Nach 68 Jahren endete gestern im britischen Solihull die Produktion des Land Rover Defender. Ein Land Rover Defender 90 Soft Top in Heritage-Ausstattung bildete den Schlusspunkt.

In der Autowelt sind 68 Jahre eine Ewigkeit. Als die britische Rover Company 1948 auf der Amsterdam Motor Show ihren Land Rover präsentierte, lag der Zweite Weltkrieg gerade drei Jahre zurück. Große Teile Europa lagen immer noch in Schutt und Asche. Die Welt litt unter einem Stahlmangel. Selbst der US-Riese General Motors musste 1948 zeitweise seine Werke stilllegen, weil er nicht genügend Stahl einkaufen konnte. Großbritannien kontingentierte Stahl. Er war vorrangig für Firmen erhältlich, die ihre Produkte exportierten.

Der britische Autobauer Rover reagierte auf diese Stahlkrise mit dem größtenteils aus Aluminium produzierten Land Rover. Das neue Fahrzeug nahm den britischen Farmer als Zielgruppe ins Auge. Wer sich heute einen Land Rover Series I im Detail ansieht, findet deshalb gleich fünf Möglichkeiten, um Geräte wie Winden, Kompressoren, Generatoren oder Holzspalter anzutreiben.

Geniestreich der Brüder Wilks

Verantwortlich für die Entwicklung waren die Brüder Spencer und Maurice Wilks. Spencer Wilks war seit 1929 als Direktor für Rover tätig. Ein Jahr später holte Spencer seinen 13 Jahre jüngeren Bruder Maurice als Chef-Entwickler zum Unternehmen. Zusammen richteten die Brüder in den 30er-Jahren das Unternehmen Rover neu aus. Die Autos von Rover wurden luxuriöser und haltbarer.

Doch ihren Geniestreich lieferten die Gebrüder Wilks schließlich mit dem eher spartanischen Geländewagen Land Rover ab. Dank eines guten Designs, der Flexibilität und mit einer kontinuierlichen Weiterentwicklung wurde der Geländewagen zu einem Dauerläufer. Schon vom Urmodell des Land Rover gab es ab 1953 unterschiedlich lange Radstände und einen Pickup.

1958 bis 1971 Series II

1958 folgte die erste größere Überarbeitung der Karosserie des Land Rover. Die Fans sprechen in diesem Zusammenhang von der Series II, die neben einem neuen Design erstmals auch über einen Dieselmotor verfügte. Bis 1966 entstanden bereits 500.000 Land Rover.

1971 überarbeitete Rover – inzwischen ein Bestandteil von British Leyland – den Land Rover nochmals umfassend. Die Series III bot erstmals serienmäßig ein vollsynchronisiertes Getriebe. Zudem zog ein Armaturenbrett aus Kunststoff in den Land Rover ein und die Spiegel wanderten von den Kotflügeln an die Türen.

Im gleichen Jahr verließen 56.000 Exemplare des Geländewagens die Fertigungsstätte in der Nähe von Birmingham. Mehr Land Rover sollten innerhalb von zwölf Monaten nie vom Band rollen. Ab 1979 gab es die Series III zeitweise auch mit dem V8 aus der Rover Vitesse. Ein Fingerzeig zur weiteren Entwicklung. Denn statt Farmern, Abenteuern und dem Militär kauften immer öfter Großstädter den Geländewagen.

Series IV bringt ein neues Fahrwerk

Rover reagierte 1983/84 mit der vierten Serie. Bei ihr hängten die Entwickler die Starrachsen an Lenkern mit Schraubenfedern statt an Blattfedern auf. Das machte den Land Rover etwas tauglicher für den Asphalt-Dschungel. Ab 1990 hieß die vierte Serie Defender, um die Marke Land Rover mit dem Discovery für ein weiteres Modell zu öffnen.

Bis heute hielt Land Rover den Defender auf der Höhe der Zeit. Mehrfach überarbeiteten die Techniker den Innenraum. Zudem gab es regelmäßig neue Motoren. Wobei sich auch die Besitzerwechsel der Marke bemerkbar machten. Denn ab 1994 gehörte Land Rover zu BMW. 2000 reichte BMW die Marke an Ford weiter.

Ruhestand mit 68 Jahren

Seit dem März 2008 führt die indische Tata-Gruppe das Unternehmen. Im Verbund mit Jaguar sorgt das Unternehmen seitdem immer wieder für Aufmerksamkeit. Und muss nun den Land Rover Defender in den Ruhestand verabschieden. Denn moderne Vorschriften zum Fussgänger- und Insassenschutz machen einen Weiterbau unmöglich.

Zudem ist die Produktion im Kern seit 1948 unverändert. Nur der 1936 vorgestellte Morgan 4/4 wird noch länger produziert. Ein Land Rover Defender entsteht hauptsächlich in Handarbeit. In 56 Stunden fügen die Arbeiter die fast 7.000 Einzelteile des Defender zum Gesamtwerk zusammen. Für die Monate des Urenkels Land Rover Discovery Sport benötigen die Mitarbeiter satte zehn Stunden weniger.

Trotzdem entstanden – bis gestern – immerhin 2.016.933 Land Rover Defender der Serien I bis IV. Längst galt der Klassiker als rollende Altbauwohnung, so hell und lichtdurchflutet, wie der Klassiker ist. Den Abschluss bildete ein Land Rover Defender 90 Soft Top in Heritage-Ausstattung. Dank seines Soft Tops hatte dieser mit einer Verdeckklemme sogar ein Teil an Bord, das schon 1948 an Bord hätte sein können.

Der Abschied ist gut vorbereitet

Bereits 2011 stellte Land Rover die Studie eines Nachfolgers vor. Sie soll in Kürze die Geschichte des Geländewagens fortschreiben. Mal gucken, wie lange sie vom Band laufen wird. Vermutlich keine 68 Jahre. Doch wer weiß, 1948 hätten Spencer und Maurice Wilks das von ihrem Land Rover wohl auch nicht erwartet.

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