1300ccm.de blickt über den Tellerrand hinaus. Neben Youngtimern und Oldtimern gehört automobiles Kulturgut zu unserem Themenangebot, wenn das Kulturgut UNS gefällt. Und so findet dann von Zeit zu Zeit sogar ein neues Auto in Weg auf unsere Seite. Der neue Honda Civic, den Honda unlängst auf der IAA in Frankfurt vorstellte, ist so ein Fall. Wir nutzen die Vorstellung der neunten Modellgeneration für einen Vergleich mit der ersten Generation des Civic, die 1972 vorgestellt wurde.

Der japanische Autobauer Honda ist – gemessen an seinen europäischen und amerikanischen Konkurrenten – ein vergleichsweise junges Unternehmen. Erst 1948 gründete Sōichirō Honda das Unternehmen, um Motoren und Motorräder herzustellen. Mit intelligenten Marketingstrategien und technisch ausgereiften Produkten gelang es der Honda Corporation, innerhalb weniger Jahre zum größten Motorradhersteller der Welt aufzusteigen. Auf Anregung des japanischen Ministeriums für Internationalen Handel und Industrie begann S?ichir? Honda Mitte der 1950er–Jahre über den Bau von Autos nachzudenken.

1958 nahm Honda die Entwicklung auf

Auf der Tokyo Motor Show 1962 zeigte Honda mit dem S360 den Prototypen eines Sportwagens sowie dem Kleintransporter T360 das Ergebnis der Entwicklungsarbeit. Grundlage beider Fahrzeuge war ein kleiner wassergekühlter 354 ccm Vierzylinder aus Aluminiumguss mit zwei oben liegenden Nockenwellen (DOHC). Während der Kleintransporter ausschließlich in Japan angeboten wurde, stellte Honda seinen Sportwagen nach einer Hubraumerweiterung auf 500 ccm als S500 bereits 1963 erstmals auch in Europa vor. Zwei Jahre später nahm man dann mit dem zum S600 weiterentwickelten Sportwagen den Verkauf in Frankreich, Italien und der Schweiz auf.

Honda S500

Den Schritt nach Deutschland wagte man erst 1967 mit dem inzwischen S800 genannten Sportwagen, der als erstes japanisches Automobil auch auf den deutschen Markt angeboten wurde. Für Vortrieb sorgte jetzt ein wassergekühlter 791 ccm Motor, der mit vier Keihin–Horizontal–Gleichdruckvergasern bestückt, erstaunliche 67,2 PS bei 7.570 min−1 produzieren konnte. Neben dem Sportler bot man zudem einen N360 genannten Kleinwagen an, bei dessen Entwicklung offensichtlich der Mini Pate stand.

Honda N360

Doch Honda wollte mehr!

Und so nahm unter der Leitung von Yoshio Nakamura, der von 1964 bis 1968 als Teammanager für das Formel 1 Team des japanischen Herstellers tätig war und schon 1962 für den S360 Hondas verantwortlich war, eine kleine kompakte Schräghecklimousine Gestalt an. Dem Zeitgeist des Autobianchi Primula oder Renault 16 folgend, hatten Nakamura und sein Team zur Verbesserung der Raumausnutzung die Heckklappe des Honda Civic genannten Fahrzeugs oben angeschlagen und die Rücksitze klappbar gemacht. Die Entwickler folgten dabei einem Lastenheft, das Firmengründer S?ichir? Honda seinen Mitarbeitern diktiert hatte, und das ein Fahrzeug beschrieb, das als Volumenmodell auf den lukrativen Auslandsmärkten in den USA und Europa Absatz finden sollte.

1972 stellte man den Civic in Japan vor. Ein Jahr später begann der Vertrieb in den USA, 1974 bot man den Civic auch in Deutschland an. Bereits 1976 hatte man mehr als 1.000.000 Civic verkauft. Dabei profitierte man – insbesondere in den USA – auch von der Ölkrise. Denn zunächst bot man den Civic ausschließlich mit einem 1.169 ccm großen Vierzylinder–Vergasermotor an. Das aus Aluminium gefertigte Triebwerk produzierte zunächst 50 PS (37 kW), im Zuge der Modellpflege stellten spätere Aggregate 54 PS (40 kW) zur Verfügung.

Honda Civic 1972

Sowohl an der angetriebenen Vorderachse, an der Scheibenbremsen für Verzögerung sorgten, als auch an der Hinterachse gab es im Civic bereits beim Debüt moderne Einzelradaufhängungen. Im Vergleich zu seinen (auf dem US–Markt) wichtigsten Wettbewerbern, wie dem Chevrolet Vega, dem Ford Pinto oder auch dem AMC Gremlin mit ihren Starrachsen und ihren durstigen Motoren fuhr sich ein Civic 1974 wie ein Auto aus der Zukunft. Mit diesem Civic konnte man recht komfortabel und vergleichsweise sparsam unterwegs sein. Im damals in den USA üblichen Verbrauchstest begnügte sich der Civic mit 5,9 Litern auf 100 Kilometern.

“Honda, we make it simple“

In Deutschland wurde die nur 680 Kilogramm schwere Basisversion des Civic als Dreitürer (Hatchback) zum Preis von rund 7.770,– DM verkauft. Dafür gab es ein Viergangschaltgetriebe, im Innenraum saß man auf Sitzen mit Vinyl–Bezügen und Liegefunktion, hörte Musik aus einem Radio und sah auf eine schicke Kunststoffbeklebung mit Holzmaserung, die das Armaturenbrett schmückte. Die Zubehörliste war übersichtlich. Sie umfasste zunächst nur eine Klimaanlage, ein Automatikgetriebe namens Hondamatic, Radialreifen und einen Heckscheibenwischer.

Bis 1979 blieb der Ur–Civic im Programm. In den USA unterstützte eine pfiffige Werbekampagne mit dem Titel „Honda, we make it simple.“ den Verkauf. Fast eine Million Civic der ersten Generation konnte Honda in den USA verkaufen, obwohl Rostprobleme an tragenden Teilen und den Aufhängungen Honda Ende der 1970er–Jahre Honda zur damals größten Rückrufaktion der US–Geschichte zwangen und am Image des Kleinwagens nagten.

Wachstum und Weiterentwicklung

Doch selbst das Image des „typical Honda rust“ konnte auf Dauer den Erfolg des Civic nicht aufhalten. 1980 debütierte die zweite Generation. Sie legte bereits moderat an Größe zu. In den folgenden Jahren wuchs der stetig an. Selbstverständlich hat das neue Modell, das Honda auf der IAA 2011 in Frankfurt vorstellte, technisch keine Gemeinsamkeiten mehr mit seinen Vorgängern. Vorstandschef Takanobu Ito sprach in Frankfurt bei der Weltpremiere in Frankfurt stolz davon, dass der neue Civic gegenüber seinem Vorgänger gleich zwei Generationen übersprungen habe.

Honda Civic des Modelljahr 2012

Anders als vor 40 Jahren, als Honda primär den US–Markt im Blick hatte, steht für Honda heute Europa im Mittelpunkt. Der neue Civic wurde speziell für europäische Kunden entwickelt. Der neue Civic wurde – mehr als mit jedem anderen Honda–Fahrzeug – auf europäischen Straßen getestet, weil europäische Kunden hohe Ansprüche in puncto Fahrkomfort pflegen. Sie fahren im weltweiten Vergleich die höchsten Geschwindigkeiten, haben es dabei aber mit den unterschiedlichsten Fahrbahnen zu tun – von schnellen Autobahnen bis zu schlaglochreichen „Rüttelpisten“. Daher setzte Honda bei der Fahrwerksentwicklung des neuen Civic auf ein Maximum an Komfort bei temporeichen Touren, genauso wie bei schlechter Fahrbahnbeschaffenheit.

Honda Civic an der Decke

Im Vergleich der Brüder, die 40 Jahre trennt, wird deutlich, wie stark Autos in dieser Zeit gewachsen sind. 1972 wurde eine Fahrzeuglänge von 3,55 Metern als ausreichend angesehen. Heute ist ein Civic 4,26 Meter lang. Leer bringt das neue Modell 1.257 Kilogramm auf die Waage. Das Gewicht ist der Preis der heutigen Ansprüche an den Komfort und die Sicherheit. Bemerkenswert, dass auch der neue Civic – wie einst sein Vorgänger in den 1970er-Jahren – im Normverbrauch (kombiniert) nur 5,9 Liter Benzin konsumiert. Treu geblieben ist sich Honda beim Markenauftritt. Wie vor 40 Jahren, als man das Einfache zum Konzept machte, setzt man im Marketing auch heute Akzente. Bei der Präsentation des neuen Civic hängte man das Fahrzeug spektakulär in das Foyer.

6 Kommentare

  1. Cool, Tom, den hatte meine Mutter auch einmal. Hat etwas stark gerostet, das Teil

  2. Hi,
    die wenig erfolgreichen „Rostcivics“ zu präsentieren und dann direkt auf das Nachfolge-Ufo zu schwenken halte ich für ungerecht. Schließlich feierte der Civic seinen größten Erfolg zwischen 1988 und 1999. Also von der ED über die EG bis hin zur EK Baureihe. Danach geht die Geschichte stets bergab.
    Auch vermisse ich die Erwähnung, dass der Civic in Japan eingestellt wurde. Honda hat den Civic auf dem Heimatmarkt bereits aufgegeben. Ein echter Japaner ist er allerdings schon seit dem Ufo nicht mehr. Der kam ja auch nicht in Japan.
    Und bei dem aktuellen Civic von Fortschritt zu sprechen ist auch so eine Sache. Honda schaut nur noch auf die Kosten. Und warum der neue Civic erstmal nur mit alten Motoren kommt, muss man auch nicht verstehen.
    Die Rostprobleme, die einst abgehakt schienen, schleichen sich übrigens bei den aktuellen Modellreihen wieder rein. Siehe Jazz (egal wo) und Accord (Schiebedach etc.).
    Da das neuste Modell nicht mehr so stark polarisiert wie das Ufo kann man nur hoffen, dass Honda den Civic noch mal rettet. Ich sehe da aber eher schwarz. Meinen Geschmack trifft er wieder nicht. Und die geplanten Verkaufszahlen liegen unter denen von 1977. Also sonderlich überzeug scheint Honda Europa nicht mal selbst von dem Modell zu sein.
    Naja vielleicht verkauft er sich ja als Kronleuchter. Da scheint er sich ja gut zu machen 😛
    Gruß

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