Mercedes ergänzt seine Submarke AMG um ein weiteres Modell. Im Herbst steht das Mercedes-AMG GT 4-Türer Coupé bei den Händlern. Vor ein paar Tagen gab Mercedes den Verkaufsstart bekannt. Zusammen mit dieser Nachricht verschickte der Autobauer aus Stuttgart drei Bilder des neuen Autos. Die machten – nicht nur – mich nachdenklich. Braucht die Welt eigentlich so ein Auto?

AMG startete einst als Tuningbetrieb und spezialisierte sich auf Fahrzeuge von Mercedes. Inzwischen gehört AMG direkt zum Konzern. Mit den Sportwagen SLS AMG (2009) und AMG GT (2014) wurde der Haustuner selbst zum Fahrzeughersteller. Dabei glänzen die AMG-Sportwagen mit echter Sportlichkeit. Denn selbst der (schwächste) AMG GT legt den Sprint von 0 auf 100 in 4,0 Sekunden auf den Asphalt und ist bei Bedarf bis zu 304 km/h schnell. Und das mit 476 PS Leistung, 630 Newtonmeter Drehmoment und zu einem Preis von 118.000 Euro.

Beim „klassischen“ Mercedes SL bedarf es schon des rund 240.000 Euro teuren Spitzenmodells SL 65 AMG, um mit dem AMG GT mitzuhalten. Doch selbst mit 630 PS Leistung und 1.000 Newtonmeter Drehmoment erreicht der SL im Normalfall „nur“ 250 Kilometern pro Stunde. Erst wenn der SL-Kunde das optionale AMG Performance Paket bestellt, darf sein Mercedes SL bis zu 300 Kilometer pro Stunde rennen.

Insofern ist die (bisherige) Positionierung von AMG einfach. Bei der Konzernmutter gibt es traditionell Komfort und Luxus. Die Submarke AMG steht für echte Sportwagen. Das zeigt auch der Vergleich der Leergewichte. Denn während der klassische Mercedes SL mit bis zu 1,9 Tonnen etwas Speck angesetzt hat, bringen die Gran Turismo von AMG bisher maximal 1,6 Tonnen auf die Waage. Da ist es fast schon Ironie, dass die Modellbezeichnung „SL“ für „Super Leicht“ steht.

Ein „viertüriges Coupé“ ergänzt das AMG-Programm

Die Modellpalette von Mercedes ist bereits heute beachtlich breit aufgestellt. Und auch die Marke AMG baut Mercedes weiter aus. Der Supersportwagen Mercedes-AMG Projekt One treibt die Sportlichkeit auf die Spitze. Mehr Formel-1-Technik für die Straße gibt es nirgendwo. Daneben soll das Mercedes-AMG GT 4-Türer Coupé Autofahrer ansprechen, die vier Sitzplätze benötigen, ohne auf eine gewisse Sportlichkeit zu verzichten.

Ganz neu ist die Idee eines luxuriösen „Sportwagens“ mit Platz für vier Personen nicht. Schon 1963 verfolgte der Maserati Quattroporte diese Idee. Jahrzehnte später drang auch Porsche mit dem Panamera erfolgreich in dieses wirtschaftlich lukrative Marktsegment vor. Jetzt tritt auch Mercedes-AMG hier an. Technisch gesehen ist das GT 4-Türer Coupé (Werkscode X 290) ein Ableger des Mercedes CLS (Werkscode C 257) – und damit auch der E-Klasse.

Angesichts der Kombination von vier Türen und der Bezeichnung Coupé rollen sich mir ja immer die Nackenhaare auf. In den 1970ern, als ich mich mit Autos zu beschäftigen begann, hieß diese Bauform Fließheck. Sie war damals übrigens nicht nur der Kompaktklasse oder unteren Mittelklasse vorbehalten. Denn mit Rover SD1 und Citroën CX gab es auch in der oberen Mittelklasse Modelle mit sanft auslaufendem Heck und vier Türen.

Mercedes-AMG GT 63 S 4MATIC+ 4-Türer Coupé auf der Rennstrecke
Mercedes-AMG GT 63 S 4MATIC+ 4-Türer Coupé auf der Rennstrecke – Foto Mercedes

In den 1990er-Jahren geriet das Fließheck irgendwann auf das Abstellgleis der Geschichte. Eigentlich hielt nur Citroën dem schrägen Heck bei seinen Limousine XM und C6 die Treue. Doch Mitte der „Nuller-Jahre“ feierte das klassische Fließheck dann plötzlich ein Comeback als „viertüriges Coupé“. Wobei auch dieser Begriff nicht neu war. Denn Rover bezeichnete schon 1958 seinen Rover P5 als viertüriges Coupé.

Doch 50 Jahre später war das offensichtlich in Vergessenheit geraten. Denn als Mercedes mit seiner CLS-Klasse den Trend des viertürigen Coupés lostrat, feierten Medien und Fans die Stuttgarter als Erfinder einer neuen Fahrzeuggattung. Und die Wettbewerber aus München, Ingolstadt und Coventry schoben schnell ähnliche Fahrzeuge nach. Insofern ist es auch nicht verwunderlich, dass Mercedes sich jetzt bei AMG quasi selbst kopiert.

Was bietet das Mercedes-AMG GT 4-Türer Coupé?

An der Front nimmt der Mercedes-AMG GT 4-Türer Coupé deutliche Anleihen beim Sportwagen AMG GT. Doch schon die Motorhaube ist nicht mehr ganz so lang, wie beim wunderschönen Sportwagen. Irgendwie müssen die Designer ja die vier Türen unterbringen. Das Heck erinnert dann etwas an den Porsche Panamera. Wobei die Designer mit dem Heckspoiler des AMG GT wieder eine Brücke zum eigenen Sportwagen schlagen.

Besonders harmonisch wirkt dieser Stilmix auf mich nicht. Aber mir gefällt ja auch der Porsche Panamera nicht. Und egal wie ich über diese „Revierverletzungen“ denke, solche Autos sind erfolgreich. Daran ändert vermutlich noch nicht einmal der an eine Spielkonsole erinnernde Innenraum des Mercedes-AMG GT 4-Türer Coupé etwas. Die Kunden werden auch diesen AMG kaufen, obwohl dieses Auto die bisherigen AMG-Ideale „Leichtbau“ und „Schönheit“ gnadenlos ignoriert.

Insofern bleibt mir am Ende fast nur ein Kompliment. Denn die Stuttgarter verstehen es inzwischen großartig, mit einer breiten Modellpalette die Bedürfnisse ihrer Kunden zu bedienen. Der Trick dabei ist, dass jede Modellreihe für sich betrachtet noch halbwegs exklusiv bleibt. Das rechtfertigt hohe Preise. Wobei gerade Mercedes im Vertrieb inzwischen mit Leasingfaktoren operiert, die die hohen Preise faktisch deutlich schrumpfen lassen. Aber lassen wir das, das ist ein anderes Thema.

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