Früher war Motorsport einfach. Der Schnellere möge gewinnen. Irgendwann kam dann die Taktik der Teams dazu. Und auch die Piloten haben heute erkannt, dass die alte Weisheit „To finish first, you first have to finish!“ nicht von der Hand zu weisen ist. Für die Mehrzahl der Piloten, die heute in der Formel 1 unterwegs sind, dürfte dies gelten. Vielleicht nicht für Romain Grosjean, aber für Sebastian Vettel mit Sicherheit.

Deshalb war es herzerfrischend, wie Vettel am vergangenen Sonntag auf diese Weisheit pfiff und seinen Teamkollegen Mark Webber mit großem Einsatz niederrang. Der dreimalige Weltmeister zeigte, welches große Rennfahrerherz in seiner Brust schlägt. Nebenbei tat der Heppenheimer eine Menge für die Show. Denn ohne diesen kurvenlangen Zweikampf wäre das Formel 1 Rennen in Malaysia eher fand gewesen.

Red Bull legt Wert darauf, dass die Piloten formal gleichberechtigt sind. Trotz des offensichtlichen fahrerischen Niveauunterschieds. Niemand kann ernsthaft behaupten, dass der Australier Webber im direkten Zweikampf mit Vettel mithalten kann. Die drei Titel des Deutschen mit Red Bull Renault sprechen eine deutliche Sprache.

Genauso wie der Zweikampf im Malaysia

Wenn zwei gleichberechtigte Teamkollegen nicht einmal im zweiten Saisonlauf ehrlich um die Spitze eines Rennens kämpfen dürfen, wann dann? Alles andere wäre Betrug am Zuschauer. Alles andere wäre Ferrari in den Michael Schumacher Jahren.

Deshalb bewegt sich Red Bull auf einem schmalen Grad. Das Team muss aufpassen, nicht jede Sympathie zu verspielen. Denn als reine Marketingabteilung eines Getränkeherstellers verliert das Team in den Augen der echten Fans an den Strecken seine Daseinsberechtigung.

Die Verantwortlichen sollten sich ein Beispiel an Frank Williams nehmen. Der Brite und sein Partner Patrick Head bauten das Team aus dem Nichts auf. Die Existenz des Teams war mehrfach stark gefährdet. Lange galt Williams als der arme Mann im Fahrerlager.

Erst nach mehr als zehn Jahren in der Königsklasse des Motorsports gelang 1980 der Durchbruch. Alain Jones fuhr zum Fahrertitel und sicherte dem Team den ersten Titel in der Konstrukteursmeisterschaft. Anschließend gehörte Williams über Jahre zur Spitze der Formel 1.

Und Frank Williams blieb Racer

Der Brite lies Egomanen wie Nigel Mansell und Nelson Piquet über Jahre gegeneinander als gleichberechtigte Teamkollegen um die WM kämpfen. Auch als das Team 1986 den Fahrertitel verlor, weil sich Frank Williams nicht zu einer Stallregie durchringen konnte, änderte Team Williams diese Grundeinstellung nicht.

Nachdem der Brite Mansell mit einem Sieg beim Heimrennen die WM-Führung übernahm, forderte die britische Presse lautstark eine Stallregie zugunsten des Landsmanns. Doch Frank Williams und Patrik Head dachten nie daran, Piquet zurückzupfeifen.

Der Brasilianer gewann die Rennen in Deutschland, Ungarn und Italien. Mansell schäumte und konterte mit einem Sieg in Portugal. Zwei Rennen vor dem Saisonende lang Mansell mit zehn Punkten vor Piquet in der WM-Wertung in Führung. Einen weiteren Punkt zurück lauerte der Franzose Alain Prost im McLaren.

Bei noch 18 zu vergebenen Punkten eine klare Geschichte für Mansell. Doch selbst in dieser Situation setzte Williams nicht auf Mansell. In Mexiko schloss Prost in der WM-Wertung bis auf sechs Punkte zu Mansell auf. Dabei half dem Franzosen, dass Piquet auf Platz direkt vor Mansell auf Platz fünf ins Ziel fahren durfte.

Beim Finale in Australien hätte Mansell ein dritter Platz zum Titelgewinn gereicht. Dann wäre für Prost oder Piquet ein eigener Sieg wertlos gewesen. Im Rennen platzte Mansells WM-Traum spektakulär mit seinem Hinterreifen. Zeitweilig lang Piquet in Führung. Am Ende siegte Prost. Auf der Strecke und in der WM.

Der Spot der britischen Medien war groß

Hätte Williams im Sommer auf Mansell gesetzt, wäre Mansell sicher zum Titel gefahren. Trotzdem änderte Williams nichts. Auch 1987 kämpften Piquet und Mansell ungebremst und ohne Stallregie um den Titel. Bis Mansell kurz vor Saisonende verunglückte und weder in Japan noch in Australien antreten konnte.

Piquet fuhr zum Titel und verlies verärgert das Team. Die Startnummer des Weltmeisters klebte 1988 auf einem Lotus. Auch Mansell zeigte sich verärgert, blieb dem Team jedoch treu. Erst nachdem dem Briten 1992 endlich der ersehnte Titelgewinn gelang, verlies Mansell das Team. Weil Frank Williams ihm im folgenden Jahr den Status der Nummer eins verweigerte.

Kritiker mögen das herzlos finden

Doch zurückblickend erlebten die Fans damals eine große Zeit. Weil auch Ron Dennis bei McLaren in diesen Jahren Alain Prost und Ayrton Senna ebenfalls in einem Team gnadenlos um die WM kämpfen lies. Dadurch wurden die Piloten zu den Helden, als die sie heute noch wahrgenommen werden. Die Beliebtheit der Formel 1 stieg in unerreichte Höhen.

Heutige Piloten unterliegen anderen Zwängen. Trotzdem ist es lächerlich, wenn sie, wie Mark Webber nach dem Rennen, auf das Nichteinhalten der Stallregie verweisen. Und es ist lächerlich, wenn sich ein Racer wie Sebastian Vettel sich für einen Sieg entschuldigen muss.

Red Bull und die Formel 1 müssen froh sein, so einen Kämpfer wie Sebastian Vettel zu haben. Gemeinsam mit Piloten wie Kimi Räikkönen oder Fernando Alonso hätte der Deutsche auch vor 25 Jahren eine gute Figur gemacht. Anders als Mark Webber oder Lewis Hamilton, die wären auch damals keine Spitzenpiloten gewesen.

7 Kommentare

  1. Danke! Genauso ist es. Die fiese Stallregie hat Michael Schumacher immer ein Stück unsymphatisch gemacht, ihm also geschadet. Man denke an das Rennen auf dem A1 Ring 2002 als Barrichello seinen Teamkollegen Schumacher in der letzten Kurve vorbeilassen musste 🙁 – und das war im Mai!

  2. Meiner Meinung nach schaut Ihr da zu sehr durch die rosarote-Vettel Brille. Ich bin überhaupt nicht für eine Stallregie ganz im Gegenteil. Aber wenn man einem Webber sagt, er solle den Motor runterriegeln und auch die Anweisung kommt, dass nicht um die Plätze gefahren wird, dann ist es nicht fair von Vettel dies trotzdem zu tun.

  3. Maxim Krycewulski Reply

    In der „neuen“ Formel 1 werden die Rennen nicht mehr Sache der Fahrer, sondern der Teams.
    Und da Vettel eine klare Anweisung des Teams missachtet hat, ist die Reaktion von Christian Horner richtig.

    • Oskar von Treten Reply

      Aber die WM heißt schon noch Fahrerweltmeisterschaft, oder?

  4. Alles richtig und alles gut. Problem wie oben schon behauptet: Mir muss keiner sagen, dass Vettel nichts von der Order wusste die Reifen zu schonen. Das war Stallregie durch die Hintertür. Hätten beide fair gekämpft wäre es Fest gewesen. So hat es einfach nur ein Geschmäckle.

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