In dieser Woche überraschte Mercedes-Benz mit einer Ankündigung. Unter dem Namen Mercedes-Benz X-Klasse ergänzen die Stuttgarter ihr Programm um einen Pickup. Ende 2017 rollt der Lastesel mit Stern zu den Kunden.

Bis dahin vergeht noch etwas Zeit. Trotzdem ist der neue Pickup mit Stern im Kühlergrill ein paar Worte wert. Offensichtlich muss so eine Markteinführung gut vorbereitet werden. Eine Premierenfeier, wie sie Daimler für das offiziell als „Concept X-CLASS“ bezeichnete Gefährt in Stockholm zelebrierte, ist ungewöhnlich.

Entsprechend groß war das mediale Echo. Praktisch alle wichtigen und unwichtigen Medien nahmen das Thema auf. Bei Facebook und Twitter sprengten Lobeshymnen auf die X-Klasse zeitweilig meine Timeline. Ich konnte nur mit Mühe meinen Zwang unterdrücken, den einen oder anderen Beitrag mit „Jubelperser“ zu kommentieren. Schließlich reden wir hier von einem Auto, das in Deutschland so gut wie keine Rolle spielen wird.

Pickups hier nur eine Randerscheinung des Marktes!

Mit der neuen Mercedes-Benz X-Klasse tritt Mercedes in ein Marktsegment ein, das ursprünglich eine rein amerikanische Angelegenheit war. Schon 1924 bot Dodge – später zeitweilig eine Marke der Stuttgarter – einen Zweisitzer mit Ladefläche als Pickup an. Ein Jahr später folgte Ford mit dem „Ford Model T Runabout with Pickup Body“. Und als es ab 1931 auch bei Chevrolet einen Pickup gab, da galt die Fahrzeugklasse endgültig als Lieblingsfahrzeug der amerikanischen Landbevölkerung.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde aus dem Arbeitstier langsam ein Lifestyle-Produkt. Zunächst teilten Ford und Chevrolet den US-Markt unter sich auf. Dodge oder AMC blieben Außenseiter. In den 1980er-Jahren entdeckten auch die japanischen Autobauer den Markt für sich. Tatsächlich schafften es Toyota und Nissan schnell, sich nennenswerte Marktanteile zu sichern.

Mercedes-Benz Concept X-CLASS stylish explorer
Mercedes-Benz Concept X-CLASS stylish explorer – Badge Engineering des Nissan Navara

Das lockte schließlich auch Volkswagen. Seit 2010 mischen die Wolfsburger mit dem VW Amarok im Markt der Pickups mit. Und das mit einigem Erfolg, denn inzwischen verkaufen sich Pickups auch außerhalb der USA. In Australien und Argentinien liegt der Marktanzteil von Pickups deutlich über zehn Prozent. In Brasilien sind es immerhin fast fünf Prozent. Dazu finden Pickups auch in Großbritannien, Russland und Deutschland immer mehr Fans.

Mercedes-Benz X-Klasse ein Premium-Pickup?

Das haben auch die Verantwortlichen bei Daimler beobachtet. Mit der neuen Mercedes-Benz X-Klasse fordern sie das Establishment der Klasse heraus. Wobei sich das Marketing der Stuttgarter Wert darauflegt, auch bei den Pickups ein Premiumhersteller zu sein:

… Damit trägt Mercedes-Benz als erster Premiumhersteller den veränderten Kundenbedürfnissen im globalen Segment der Midsize-Pickups Rechnung und macht den robusten Ein-Tonner für bis zu fünf Personen erstmals als urbanes Lifestyle- und Familienfahrzeug interessant. …

Das ist eine gewagte Aussage! Denn so sehr sich die Stuttgarter auch bemühen, die X-Klasse ist keine Eigenentwicklung. Stattdessen ist der Pickup das Ergebnis der Zusammenarbeit mit Renault-Nissan. Die X-Klasse leitet sich mittels Badge Engineering vom Nissan Navara ab. Sogar der Motor des Japaners darf hinter dem Stern im Kühlergrill seine Arbeit verrichten. Zudem übernimmt das Nissan-Werk in Barcelona auch die Produktion der Fahrzeuge für den europäischen, australischen und südafrikanischen Markt.

Interessant ist auch, dass Daimler in seiner Pressemitteilung zur X-Klasse die USA, das Mutterland es Pickups, nicht erwähnt. Dort heißt es:

… Die Kernmärkte sind Argentinien, Brasilien, Südafrika, Australien mit Neuseeland und Europa. …

Klingt nicht danach, dass der Pickup X-Klasse in den USA angeboten wird. Wahrscheinlich will sich Mercedes-Benz dort das Image der Marke nicht versauen. Denn natürlich ermöglicht die Zusammenarbeit mit Renault-Nissan den Stuttgartern einen schnellen und kosteneffizienten Einstieg in das lukrative Segment der Pickups. Kurzfristig denkende Aktionäre begrüßen das sicherlich.

Doch langfristig ist das gefährlich. Denn es ist fraglich, ob Vorgehen tatsächlich zum Premiumanspruch einer Marke wie Mercedes-Benz paßt. Nach dem unsäglichen Citan gibt es mit der X-Klasse also schon das Zweite ein Auto mit Stern, das kein Daimler ist. Hoffentlich geht das gut! Denn die Stuttgarter können, wenn man sie lässt, auch heute noch wunderbare Autos bauen. Wäre doch Schade, wenn die Geschäftsführung das dem Profitstreben völlig unterordnet.


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Infos zum Titelbild dieses Beitrags:
Mercedes-Benz Concept X-CLASS / Artipelag / Stockholm 2016 / von links nach rechts: Gorden Wagener (Leiter Design Daimler AG), Dr. Dieter Zetsche (Vorstandsvorsitzender der Daimler AG und Leiter Mercedes-Benz Cars) und Volker Mornhinweg (Leiter Mercedes-Benz Vans) bei der Enthüllung des Mercedes-Benz Concept X-CLASS

Foto: Daimler AG

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Tom wuchs als Kind der späten 60er-Jahre in einem ausgesprochen automobilen Umfeld auf. Das wirkt bis in die Gegenwart nach und ist ein guter Nährboden, um heute über Autos zu schreiben.

2 Comments

  1. Hallo,
    mag richtig sein dass die X-Klasse weniger Daimler ist als andere Fahrzeuge der Marke. Dennoch wird dieser Pickup zweifellos den Premiumanspruch von Mercedes-Benz erfüllen – davon bin ich überzeugt!

    • Glaube ich nicht, das wird genauso ein schlechtes Ding wie der CITAN

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