Nahverkehr, das ist in den Augen vieler unserer Leser der Schienen- oder Busverkehr. Doch ein Besuch im nördlichsten deutschen Bundesland zeigt, dass auch eine Seereise zum Nahverkehr gehören kann. Denn in der Landeshauptstadt Kiel ist es möglich, mit einem Nahverkehrsticket auf dem Meer unterwegs sein.

Typisch Nahverkehr, denn unser Ausflug beginnt mit einer Verspätung. „Ihr Dampfer wird heute erst um 16:28 an der Bahnhofsbrücke eintreffen“ teilt uns der Verkäufer am Schalter beim Kauf der Fahrkarten gleichgültig mit. Egal, wir haben Urlaub. Wir nutzen die Zeit, um uns den am Kieler Hauptbahnhof liegenden Hafenbereich einmal genauer anzusehen. Denn seit ich Kiel vor 15 Jahren verlassen habe wurde dieser Ort völlig verändert.

Wer früher auf der zwischen dem Hauptbahnhof und dem Hafen verlaufenden Kaistrasse fuhr, der blickte auf große Schrottberge und eine Trümmerlandschaft. Auf die Idee, hier entlang zu spazieren, wäre damals wohl niemand gekommen. Heute pulsiert an dieser Stelle das Leben. Die Schrottberge sind längst verschwunden. An ihre Stelle trat der „Germania Hafen“. Vor ihm lädt eine kleine Promenade sogar etwas zum Flanieren ein.

Diese Promenade ist direkt vom Hauptbahnhof über eine hübsche Klappbrücke zu erreichen. Das wird von den Bewohnern und Besuchern der Stadt rege genutzt. Daher gibt es hier – im ehemaligen No-Go-Bereich – inzwischen sogar ein Lokal und ein Eiscafe. Dazu gibt es an der Promenade einen Telefonladen und einen Stromhändler. Dies nimmt dem Ganzen wieder etwas vom Charme. Denn lässt den eigentlich schönen Ort wie eine typisch deutsche Fußgängerzone wirken.

Doch Kiel hat wesentlich mehr zu bieten

Ein Taucher, der über die Mole watschelt und unvermittelt ins Hafenbecken springt, holt die Einzigartigkeit dieses Orts zurück. Wir kehren an den Anleger zurück, denn unser Schiff läuft ein. Wir wählten beim Ticketkauf die „Förde-Fährlinie“ der Schlepp- und Fährgesellschaft Kiel mbH. Mit ihr geht es vom Bahnhof aus auf dem Wasserweg in alle an der Kieler Förde gelegenen Orte. An den meisten der Anlegestellen besteht Anschluss an das Busnetz der Landeshauptstadt.

Seebrücken sind die Bushaltestellen des Förde-Dampfers

Das gut gefüllte Fördeschiff legt ab und steuert zunächst den Seegarten an. Auf dem Weg dahin passiert es die Ostseeriesen der Stena- und Color-Line, die Kiel täglich mit Göteborg bzw. Oslo verbinden. Am Seegarten folgt ein kurzer Stopp. Ds ist vergleichbar mit jeder Bushaltestelle. Der Decksmann sichert das Schiff mit zwei starken Tauen am Pier, öffnet die Reeling und schiebt einen Ausleger rüber zum Anleger. Ein paar Passagiere steigen aus, andere hinzu.

Sind alle aus- bzw. eingestiegen holt der Decksmann den Ausleger wieder an Bord und löst die Taue. Sofort legt das Fördeschiff ab, die Reeling wird geschlossen. Das Schiff steuert den nächsten Haltepunkt an. Auf dem Weg lässt unser Fördedampfer die großen HDW-Kräne an der Steuerbordseite bald hinter sich. Die Uferlandschaft verändert sich. Der nächste Haltepunkt, die Reventlou-Brücke liegt direkt am Landeshaus in dem der Schleswig-Holsteinische Landtag tagt.

Pendeln mit dem Schiff

Am Landhaus besteht Anschluss an die zweite Fördeschifffahrtslinie, die im Pendelverkehr die Ostufer-Stadtteile Dietrichsdorf und Wellingdorf mit dem Westufer verbindet. In knapp 10 Minuten überqueren hier täglich hauptsächlich die Studenten der Fachhochschule Kiel die Förde – mit anderen Verkehrsmitteln würde das deutlich mehr Zeit in Anspruch nehmen.

Hier draußen ist die Kieler Förde schon relativ breit. Dies nutzen zahlreiche Sportsegler, die an dieser Stelle ohne den starken Verkehr, der vor den Schleusen des Nord-Ostsee-Kanals unterwegs ist, ihre Schläge segeln können. Wir passieren unterdessen den herrlichen Aussichtspunkt Bellevue, von dem aus man weit hinaus auf die Ostsee schauen kann. Bereits Anfang des 19. Jahrhunderts entstand hier das erste „Naherholungsgebiet“ Kiels. Es entstanden Ausflugslokale, Pavillons sowie eine Freilichtbühne und die ersten Seebadeanstalten. Dort wurden Bäder mit erwärmten Seewasser verabreicht – in Badezimmern mit Wannen. Nur die Hartgesottenen gingen  mit Hilfe eines Badekarren direkt in der Förde „baden“.

Die Seebadeanstalt Düsternbrook, die der Dampfer auf seinem Weg nach Mönkeberg an Backbord passiert, wurde 1936 zu den Olympischen Segelwettbewerben in Kiel erbaut. Sie ist bis heute von Anfang Juni bis Anfang September als ganz besonderes Freibad geöffnet. Für die Hartgesottenen, die es immer noch in Kiel geben soll, gibt es zudem die Möglichkeit, einen Jahresschlüssel zu bekommen. Er ermöglicht, das ganze Jahr – unabhängig von den Öffnungszeiten der Anlage – in der Förde zu baden.

Kiel ist eine Stadt der Gegensätze

Unser Fördeschiff überquert nun erstmals die Förde und steuert den Anleger Mönkeberg an. Dort springen beim Ablegen Kinder vom Anleger auf das Schiff, um sich von der Bordwand in das Wasser fallen zu lassen. Unbeirrt von diesen Lebensmüden steuert unser Dampfer Möltenort an. Auf dem Weg kann man auf der Steuerbordseite einige interessante Villen bewundern, die in Kitzeberg fast direkt an den Strand gebaut wurden. Nach einem kurzen Stopp am Anleger in Möltenort geht es zurück auf die andere Seite der Förde.

Vorbei an der Einfahrt zum Nord-Ostsee-Kanal steuert das Fördeschiff Kiel Friedrichsort an. Hier an der schmalsten Stelle der Kieler Förde baute der dänische König Christian IV. bereits 1631 eine Festungsanlage. Sein Nachfolger Frederik III gab ihr den Namen Frederiksort – zu deutsch Friedrichsort. Bis heute ist dem Ort seine Geschichte als Militärstützpunkt anzusehen. Dazu fällt die im Industriearmen Bundesland Schleswig-Holstein ungewöhnlich hohe Dichte der Schwerindustrie auf. Neben Lindenau Werft, deren Dock wir vom Oberdeck fast berühren können, werden in Kiel Friedrichsort Lokomotiven und große Dieselmotoren hergestellt.

Der Kurs führt das Fördeschiff schnell zurück in die Freizeitgesellschaft. Unmittelbar am Leuchtturm Friedrichsort vorbei geht es zunächst zum Anleger Falkenstein und dann wieder zurück an das Ostufer in das Ostseebad Laboe. Dreimal am Tag überqueren die Schiffe der „Förde-Fährlinie“ von hier nochmals die Förde und steuern den 1972er-Olympiahafen Schilksee sowie den Kieler Vorort Strande an, die beide noch etwas weiter draußen liegen. Doch unser Schiff wendet hier und fährt zurück nach Kiel.

55 Minuten für knapp 18 Kilometer zum Fahrpreis von 2,70 € zzgl. 1 € Bordzuschlag, das kann kein Regionalexpress bieten. Wer einmal in Kiel ist, der sollte zwei bis drei Stunden für diese Rundreise einplanen.


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2 Comments

  1. Solange Frau von der Blond nicht durch eine einges eingesetzte Kommission wissenschaftlich kontern kann- wird sie nichts anerkennen.Wir arrogant kann Politik sein?!!

  2. Pingback: Auto Blogger stellen automobile Traumtouren vor! | NahverkehrsheldenNahverkehrshelden

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