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IAA 2015: Borgward BX7 – Enttäuschung beim heimlichen Branchentreffen

Der Name Borgward sorgt unter Autofans bis heute für Faszination. Und selbst Profis der Branche lassen sich beim Name bis heute zu einer hochgezogenen Augenbraue hinreißen. Denn sie wissen, die Autos aus Bremen waren nicht nur schick, sie waren zu Ihrer Zeit vielfach innovativ. Besonders in den 1950er-Jahren waren die Fahrzeuge aus der Fabrik von Carl F. W. Borgward automobile Spitzenerzeugnisse. Insofern sind die Erwartungen an einen neuen Borgward groß.

Gilt es doch, große Fußstapfen zu füllen. So setzte der einst in Bremen ansässige Autobauer 1959 bei seiner Oberklasselimousine R 100 schon vor Mercedes-Benz auf eine Luftfederung. Das Design des Coupés Isabella gilt bis heute als Meilenstein des Autodesigns. Weshalb es wohl auch im Frühjahr in Genf den Stand der neuen Marke Borgward Ziehren durfte. Denn im Winter 1960/61 benötigte das Original-Unternehmen eine Bürgschaft des Lands Bremen. Aber Borgward war für die Politik der Hansestadt offensichtlich nicht systemrelevant. Daher kündigte der Bremer Senat die Zwischenfinanzierungen vorzeitig.

Borgward ging Konkurs, stellte bald darauf den Betrieb ein. Das verwundert rückblickend auch deshalb, weil im Konkursverfahren genügend Substanz vorhanden war, um alle Gläubiger zu befriedigen. Damit war Borgward war Geschichte – auch wenn der P 100 noch einige Jahre in Mexiko entstand. Am ehemaligen Borgward-Standort in Bremen-Sebaldsbrück laufen seit Jahrzehnten Fahrzeuge von Mercedes-Benz vom Band. Am Standort in Osterholz-Scharmbeck ist inzwischen der Kommunalfahrzeugbauer FAUN Umwelttechnik tätig.

Aus dem Geschichtsbuch zurück auf die Straße!

Bis vor gut zehn Jahren war Borgward nur ein Fall für die Geschichtsbücher. Doch der Enkel des ehemaligen Inhabers begann, den Traum von der Wiederbelebung des Namens zu leben. Die Markenrechte sicherte sich 1997 ein Oldtimer-Enthusiast. Denn nach dem Konkurs war der Markenname tatsächlich einige Jahre nicht geschützt. Borgward-Sohn Claus konzentrierte sich wohl lieber auf seine Karriere bei VW, stieg dort bis zum Vorstand auf. Später gründete Claus Borgward einen Dienstleister für die Automobilindustrie.

Erst Claus Sohn Christian Borgward strebte nach mehr, fand im Comebacks der Familien-Marke mit rund 40 Jahren seine Mission. Im ehemaligen Auto-Manager Karlheinz L. Knöss (Saab Deutschland, Daimler, Vaneo) fand Christian Borgward einen Mitstreiter. Mehr als zehn Jahre arbeiteten beide auf das Comeback hin. Doch die Hürden, einen Autobauer aufzubauen sind hoch und teuer. Deshalb entschieden sich die Zwei irgendwann zu einer Zusammenarbeit mit dem chinesischen Nutzfahrzeughersteller Beiqi Foton, einem Lkw-Hersteller. Trotzdem sprechen die Verantwortlichen davon, eine deutsche Marke zu sein.

Es ist nicht der einzige Widerspruch. Denn in der Außendarstellung reicht die Geschichte der Marke bis ins Jahr 1919 zurück. Damals gründete Carl F. W. Borgward die „Bremer Kühlerfabrik Borgward & Co.“, die 1924 mit dem Bau von Fahrzeugen begann. Die mehr als 50 Jahre große Lücke im Zeitstrahl ignorieren die Neustarter. Inzwischen liegt die Geschäftsführung der 2008 gegründeten neuen Borgward AG in den Händen von Ulrich Walker. Christian Borgward und Karlheinz Knöss sind in den Hintergrund getreten. Der Namensträger verfügt wohl noch über einen Vertrag als Repräsentant der Marke.

Auftritt in Frankfurt: der SUV Borgward BX7

Auf der IAA 2015 stellte das Unternehmen mit dem Borgward BX7 den ersten neuen Borgward vor. Das verdient Respekt – auch wenn das Auto in Frankfurt eher für Enttäuschung sorgte. Der SUV sieht aus, wie eine Audi-Kopie mit einem Kühlergrill von Hyundai. Trotzdem war der Messestand – zumindest an den Pressetagen – dicht umlagert. Der Stand von Borgward war Ort eines munteren Branchentreffens. Mit Heinz Dürr traf ich dort einen der profiliertesten deutschen Manager. Dürr sanierte einst AEG sanierte und führte später die Deutsche Bahn. Auch einige ehemalige Automobil-Vorstände nahmen den Borgward genau unter die Lupe.

Zeitweise schwirrte auch der ehemalige Auto-Händler Harald Becker (Auto Becker Düsseldorf) über den Stand. Mit Mitte 40 gehörte ich zu den jüngsten Besuchern. Das Comeback der Marke und das Debüt des ersten neuen Borgward war ansonsten eher ein Thema für die Generation Silberrücken. Kein Wunder, denn sie kann mit dem Namen Borgward sicher noch etwas anfangen. Doch wer erst sich erst in den 1980er oder 1990er-Jahren für Autos interessierte, dem dürfte Borgward in der Regel unbekannt sein. Aus meiner Sicht eine Hürde, die die Macher der neuen Automarke nehmen müssen, wenn ihr Projekt klappen soll.

Konstruiert wurde der neue Borgward BX7 angeblich in Stuttgart!

Stefan Anker wies schon nach dem Autosalon von Genf darauf hin, dass die Entwicklung unter erstaunlicher Geheimhaltung passierte. Schließlich – so Anker – habe „kein abgeworbener Ingenieur von Firma X, Y, Z beim Bier mit alten Kollegen erzählt, was er jetzt so macht“. Und auch am Nürburgring gab es die ersten Sichtungen der Prototypen erst recht spät. Aber Stuttgart klingt natürlich besser als Peking. 1919 klingt ja auch besser als 2008 oder 2015. Irgendwie scheint der Widerspruch bei der neuen Borgward AG fest dazuzugehören.

Denn tatsächlich dürfte es sich beim Borgward BX7 um einen modifizierten Beijing Senova X65 handeln. Badge Engineering nennt die Autoindustrie solche Entwicklungsprozesse. Der X65 basiert im Kern übrigens auf dem guten alten Saab 9-3. Dessen Rechte erwarb Foton-Mutter BAIC vor gut sechs Jahren von General Motors. Klingt jetzt auch irgendwie nicht nach einer soliden Basis für die Zukunft. Trotzdem soll der Name Borgward mittelfristig bald 500.000 Neuwagen pro Jahr schmücken. Auch wenn die Verantwortlichen bei Borgward immer noch von einer neuen Fabrik in Bremen sprechen, der BX7 läuft vorerst in China vom Band.

Das erinnert an andere große Namen der Wirtschaftswunderzeit. Denn bei Elektrogeräten von AEG oder Grundig ist es heute nicht anders. Auch diese Namen kleben heute auf chinesischen Produkten. Verkaufen wird die neue Borgward „ihre“ Fahrzeuge übrigens trotz des Auftritts auf der IAA zunächst nur in China. Erst in gut zwei Jahren soll der Name Borgward auch nach Europa zurückkehren. Wir bleiben gespannt. Denn bis dahin gibt es ja noch weniger, die mit dem Namen Borgward noch etwas anfangen können.

1 Kommentar

  1. Thyl Engelhardt Reply

    Mittlerweile ist übrigens klar, dass es sich bei dem BX7 nur um eine Edelversion eines chinesischen SUVs Senova X65 handelt, mit anderem Blech und neuer Inneneinrichtung, designed von Ex-Saab-Designer Hareide, und interessanterweise mit der lizensierten Saab 9-3 Plattform unten drunter.

    Da bleibt jetzt nicht mehr viel an „Entwicklung in Stuttgart“ übrig. Höchstens „Design in Stuttgart“. Aber ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass Hareide dafür umgezogen ist:

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