Im sechsten Teil unserer Reihe Formel-1-Legenden beschäftigen wir uns mit Gilles Villeneuve. Der unglaubliche Kanadier verunglückte 1982 beim Training zum Großen Preis von Belgien in Zolder tödlich. In fünf Jahren Formel 1 definierte Villeneuve, den Niki Lauda einst als Giganten bezeichnete, die Begriffe Fahrzeugbeherrschung, Kampfgeist und Mut völlig neu.

Der am 18. Januar 1950 in Richelieu, Quebec geborene Gilles Villeneuve nahm zunächst an Snowmobilen-Rennen teil. Später trat er bei Beschleunigungsrennen an. Doch die mit einem 1967er Ford Mustang bestrittenen 1/4-Meilen-Beschleunigungsduelle langweilten Villeneuve schnell. Nach einem Kurs an der Jim Russell Racing School kaufte er 1973 einen Formel Ford. Mit dem zwei Jahre alten Rennwagen gewann Villeneuve sieben von zehn Rennen.

1974 stieg der Familienvater, dessen 1971 geborener Sohn Jacques 1997 Formel-1-Weltmeister wurde, zunächst mit einem eigenen Team in die Formula Atlantic auf. Zu Saison 1975 gewann er seinen Snowmobile-Hersteller „Skiroulle“als Sponsor. Jetzt ging es schnell bergauf. Beim dritten Saisonrennen räumte Villeneuve mit viel Kampfgeist zunächst Chip Mead von der Strecke und feierte dann seinen ersten Sieg. 1976 gewann Villeneuve den Titel, den er 1977 verteidigten konnte.

Die Formula Atlantic wurde damals nach Regeln gefahren, die die Serie zwischen der Formel 3 und der Formel 2 ansiedelte. Ein attraktives Preisgeld sorgte für interessante Starterfelder. Europäische Piloten wie die Formel-1-Weltmeister James Hunt und Keke Rosberg besserten auf den Strecken von Westwood, Mosport oder Trois-Rivières regelmäßig ihre Kasse auf.

Der Aufstieg in die Formel 1

Bei einem Rennen in Trois-Rivières schlug Villeneuve den amtierenden Formel-1-Weltmeister James Hunt. Der war von der Art und Weise, in der ihn Villeneuve besiegte, stark beeindruckt und wies das McLaren-Team auf den Kanadier hin. Für den Großen Preis von England stellte McLaren Villeneuve einen alten M23 zur Verfügung. Gilles qualifizierte den Altwagen zwischen den Teamkollegen in den aktuellen Fahrzeugen auf einem sehr guten 9. Platz. Im Rennen reichte es nur für Platz 11. Doch der Kanadier drehte die 5. schnellste Rennrunde.

Enzo Ferrari war stark beeindruckt

Der Auftritt in Silverstone sollte der einzige Formel-1-Start bleiben, den Villeneuve nicht in einem Ferrari absolvierte. Denn Enzo Ferrari erkannte in dem Kanadier das Talent seines Idols Tazio Nuvolari wieder. Ab dem Großen Preis von Canada startete Villeneuve für Ferrari. Beim zweiten Start in Japan versuchte Gilles Villeneuve, den Schweden Ronnie Peterson im Tyrrell P34 auf der Außenseite zu überholen. Die Boliden berührten sich. Der Ferrari wurde in die Luft geschleudert, flog in den  Zuschauerraum und verletzte dort zwei Zuschauer tödlich.

Auch die Saison 1978 lief zunächst nicht gut. Ferrari war nicht konkurrenzfähig. Nach vielen Ausfällen konnte Villeneuve trotzdem in Canada seinen ersten Formel-1-Sieg feiern. 1979 wurde er mit drei weiteren Siegen hinter seinem Teamkollegen Jody Scheckter Vize-Weltmeister.

Villeneuve zeigt was Kampfgeist ist

Beim Rennen in den USA regnete es im Training sehr stark. Mit unverändertem Einsatz deklassierte Villeneuve die Konkurrenz um gute 10 Sekunden! Beim Großen Preis von Frankreich lieferte sich der Kanadier ein beinhartes Duell mit René Arnoux, dessen Renault gegen Ende des Rennens einfach schneller war. Arnoux holte auf und überholte drei Runden vor Schluß den Kanadier. Dieser presste sich eine Runde später wieder am Franzosen vorbei zurück auf Platz 2.

In der Schlußrunde fuhren die beide Piloten Seite an Seite durch die Kurven. Ihre Fahrzeuge berührten sich mehrmals. Schließlich brachte Arnoux – halb neben der Strecke – seinen Renault in Front. Der Kanadier wollte sofort auf der Außenseite kontern. Das Manöver mißlang und Villeneuve wurde weit herausgetragen. Mit unglaublicher Fahrzeugkontrolle fing Gilles den Ferrari ab und schloß sofort wieder zum Franzosen auf. In der Haarnadelkurve presste er sich schließlich Innen an Arnoux vorbei und verteidigt den zweiten Platz bis ins Ziel.

1980 wurde zum Horrortrip für den Titelfavoriten Villeneuve. Ferrari hatte den Anschluß an die Spitze des Felds verloren. Villeneuve hatte am Ende der Saison ganze sechs Punkte auf seinem WM-Konto. Weltmeister Scheckter verabschiedete sich mit zwei Punkten in den Ruhestand. 1981 setzte Ferrari erstmals einen Turbomotor ein. In 15 Rennen fiel Villeneuve 8 mal aus, konnte aber auch zwei Rennen gewinnen.

„Ich werde mit Pironi nie wieder ein Wort sprechen!“

1982 galt Villeneuve wieder als Titelfavorit. Nach zwei Ausfällen zu Beginn des Jahres wurde Villeneuve in den USA Dritter, wurde jedoch nachträglich disqualifiziert. Der Heckflügel seines Ferraris soll zu groß gewesen sein. Beim Skandalrennen von Imola, als die englischen Teams im Streits mit der FISA (heute FIA) auf das Rennen verzichteten, lieferte sich Villeneuve einen atemberaubenden Kampf mit seinem Ferrari-Kollegen Didier Pironi. Pironi gewann das Rennen entgegen der Absprachen und gegen den Willen des Ferrari-Teams. Villeneuve kochte und warf dem Franzosen Wortbruch vor, nie wieder wollte er ein Wort mit Pironi sprechen.

Mit großer Motivation reiste Villeneuve nach Belgien. Acht Minuten vor dem Ende der Qualifikation lag der Ferrari-Star hinter seinem Teamkollegen Pironi auf Platz acht. Villeneuve setzte alles auf eine Karte. Im Regen flog er über die Bahn. Vor einer Kuppe lief er auf den langsamen March des Deutschen Jochen Mass auf. Doch als Villeneuve zum Überholen ansetzte, gab Mass die Ideallinie frei. Die Rennwagen berührten sich. Der Ferrari stieg steil auf und flog 150 m durch die Luft. Beim Aufprall wurde der Kanadier mit seinem Sitz aus dem Ferrari geschleudert. Die Fliehkräfte rissen ihm den Helm vom Kopf. Noch am Abend stirbt Villeneuve an den Folgen des Unfalls.

In 67 gefahrenen Grand Prix machte sich Gilles Villeneuve zur Legende. In Italien wird er bis zum heutigen Tage wegen seiner unglaublichen Fahrzeugbeherrschung, seiner Risikobereitschaft und seinem Einsatzwillen wie ein Heiliger verehrt.

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