band auf der Bühne stand, war es mir plötzlich sonnenklar. Er nahm die Gitarre, die seit „Brother in Arms“ weltberühmt ist und spielte Romeo and Juliet. Und alle, ob Maßanzug oder Lederjacke,  konnten textfest mitsingen.

Die Zweifarblackierung des Sondermodells Generation Six ist eine Homage an den Samba.

Musik bindet Menschen zu einer losen Gemeinschaft von Liebhabern und Fans. Ein Auto, in dem eine komplette Hockey- oder Volleyballmannschaft nebst Equipment zum Tunier gekutscht oder der versammelte Kindergeburtstag in den Park verfrachtet werde kann, schafft ebenso eine Gemeinschaft. Und eine Gemeinschaft verspricht meistens Spaß. Ob wir dem T6 deshalb in 30 Jahren mit dem gleichen Samba-Lächeln hinterher schauen, wird die Zukunft zeigen.

Ich persönlich hätte sehr großen Spaß an dem Sondermodell Generation Six in der rot-weißen Zweifarblackierung. Ich habe lange nicht mehr einen fahrbaren Untersatz gesehen, der derart perfekt in meinen Lebensentwurf passt.


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Infos zum Titelbild dieses Beitrags:

Gesten bei der Premiere des VW T6 - Foto: Karla Schwede

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1 Comment

  1. „Double Income, zwei Kinder und ein Hund“ … ?!? Das muss dann schon ein Lehrereinkommen sein weil sonst tut das nicht mehr funktionieren tun.

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