Schon in den Gründertagen des Automobils hat Geschwindigkeit die Menschen fasziniert. Doch Mediziner warnten davor, dass zu hohe Geschwindigkeiten den menschlichen Körper überfordern würden. Trotzdem gab es Wagemutige, die sich auch damals im Auto an die Grenzen des Möglichen herantrauten und in neue Bereiche vorstießen. Heute vor 100 Jahren stellte der britische Rennfahrer L. G. Hornsted in Brooklands im „Blitzen-Benz“ zwei neue Weltrekorde auf – es war der Anfang einer Rekordserie.

Schon knapp vier Jahre, bevor Lydston Granville Hornsted in Brooklands zu seinen Rekordfahrten antrat, hatte Victor Hémery in Brooklands mit dem ersten gebauten Benz 200 PS als erster Mensch die 200-km/h-Marke durchbrochen. Der Franzose erreichte im November 1909 auf der weiträumigen Anlage Durchschnittsgeschwindigkeiten von 202,648 km/h auf der Kilometer-Distanz und 205,666 km/h auf der halben Meile – jeweils mit fliegendem Start.

Die 1907 eröffnete Anlage liegt südwestlich von London und gilt als älteste permanente Rennstrecke der Welt. Heute wird sie von einer Stiftung gepflegt. Die 5,2 Kilometer lange Strecke bot mit ihren langen Geraden und den überhöhten Kurven optimale Voraussetzungen für Rekordfahrten. L. G. Hornsted, 1884 als Sohn des britischen Vizekonsuls in Moskau geboren, hatte die Rekordfahrten von Hémery verfolgt. Der englische Rennfahrer Hornsted hatte mit Rennwagen von Benz & Cie. einige Erfolge erzielt, sich jedoch mit einem Wechsel zu Calthorpe ins motorsportliche Abseits gestellt.

1913 wird Hornsted Repräsentant für Benz & Cie. in England

In Mannheim erkundigt sich der Brite nach einem leistungsstarken Fahrzeug für Renn- und Rekordeinsätze. „Cupid“, wie Freunde den Rennfahrer nennen, will damit in seiner britischen Heimat für den neuen Arbeitgeber werben und die eigene Fahrerkarriere wiederbeleben. Benz & Cie. bietet einen Benz 200 PS an, wie ihn auch Hémery gefahren ist. Der angebotene Rennwagen wurde 1912 als dritter „Blitzen-Benz“ fertiggestellt. Werksfahrer Fritz Erle hatte mit dem Rennwagen bereits einige Erfolge herausgefahren.

Rekordfahrzeug: Der Benz 200 PS von L. G. „Cupid“ Hornsted
Rekordfahrzeug: Der Benz 200 PS von L. G. „Cupid“ Hornsted, mit dem er in Brooklands/England fuhr. (Foto: Mercedes-Benz)

Anschließend war der Rennwagen ins Werk zurückgekehrt und mit einem neuen Motor bestückt worden. Hornsted, der als Berufe Fahrer, Mechaniker und Tester angibt, hat weitere Änderungswünsche. So erhält sein „Blitzen-Benz“ eine modifizierte Kühlermaske, einen aufsetzbaren Windabweiser und auch technische Modifikationen. Der Legende nach wird der gewaltige Auspuff des 21,5-Liter-Vierzylindermotors dabei durch den Anbau eines Ofenrohrs bis zum Fahrzeugheck verlängert.

Im November 1913 debütiert das blau lackierte Fahrzeug in Brooklyns. Zwei Tage vor dem Heiligen Abend tritt Hornsted erneut in Brooklands an. Zunächst tritt der Brite in Wettbewerben mit stehendem Start an. Am Ende des Tages hat Hornsted zwei Weltrekorde über eine halbe Meile und über einen Kilometer aufgestellt. Die Durchschnittsgeschwindigkeiten liegen bei 113,8 km/h für die halbe Meile (804,67 Meter) und 118,8 km/h für einen Kilometer.

In den folgenden Monaten setzt L. G. Hornsted im Benz 200 PS sieben weitere Rekordmarken. Ein erster Versuch Anfang Januar scheitert, weil dem Benz-Piloten bei einer Geschwindigkeit von rund 190 km/h ein Reifen platzt. Doch am 14. Januar folgen Weltrekorde über zwei Meilen (122,05 mph, 196,38 km/h) und fünf Meilen (116,08 mph, 186,77 km/h) mit fliegendem Start. Besonders der Rekord über fünf Meilen findet in Fachkreisen große Beachtung.

Wann ist ein Rekord ein Rekord?

Denn Hornsted kann in Brooklands nicht nur geradeaus fahren. Das unterscheidet seine Rekordfahrten von den Fahrten am Strand von Daytona Beach. Dort hatte der Amerikaner Bob Burman bereits 1911 mit dem „Blitzen-Benz“ den fliegenden Kilometer mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 228,1 km/h zurückgelegt. Doch die Association Internationale des Automobile Clubs Reconnus (A.I.A.C.R.), der Vorläufer der heutigen Fédération Internationale de l’Automobile (FIA) erkannte den Rekord nicht an. Burman hatte die Strecke nicht in beiden Richtungen befahren – so galt Burmans Rekord nur in Amerika als Bestleistung.

Kraftpaket: Der Motorraum des Rekordwagens Blitzen-Benz.
Kraftpaket: Der Motorraum des Rekordwagens Blitzen-Benz. (Foto: Mercedes-Benz)

Am 24. Juni 1914 fährt L. G. Hornsted in Brooklands zum ersten Rekord, der nach der Zweiwegeregel aufgestellt wurde. Seine Durchschnittsgeschwindigkeit über eine Meile liegt bei 199,71 km/h (124,12 mph) – vorschriftsmäßig ermittelt mit zwei Läufen in entgegengesetzten Richtungen. Als Höchstgeschwindigkeit notieren die Beobachter sogar 206,25 km/h, die bis dahin schnellste überhaupt in Brooklands gemessene Geschwindigkeit.

Comeback nach dem Ersten Weltkrieg

Nach den Rekordfahrten kehrt der Rekordwagen wieder zu Benz & Cie. nach Mannheim zurück. Der Erste Weltkrieg verhindert zunächst weitere Einsätze. Doch das Fahrzeug übersteht den Krieg unbeschadet in der Versuchsabteilung. Nach Kriegsende kehrt der Rennwagen auf die Strecke zurück. Dafür haben die Techniker den „Blitzen-Benz“ mit einer neuen im klassischen Weiß deutscher Rennsportwagen lackierten Karosserie bestückt.

1921 nimmt der dritte gebaute „Blitzen-Benz“ beim Eröffnungsrennen auf der Berliner Avus teil. Ein Jahr später kehrt der Rennwagen nach Brooklands zurück. Im Juli 1922 bestreitet der Brite Horace V. Barlow erfolgreich einige Rennen mit dem inzwischen zehn Jahre alten Rennwagen. Am 30. September 1922 tritt der Kanadier John Duff mit dem Rennwagen zum „100 MPH“-Kurzstrecken-Handicap-Rennen an.

Auf seiner schnellsten Runde erreicht Duff 184,21 km/h, dann gibt es ein Problem mit der Bremse. Der „Blitzen-Benz“ schießt über das obere Ende der nördlichen Steilwandkurve hinaus. Nummer drei wird dabei fast völlig zerstört. John Duff übersteht den Unfall ohne ernsthafte Verletzungen und kehrt bereits kurze Zeit später ins Cockpit von Rennwagen zurück. Offensichtlich mit Erfolg, den 1924 siegt Duff bei den 24-Stunden von Le Mans.


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Infos zum Titelbild dieses Beitrags:
Blitzen-Benz in Aktion: L. G. „Cupid“ Hornsted während seiner Rekordfahrten in Brooklands/England.

Blitzen-Benz in Aktion: L. G. „Cupid“ Hornsted während seiner Rekordfahrten in Brooklands/England. (Foto: Mercedes-Benz)

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Tom wuchs als Kind der späten 60er-Jahre in einem ausgesprochen automobilen Umfeld auf. Das wirkt bis in die Gegenwart nach und ist ein guter Nährboden, um heute über Autos zu schreiben.

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