Beim Eifelrennen und den diesjährigen Classic Days auf Schloß Dyck stellte Mercedes-Benz in diesem Jahr die Supersportwagen der Marke Mercedes in die Auslage. Denn seit mehr als 100 Jahren baut man in Untertürkheim immer wieder Sportwagen, die dem Anspruch dieser Bezeichnung gerecht werden. AutoNatives.de stellt mit dem Mercedes-Simplex aus dem Jahr 1902 den Urvater einer stolzen Ahnenreihe vor, die von diesem bis zum aktuellen Mercedes-Benz SLS AMG reicht.

Schnell erkannten Kunden und Geschäftspartner der Daimler-Motoren-Gesellschaft, dass sich die Fahrzeuge der im Jahr 1890 eröffneten Firma, hervorragend auch für den Einsatz bei Wettfahrten und Rennen eigneten. Großen Anteil daran hatte Emil Jellinek. Ab 1899 ging Jellinek, der – nach einer Karriere in der Versicherungswirtschaft – selbst mit den Produkten der Daimler-Motoren-Gesellschaft handelte, mit den damals Daimler genannten Fahrzeugen an den Start. Jellinek hatte früh das Werbepotential des Motorsports für sein Automobilgeschäft erkannt.

Und so streiten sich heute Historiker darüber, ob Jellinek – inspiriert vom Kosenamen seiner Tochter Adrienne Manuela Ramona Jellinek – selbst unter dem Pseudonym „Monsieur Mercédès“ an den Start ging oder seinen Daimler schlicht als „Mercedes“ bei den Rennen an den Start brachte. Denn völlig unabhängig von dieser eher akademischen Frage, waren es die Aktivitäten des in Leipzig geborenen Geschäftsmanns, die für die Bekanntheit der Produkte aus Untertürkheim und des Namens „Mercedes“ sorgten.

Der erste Schritt: Mercedes 35 PS

Doch Jellinek gab Wilhelm Maybach, dem Chefkonstrukteur der Daimler-Motoren-Gesellschaft, auch wichtige Anregungen zu den Produkten. Denn für den Einsatz im Motorsport wünschte sich Jellinek von Maybach ein Fahrzeug mit größerer Spurweite, niedrigerem Schwerpunkt und stärkerer Motorleistung als die bisher verfügbaren Fahrzeuge. Diese Anforderungen führten im Jahr 1900 zum Mercedes 35 PS. Mit seinem leistungsstarken Antriebsstrang und einem völlig neu entwickelten Leichtmetallmotor, der aus einem Hubraum von 5.918 ccm die namensgebenden 35 PS zur Verfügung stellte, entstand das erste Automobil moderner Prägung.

Den Motor baute Maybach erstmals nicht mehr mit einem Hilfsrahmen im Chassis ein. Stattdessen verengte Maybach den vorderen Rahmenteil vor den Füßen der Passagiere derart, dass der Motor direkt auf den erstmals bei der Daimler-Motoren-Gesellschaft aus Stahlblech gepressten – und nicht mehr gefalzten – Längsträgern verschraubt werden konnte. Damit sparte der Konstrukteur nicht nur Gewicht, sondern erreichte auch den angestrebten tieferen Schwerpunkt.

Zu den sensationelle Erfindungen an diesem ersten „Mercedes“ gehörte jedoch der – bis heute in der Grundsubstanz unveränderte – Bienenwabenkühler. Üblich waren bis dato Rohrschlangenkühler, deren Effizienz sehr zu wünschen übrig ließ. Maybach ließ für den 35 PS aus mehr als 8.000 quadratischen, sechs mal sechs Millimeter messenden Röhrchen einen völlig neuartigen, rechteckigen Kühler zusammenlöten. Mit dieser Konstruktion lies sich eine deutlich bessere Kühlwirkung bei gleichzeitig erheblich reduziertem Wasserbedarf erreichen.

Weiterentwicklung zum Mercedes-Simplex 40/45 PS

Bemerkenswert war auch, dass der zweisitzige Rennwagen durch ein in wenigen Minuten montierbares hinteres Karosserieteil auch als eleganter Viersitzer genutzt werden konnte. Bereits der Mercedes 35 PS wurde erfolgreich im Motorsport eingesetzt. Doch nur ein Jahr später entstand auf der Basis des 35 PS der Mercedes-Simplex 40/45 PS. Dabei wurde der Hubraum auf 6.786 vergrößert und der Radstand etwas verlängert. Zudem sorgte man durch „automatisches“ Auskuppeln und Abbremsen der Antriebswelle beim Betätigen des Schalthebels für eine Verbesserung des Bedienkomforts – was sich im Namenszusatz „Simplex“ niederschlug.

Der Simplex begründete endgültig die Supersportwagentradition der Schwaben. Das erste Exemplar lieferte man Anfang März 1902 an Jellinek, der das Fahrzeug sofort bei der Rennwoche von Nizza an den Start brachte. Wo der Mercedes-Simplex in den Händen des Briten E. T. Stead beim Bergrennen von Nizza nach La Turbie am 07. April 1902 für einen neuen Streckenrekord sorgte.

Für weitere Aufmerksamkeit sorgte dann insbesondere der fünfte gefertigte Mercedes-Simplex, den der amerikanische Milliardär und Autofan William K. Vanderbilt Jr. erwarb. Vanderbilt holte den Wagen am 14. März 1902 persönlich bei der Daimler-Motoren-Gesellschaft ab, um wenige Wochen später – im Mai 1902 – sauf der Straße von Ablis nach Chartres einen Weltrekord über einen Kilometer mit fliegendem Start aufzustellen. Die Höchstgeschwindigkeit seines Mercedes-Simplex wurde dabei mit 111,8 km/h gemessen.

Mercedes Simplex von 1902 (Foto: Daimler AG)

Und genau dieser von William K. Vanderbilt Jr. gefahrene Mercedes-Simplex 40/45 PS ist nach heutiger Kenntnis der älteste noch existierende Mercedes und eines der wenigen überlebenden Exemplare dieser Modellreihe. Die Geschichte der Nummer 5 lässt sich nämlich lückenlos zurückverfolgen. 1923 ging das Fahrzeug in die Hände eines deutschen Rennmechanikers, der in den USA eine Mercedes-Werkstatt betrieb. Diesem diente das ehemalige Rekordfahrzeug als Ersatzteiltransporter.

1930 kauften Erben des Medienmoguls Edward Willis Scripps den Mercedes. Bis in die frühen 1940 diente der Mercedes nun den Kindern der Familie als Fahrschulauto. Dann wurde der Mercedes in einer Scheune abgestellt. Der Hotelunternehmer Bill Evans Sr. erlöste den Mercedes aus diesem Dämmerzustand, als er den Mercedes 1960 von den Scripps erwarb und ihn in einem Hotel in San Diego ausstellte.

Der erste Grand Prix Sieg

Nach dem großen Erfolg bei der Rennwoche von Nizza und den Rekorden von Vanderbilt stiegen die Verkaufszahlen der Daimler-Motoren-Gesellschaft spürbar an. Im Juni 1902 meldete die Daimler-Motoren-Gesellschaft „Mercedes“ als Warenzeichen an, um fortan alle Fahrzeuge des Hauses als Mercedes zu verkaufen. 1903 wurde Mercedes nochmals zur Weiterentwicklung des Mercedes-Simplex „gezwungen“. Denn ein Feuer auf dem Werksgelände zerstörte die für das Gordon-Bennett-Rennen konstruierten „Mercedes 90 PS“.

Also stattete man für das Gordon-Bennett-Rennen einfach drei Mercedes-Simplex mit einem 9.240 ccm großen Triebwerk aus. Gegen die internationale Konkurrenz aus Großbritannien, Frankreich und den USA sorgte der belgische Rennfahrer Camille Jenatzy mit diesem Mercedes-Simplex 60 PS genannten Fahrzeug bei dem Rennen in Irland am 2. Juli 1903 für den ersten Grand Prix Erfolg der Marke Mercedes.

Und nebenbei bestätigte der Belgier die bereits 1901 von Emil Jellinek getätigte Ankündigung: „Was Sie heute sehen, ist nichts im Vergleich zu dem, was Sie morgen sehen werden.“. Ein Ausspruch, den bis heute immer wieder neue Supersportwagen – auch aus Stuttgart – eindrucksvoll untermauern.

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