Im Nissan GT-R LM NISMO sitzt der Pilot hinter dem Motor. Das ist mutig! Denn dieses Konzept war seit mehr als 50 Jahren in Le Mans nicht mehr erfolgreich.

Motorsport spielt gerade für die japanischen Hersteller eine wichtige Rolle. Zu Hause in Japan kämpfen Honda, Toyota und Nissan in der Super GT verbissen um den Titel. Honda und Toyota sind daneben in der Super-Formula, der ehemaligen Formel Nippon aktiv. Mazda tritt in den USA an. Honda kehrt in diesem Jahr in die Formel 1 Weltmeisterschaft zurück. Und Nissan feiert 2015 ein Comeback in der Top-Klasse der Le Mans-Prototypen, wo der neue Nissan LMP1 die Landsleute von Toyota herausfordert.

Das Comeback in Le Mans kündigte Nissan im Mai 2014 an. Doch außer zum Namen des Rennwagens, der Nissan GT-R LM NISMO heißen wird, hielt sich Nissan bisher bedeckt. Nur die Aussage, dass das Konzept des Rennwagens von den Konzepten der anderen Hersteller deutlich abweichen würde, war bekannt. Vor ein paar Tagen tauchte im Internet ein Video mit einem ungewöhnlichen Rennwagen auf. Spätestens jetzt hatten die Fans eine Ahnung davon, was Nissan mit einem deutlich abweichenden Konzept meinte. Im Rahmen des Super Bowl bestätigten sich jetzt alle Gerüchte. Es ist die Position des Motors.

Nissan GT-R LM NISMO LMP1: Achse – Motor – Fahrer – Achse

In allen erfolgreichen Rennwagen der jüngeren Le Mans Geschichte saß der Pilot vor dem Motor. Mit einer Ausnahme gewannen seit mehr als 50 Jahren Fahrzeuge, die dem Prinzip Achse – Fahrer – Motor – Achse folgen. Nur beim Porsche 935K3, der 1979 das Rennen gewann, tauschten die Hinterachse und der Motor ihre Position. Nissan weicht von diesem Dogma ab. Die Japaner kehren mit einem zuletzt 1962 (!) in Le Mans erfolgreichen Fahrzeuglayout an die Sarthe zurück. Wie weiland beim Ferrari 330 TRI LM Spyder sitzt der Pilot hinter dem Motor. Mit seiner roten Lackierung erinnert der Nissan sogar ein bisschen an den Italiener.

Aus Sicht der Verantwortlichen des Marketings ist dieses Konzept ein guter Schachzug. Denn der GT-R LM lässt sich als großer und schneller Bruder des Nissan GT-R verkaufen. Das befruchtet das Image des ganzen Unternehmens. Doch um erfolgreich gegen Audi, Porsche und Toyota zu kämpfen, ist mehr erforderlich als eine clevere Marketing-Strategie. Der Amerikaner Don Panoz brachte ab 1999 ein ähnliches Konzept nach Le Mans. Reynard Motorsport konstruierte den Panoz LMP-1 für den Unternehmer. Auch bei diesem Rennwagen saß der Pilot hinter dem Motor.

Der Rennwagen wurde sofort der Liebling das Fans. Doch auf der Strecke war das Konzept weniger erfolgreich. Durch den großen 6-Liter-V8 rückte der Pilot extrem weit nach hinten. Das sorgte für ein ungewöhnliches Fahrverhalten. Dazu klagten die Piloten bis zur Einstellung des Projekts über die große Hitze im Cockpit. Obwohl der Panoz, anders als jetzt der Nissan, ein offener Sportwagen war. Trotzdem feierte der LMP-1 Achtungserfolge. 1999 sicherte sich Panoz den Titel in der Amerika Le Mans Series. Zwei Jahre später gewann ein Panoz das 1000-km-Rennen auf dem Nürburgring. Doch in Le Mans kam das „Batmobil“ über einen fünften Platz nicht hinaus.

Erfolgschancen des LMP1 GT-R?

Für die ungewöhnliche Entscheidung spricht der Motor. Er ist die Grundlage, um nicht die Probleme des Panoz zu kopieren. Der drei Liter große V6 des Nissan fällt kompakt aus. Tatsächlich zeigt sich, dass der Dreizylinder im Nissan ZEOD RC ein Testlauf für das neue Aggregat war. Auch als V6 ist der Motor knapp 40 Zentimeter lang. Das ermöglicht eine Sitzposition, die gar nicht so weit von der in aktuellen LM GT wie dem Aston Martin Vantage GTE entfernt ist.

Vielleicht gar keine schlechte Idee. Denn die Zahl der guten LMP1-Piloten ist überschaubar. Beim Einsatz von zwei Autos muss Nissan sechs Fahrerplätze besetzen. Bisher meldete Nissan nur die Verpflichtung von Marc Gené. Der Spanier gehörte in den vergangenen Jahren zum Le Mans Fahrerkader von Audi, gewann das Rennen in Frankreich 2009 für Peugeot. Zudem sammelte Gené unzählige Testkilometer als F1-Testfahrer bei Ferrari.

Etwas überraschend ist, dass Nick Heidfeld nicht als Pilot bestätigt wurde. Der Deutsche arbeitete im vergangenen Jahr neben seinem Le Mans-Engagement bei Rebellion eng mit Nissan zusammen. Und auch die bisherigen Nissan-Piloten Satoshi Motoyama, Lucas Ordoñez und Michael Krumm wurden bisher nicht als Piloten des Nissan GT-R LM NISMO bestätigt. Es wäre ein große Überraschung, wenn nicht zumindest der Japaner Motoyama im LMP1 ausrücken dürfe.

Interessant ist, dass Michelin für den Nissan GT-R LM NISMO von seinem Grundsatz abweicht, in Le Mans und der WEC alle Wettbewerber mit den gleichen Reifen ins Rennen zu schicken. Die würden am Nissan nicht funktionieren. Denn im Nissan steht noch etwas mehr Kopf, als nur die Position des Motors. Denn im Prinzip haben die Japaner das aktuelle Le Mans Setup umgedreht. Der Verbrennungsmotor treibt die Vorderräder an. Die Hinterräder werden vom Hybridsystem angetrieben. Das wirkt sich auch auf die Reifen aus. An der Vorderachse fährt Nissan mit 14 Zoll breiten Rädern. An der Hinterachse kommen nur neun Zoll breite Walzen zum Einsatz. Zudem setzen die Japaner auf einen Raddurchmesser von 16 Zoll. Audi, Toyota und Porsche treten mit 18 Zoll großen Rädern.

Die Regeln in Le Mans ermöglichen den Einsatz unterschiedlicher Systeme zur Energierückgewinnung (ERS). Limitiert ist die Energiemenge, die für eine Runde zur Verfügung steht. Abwärme ist ungenutzte Energie. Insofern versuchen die Ingenieure in Le Mans alles, um den thermischen Wirkungsgrad ihrer Boliden zu erhöhen. Das Beste ist, klassische Abwärme gar nicht erst entstehen zu lassen. Nissan spricht bisher nur davon, dass der 3,0-Liter-V6-Benziner mit Twin Turbo-Aufladung und einem kinetischen Energierückgewinnungssystem (KERS) ausgerüstet ist. Mal gucken, ob Nissan nicht noch an einer Motor-Generator-Unit-Heat (MGU-H beziehungsweise ERS-H) für die Rückgewinnung von Energie aus Abwärme arbeitet.

Ich bin gespannt, ob das Konzept des Nissan aufgeht. Unabhängig davon, welchen Erfolg der Nissan GT-R LM NISMO LMP1 erzielen kann, ist alleine seine Vorstellung ein starkes Argument für die Regeln in Le Mans und der Sportwagen-Weltmeisterschaft (WEC). Denn in keiner anderen Motorsport-Kategorie gibt es so unterschiedliche Konzepte. Schon dafür lieben Motorsportfans ihr Le Mans. Nissan gebührt Respekt, die Freiheit der Regeln zu nutzen. Übrigens nicht nur in Le Mans, sondern in der kompletten Saison der WEC.


AutoNatives.de ist auch bei Facebook. Wir freuen und über ein Like.


Infos zum Titelbild dieses Beitrags:
Nissan hat den Nissan GT-R LM NISMO bereits getestet. (Foto: Nissan)

Auf dem Circuit of The Americas in Texas drehte der Nissan GT-R LM NISMO bereits seine ersten Testrunden.

Ähnliche Arikel:

Author

Tom wuchs als Kind der späten 60er-Jahre in einem ausgesprochen automobilen Umfeld auf. Das wirkt bis in die Gegenwart nach und ist ein guter Nährboden, um heute über Autos zu schreiben.

5 Comments

  1. Kai D. Mann Reply

    Das funktioniert nie im Leben! Die Elektromotoren für die Hinterachse sollen auch vor dem Fahrer sitzen und von dort gehen die mit zwei Kardanwellen nach hinten gehen. Genau in dem Bereich lagen wohl auch die Probleme ZEOD RC, dessen Getriebe ja 2014 das Megaproblem war.

    • Nun, vielleicht wird es nicht beim ersten Versuch gelingen, aber es ist wirklich schön zu hören, dass ein Hersteller sich vom gewohnten Konzept abwendet.
      Über das Design des Fahrzeugs lässt sich sicher streiten, aber Innovativ ist es auf jeden Fall.
      Außerdem könnte der „Vorderradantrieb“ gerade bei Regen – sofern er denn eintritt – ein enormer Vorteil sein.
      Zudem finde ich es, wie im Artikel auch schon angesprochen sehr erfrischend, das Nissan sich mit dem gesamten Konzept aus Motor vorne, und „Allradantrieb“ am Serien GTR orientiert.
      Wer weiß, vielleicht fließt ja sogar etwas der gewonnenen Erkenntnisse tatsächlich einmal in die Serie des nächsten GTR ein. Das würde zumindest dem Motorsport im Zuge des „Technikträgers“ mal wieder etwas zugute kommen.

    • Es sind nicht Elektromotoren, die fahren mit einem Schwungradspeicher als KERS. Wobei auch das in der Tat zwei Wellen erfordert, um zu den Rädern zu kommen.

  2. Pingback: 8 aus 42 oder wer bekommt in Le Mans 2015 noch ein LMP1-Cockpit? » AutoNatives.de

  3. Pingback: Enttäuschungen des Autojahrs 2015: Nissan GT-R LM Nismo – Platz 3 » AutoNatives.de

Write A Comment