Nico Hülkenberg gewinnt für Porsche die 24 Stunden von Le Mans. Das ist eine Schlagzeile, die hätte vor zwölf Monaten wohl kaum jemand für möglich gehalten. Schließlich sind Starts von aktiven Formel-1-Piloten an der Sarthe in den letzten Jahren selten geworden.

Dabei war der Doppelstart in der Formel 1 und in Le Mans in früheren Zeiten gang und gäbe. Nach dem Rennen habe ich mal etwas in den Le Mans-Siegerlisten gestöbert. Gefunden habe ich einige Le Mans Sieger, die wie Nico Hülkenberg gleichzeitig auch in der Formel 1 fuhren. Noch mehr Piloten habe ich allerdings gefunden, die erst nach ihrem Karriereende in der Formel 1 in Le Mans zum Erfolg fuhren.

Schon in den 1950er-Jahren siegten mit Mike Hawthorn und Phil Hill aktive Formel-1-Piloten auch in Le Mans. 1963 feierte Lorenzo Bandini den Sieg in Le Mans. 1965 gewann Jochen Rindt das Rennen für Ferrari. Der Österreicher war damals in der Formel 1 ein Frischling, besserte sich in Le Mans die Kasse auf. Gegen eine gute Gage ging Rindt zusammen mit Masten Gregory, der ebenfalls zu dieser Zeit noch in der Formel fuhr, für das North American Racing Team an den Start. Umstritten ist, ob im Rennen auch Ersatzfahrer Ed Hugus zeitweise im Ferrari 250LM aushalf.

Ein Jahr später siegten mit Bruce McLaren und Chris Amon erneut zwei damals aktive Formel-1-Piloten in Le Mans. Sie fuhren den heute legendären Ford GT40 zu seinem ersten Sieg beim wichtigsten 24-Stunden-Rennen der Welt. 1966 gewann der erneut. Diesmal mit Dan Gurney am Steuer. Der lange Amerikaner, der das Rennen in Le Mans zusammen mit A.J. Foyt bestritt, führte nach diesem Erfolg das Spritzen von Champagner in der Motorsportwelt ein. Und Gurney, dessen Firma in diesem Jahr am Bau des Nissan beteiligt war, gewann eine Woche nach Le Mans den Großen Preis von Belgien.

Im Kampf gegen Ferrari vertraute Ford auch in den folgenden Jahren auf Piloten aus der Formel 1. 1968 gewannen Pedro Rodríguez und Lucien Bianchi, dessen Großneffe Jules im vergangenen Jahr in der Formel 1 schwer verunglückte. 1968 galten beide Le Mans-Sieger als gestandene Formel-1-Piloten. Tragisch, dass beide ihre Einsätze im Sportwagen später mit dem Leben bezahlten. Lucien Bianchi verunglückte ein Jahr nach dem Sieg in Le Mans bei Testfahrten an gleicher Stelle, als sein Alfa Romeo T33 gegen einen Telegrafenmast prallte. Der Mexikaner Rodríguez erlitt 1971 am Norisring im Porsche 917 einen tödlichen Unfall.

Auch in den folgenden Jahren hatten die Le Mans-Sieger enge Verbindungen zur Königsklasse des Motorsports. 1969, beim letzten Sieg des Ford GT40 in Le Mans, saßen mit Jackie Oliver und Jacky Ickx erneut zwei aktive Formel-1-Piloten im Cockpit. 1970, als Porsche erstmals zum Gesamtsieg fuhr, saßen mit Hans Herrmann und Richard Attwood dann zwei ehemalige Formel-1-Piloten im Cockpit.

Aber schon ab 1971 siegten wieder regelmäßig aktive Formel 1 Piloten an der Sarthe. Zunächst trugen sich Helmut Marko und Gijs van Lennep in die Siegerlisten ein. Ihr Distanzrekord wurde erst 2010 gebrochen. Ein Jahr später siegten Henri Pescarolo und Graham Hill, die zu dieser Zeit ebenfalls noch über Grand Prix Cockpits verfügten. Als der Franzose seinen Erfolg in den beiden folgenden Jahren wiederholte, teilte sich Pescarolo das Cockpit mit Gérard Larrousse. Der sollte es erst später ebenfalls noch in die Formel 1 bringen. Als Fahrer zwar nur für ein Rennen, dafür aber später als Rennleiter von Renault und Ligier sowie als Mitbesitzer eines eigenen Teams.

Auch die Le Mans-Sieger 1975 waren aus der Formel 1 bekannt. Doch dort galten Jacky Ickx und Derek Bell als Auslaufmodell. Derek Bell etablierte sich in den kommenden Jahren schnell als Sportwagen-Pilot und fuhr schließlich fünfmal in Le Mans als Sieger ins Ziel. Ickx fuhr immerhin noch bis 1979 zweigleisig, konnte aber in der Formel 1 längst nicht mehr an die frühen Erfolge anknüpfen.

Offensichtlich änderten sich in der zweiten Hälfte der 1970er-Jahre langsam die Zeiten.

Es begann das Zeitalter der Sportwagen-Spezialisten. 1976 siegte Ickx zusammen mit Gijs van Lennep, ein Jahr später mit Hurley Haywood und Jürgen Barth. Beides reine Sportwagen-Piloten, die nie in die Nähe der Formel 1 strebten. Und als 1978 Didier Pironi in Le Mans siegreich war, war der Franzose in der Formel 1 ein Rookie. Pironi bestritt im gleichen Jahr bei Tyrell seine erste Formel-1-Saison. Ähnlich war es 1985 bei Le Mans-Sieger Paolo Barilla. Der Erbe des Nudelimperiums fand erst vier Jahre nach seinem Sieg in Le Mans ein Cockpit in der Königsklasse.

Üblich wurde immer öfter ein anderer Weg: Nach ihrer Zeit in der Formel 1 wechselten die Piloten zum Sportwagen. Hans-Joachim Stuck (Sieger 1986 und 1987), Jan Lammers (1988), Johnny Dumfries (1988) und Jochen Mass (1989) waren in der Formel 1 schon zurückgetreten, als sie in Le Mans siegten. Wobei der Niederländer Lammers 1992 nach zehn Jahren Formel-1-Pause noch mal zwei Rennen für March fahren sollte. Ähnlich ging es Yannick Dalmas, der nach seinem ersten Le Mans Sieg (1992) und einer Pause von immerhin vier Jahren 1994 ein Comeback in der Formel 1 feiern durfte.

Auch Volker Weidler (Sieger 1991) war in der Formel gescheitert. Allerdings kämpfte der sympathische Pilot aus Weinheim noch in der japanischen Formel 3000 um eine Rückkehr in die Königsklasse. Doch nach gesundheitlichen Problemen beendete Weidler 1992 seine Karriere. Zusammen mit dem Deutschen gewannen Johnny Herbert und Bertrand Gachot die 24 Stunden von Le Mans. Beide waren nach dem Erfolg in Frankreich noch einige Jahre in der Formel 1 aktiv. Sie sind gehören damit zusammen mit Martin Brundle (Sieg 1990) in den vergangen 25 Jahren zu der seltenen Spezies aktiver Formel-1-Piloten, die in Le Mans gewinnen konnten.

Ansonsten siegten jetzt entweder Sportwagen-Spezialisten oder Ex-Formel-1-Piloten.

Mauro Baldi (1994), JJ Lehto (1995 und 2005), Michele Alboreto (1997), Pierluigi Martini (1999), Emanuele Pirro (2000 bis 2002, 2006 und 2007) sowie Marc Gené und David Brabham (beide 2009) hatte auch nach ihren Le Mans Erfolgen in der Formel 1 keiner mehr auf dem Zettel. Obwohl Marc Gené immerhin bis Ende 2013 offiziell Testfahrer bei Ferrari war.

Dabei kann ein Sieg in Le Mans durchaus auch die Formel-1-Karriere anschieben. Alexander Wurz erhielt nach seinem Le Mans Sieg 1996 einen Testvertrag bei Benetton. Als Einsatzpilot Gerhard Berger passen musste, wurde Wurz zum Grand-Prix-Piloten. Und auch Allan McNish kam 2002 im zarten Rennfahrer-Alter von 32 Jahren erst als Le Mans Sieger (1998) zu seinem Formel-1-Debüt. Doch McNish verlor nach nur einem Jahr bei Toyota sein Cockpit in der Formel 1. Dann kehrte der Schotte zu den Sportwagen zurück. Bei seinen Le Mans Siegen 2008 und 2013 galt McNish als Ex-Formel-1-Pilot.

Die lange Liste zeigt, der Le Mans-Erfolg von Nico Hülkenberg ist nicht neu. Trotzdem ist der Emmericher seit 24 Jahren der erste Formel-1-Stammpilot, der „nebenbei“ in Le Mans gewinnt.

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