„Lotus“ zählt sich zu den Top-Teams der Formel 1. Doch die Kasse ist leer, das Team kann seinen Spitzenpiloten Kimi Räikkönen nicht bezahlen. Was wie eine Posse wirkt, ist Realität in der Königsklasse des Motorsports. Besser kann man die Krise der Formel 1 nicht dokumentieren. Zudem glaube ich, dass der Finne eine pragmatische Antwort auf die Zahlungsprobleme seines Teams gefunden hat. Das Team, was sich heute „Lotus“ nennt, fährt seit vielen Jahren von Skandal zu Skandal, feiert jedoch zwischendurch immer wieder große Erfolge.

Vorweg eine Bemerkung zum Rennen von Abu Dhabi, es war leider wieder sehr langweilig. Die sportliche Dominanz von Sebastian Vettel ist genauso beeindruckend wie langweilig. Der Deutsche gewinnt im Moment ohne Probleme. Dabei gibt es Piloten, die Vettel ebenbürtig sind und die Dominanz brechen könnten. Wenn sie denn im richtigen Auto sitzen würden. Ich halte Fernando Alonso und Kimi Räikkönen für geeignet, um Vettel Konkurrenz zu machen.

Doch Fernando Alonso kämpft mit dem müden Ferrari. Es scheint, als ob Italiens Nationalheiligtum die Entwicklung völlig eingestellt habe, um sich auf die nächste Saison zu konzentrieren. Und Kimi Räikkönen fährt „Lotus“. Es wird jeden Tag deutlicher, was für eine Mogelpackung das ist. Das fängt schon beim Namen „Lotus“ an. Der Rennstall des Finnen hat eine wechselvolle Geschichte.

Es fehlt jeder Bezug zu Colin Chapman und seinem legendären Team Lotus. Dessen Namensrechte liegen bei David Hunt, dem Bruder von Ex-Weltmeister James Hunt. Hunt verpachtete die Rechte vor ein paar Jahren an Tony Fernandes. Doch der malaysische Unternehmer hatte keine Lust Werbung für fremde Produkte zu machen. Daher kaufte Fernandes Catherham und nennt sein Formel 1 Team inzwischen genauso.

Das Team, für den das Kimi Räikkönen zurzeit fährt, trug bereits zahlreiche Namen. Drei Jahre nach der Gründung im Jahr 1977 baute das Team den ersten eigenen Wagen. Brian Henton wurde mit dem von Rory Byrne und John Gentry konstruierten Toleman TG280 auf Anhieb Formel-2-Europameister. Der Transportunternehmer und Teambesitzer Ted Toleman wagte daraufhin den Sprung in die Formel 1.

Das gestaltete sich schwieriger als gedacht. Am Anfang blieb Toleman meist in der Qualifikation hängen, konnte gar nicht an den Rennen teilnehmen. Doch das das zeigte Steherqualitäten. Machte viel aus wenig und wurde von Ayrton Senna für die ersten Schritte in der Formel 1 ausgewählt. Doch der Brasilianer zog schnell weiter zum richtigen Team Lotus. Und sein Ex-Team Toleman stand bald ohne Reifenvertrag da, weil eigentlich kein Reifensteller die Underdogs beliefern wollte.

Ende 1985 übernahm Hauptsponsor Benetton das Team und führte es unter dem Namen „Benetton Formula“ weiter. Schon im ersten Jahr konnte Gerhard Berger beim Großen Preis von Mexiko erstmals einen Grand Prix gewinnen. Großbäcker Alessandro Nannini sicherte dem Team 1989 den zweiten Sieg. Mit Unterstützung der „Schlitzohren“ Tom Walkinshaw und Flavio Briatore reifte das Team in den 1990er-Jahren zum Spitzenteam. Sie holten Ross Brawn, der mit Rory Byrne und Pat Symonds umgehend zwei ehemalige Toleman-Mitarbeiter zurück an Bord holte.

Und verpflichteten einen weiteren Ausnahmekönner für das Cockpit. Michael Schumacher fuhr 1994 und 1995 für Benetton zu seinen ersten beiden Weltmeister-Titeln. Bemerkenswert, dass das mit zwei unterschiedlichen Motoren geschah. 1994 vertraute Benetton noch Aggregate von Ford. Trotz des Titels wechselte das Team zur Saison 1995 zu Renault. Doch wo Tom Walkinshaw aktiv war, bewegte man sich immer auch in den Grauzonen des Regelwerks. Besonders 1994 gab es rund um das Team immer wieder Skandale und Vorwürfe.

Das Team wurde verdächtigt, eine illegale Traktionskontrolle zu nutzen. Die FIA fand bei der Untersuchung tatsächlich entsprechende Software in der Motorelektronik, konnte den Einsatz jedoch nicht nachweisen. Das Team behauptete, dass der Programmcode ein unbenutzter und versehentlich nicht gelöschter Bestandteil der Vorjahressoftware, als solche Systeme noch erlaubt waren, sei.

Später geriet Benetton in den Verdacht, die Tankanlagen manipuliert zu haben. Das sollte besonders schnelle Boxenstopps ermöglichen. Auch der Rennwagen B194 war nicht über jeden Zweifel erhaben. Die FIA schrieb damals für die Rennwagen einen Mindestabstand zum Boden. Das Einhalten während des gesamten Rennens wurde mit einer am Fahrzeugboden vorgeschriebenen Holzplanke kontrolliert. Sie musste auch nach dem Rennen eine bestimmte Dicke aufweisen. Was bei Benetton mehrmals nicht der Fall war und wiederholt zur Disqualifikation führte.

Nach dem Wechsel von Schumacher zu Ferrari verlor das Team den Anschluss an die Spitze, zumal sich Renault vorübergehend aus der Formel 1 zurückzog. Brawn und Byrne verließen das Team. Sie folgten Schumacher zu Ferrari. Flavio Briatore verlies die Formel 1. Nachfolger David Richards konnte nicht an die Erfolge des Italieners anknüpfen. Entnervt verkaufte die Familie Benetton das Team im 2000/2001 an Rückkehrer Renault. Zu den ersten Amtshandlungen der Franzosen gehörte die Rückholung von Flavio Briatore.

Unter der Leitung von Flavio Briatore kehrte das Team bald an die Spitze zurück. Mit Fernando Alonso sicherte sich das Team 2005 und 2006 zwei weitere WM-Titel. Dazu gewann das Team unter dem Namen Renault zweimal auch den Konstrukteurstitel. Nach einem jähen Absturz fiel das Team drei Jahre später mit der „Crashgate-Affäre“ unangenehm auf. Nach seiner Entlassung im Sommer 2009 offenbarte Pilot Nelson Piquet Junior, ein Jahr zuvor auf Anweisung des Teams in Singapur einen Unfall provoziert zu haben.

Während des auf der engen Strecke absehbaren Pacecar-Einsatzes spülte das Team seinen Starpiloten Fernando Alonso, der zuvor ungewöhnlich früh Reifen gewechselt hatte, auf der engen Strecke nach vorne. Die FIA sperrte daraufhin Teamchef Briatore und Chefingenieur Symonds. Beide durften bis Ende 2012 keine Posten in der Formel 1 übernehmen. Und Renault verlor die Lust an der Formel 1.

Die Kapitalanlagegesellschaft Genii Capital aus Luxemburg übernahm 2010/11 das Team vollständig. Genii Capital übertrug die Leitung des Teams dem erfahrenen Rennsportmanager Éric Boullier. Zudem schossen die neuen Eigentümer eine Vereinbarung mit Lotus Cars, die die Verwendung des traditionsreichen Namens ermöglicht. Dies führte prompt zu einem Namensstreit mit Tony Fernandes, der vor Gericht recht bekam und das Problem auf seine Art löste.

Unabhängig davon gelang Boullier 2012 die Verpflichtung von Ex-Weltmeister Kimi Räikkönen. Nach dem Auslaufen seines Ferrari-Vertrags war der Finne in die Rallye-Weltmeisterschaft gewechselt und kehrte nach zwei Jahren „Pause“ kehrte als „Lotus-Pilot“ in die Formel 1 zurück. Mit Erfolg, denn schon 2012 gewann Kimi Räikkönen ein Rennen. Dazu belegte der Finne, der bei allen Saisonrennen ins Ziel kam, einen hervorragenden dritten Platz in der Fahrer-Weltmeisterschaft.

In diesem Jahr siegte Kimi Räikkönen zu Saisonbeginn erneut, lag vor diesem Wochenende erneut auf dem dritten Platz der Fahrer-Weltmeisterschaft. Doch im Spätsommer unterzeichnete der Ex-Weltmeister einen Vertrag bei Ferrari, um 2014 zu seinem ehemaligen Team zurückzukehren. Denn immer deutlicher zeigte sich, dass bei „Lotus“ etwas nicht stimmt. Finanziell gesehen herrscht bei dem Team offensichtlich trotz der jüngsten Erfolge totale Ebbe.

Vor dem Rennen in Abu Dhabi erklärte Kimi Räikkönen, 2013 noch gar kein Geld vom Team erhalten zu haben. Schon in Indien wirkte der Pilot ungewöhnlich lustlos. Sollte das Team weiterhin seinen Einsatz nicht wie vereinbart entlohnen, würde Kimi Räikkönen den Rennen in Austin und Brasilien fernbleiben. Erschreckend ist, dass das Team die Situation noch nicht einmal im Ansatz dementiert. Die Formel 1 hat wirklich Probleme, wenn ein Topteam wie „Lotus“ seine Piloten nicht mehr bezahlen kann.

Irgendwie einigten sich Fahrer und Team. Doch nach der Qualifikation wurden dem Finnen die Zeiten gestrichen, weil sich der Unterboden seines „Lotus“ zu stark verformte. Kimi Räikkönen ging vom letzten Startplatz ins Rennen und kam nur wenige Meter weit. In der ersten Kurve fuhr der Finne mit seinem rechten Vorderrad seines Rennwagens auf das rechte Hinterrad eines Hinterbänklers auf.

Dabei brach die Spurstange des „Lotus“. An eine Weiterfahrt war nicht zu denken, Kimi Räikkönen am Streckenrand parken. Das ganze Manöver wirkte etwas uninspiriert. Vielleicht hat Kimi Räikkönen, der anschließend überstürzt die Rennstrecke verlies, einen pragmatischen Weg gefunden, um nicht wirklich für das Team fahren zu müssen. Verstehen könnte ich es!

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