Red Bull droht mit dem Ausstieg aus der Formel 1. Ungeachtet aller Verträge und der bisherigen Erfolge könnte der Brausehersteller am Ende der Saison der Königsklasse den Rücken kehren. Sieht aus, als ob die Österreicher schlechte Verlierer sind. Doch um Vertragsteuer soll es heute nur nachgelagert gehen. Denn für die Formel 1 wäre es in meinen Augen großartig, wenn sie Red Bull ein alternatives Motorenkonzept gestatten würden.

Red Bull hat sich in eine Sackgasse navigiert. Seit dem Beginn der aktuellen Turbo-Ära fahren die Österreicher nicht mehr an der Spitze. Stattdessen macht Mercedes die Pace. Und selbst Mercedes-Kunden wie Williams oder Force India zeigen Red Bull immer öfter den Auspuff. Nicht zu reden von Ferrari. Schuld soll die mangelnde Performance der Turbo-Motoren von Renault sein. Schließlich, so ist sich Red Bull sicher, habe man doch das beste Chassis. Nehmen wir das zunächst mal als gegeben hin.

Der Verlust von Red Bull wäre für die Formel 1 ein herber Schlag. Denn der Brausehersteller setzt in seinen beiden Teams vier Autos ein. Und auch Lotus wackelt. Gut möglich, dass es im nächsten Jahr in der Formel 1 nur noch 16 Autos gibt. Und das auch nur, weil mit Haas ein Neueinsteiger vor der Tür steht.

Wehmütig blicken die Fans 20 Jahre zurück. Damals gingen bei den Grand-Prix-Rennen regelmäßig 26 Autos an den Start. Und es ist gar nicht viel länger her, da scheiterten sogar noch ein paar Autos an der Qualifikation. Denn es gab regelmäßig mehr Fahrzeuge als Startplätze. Denn auch kleine Teams konnten sich die Formel 1 leisten. Das gibt es heute nicht mehr. Auch wenn aktuell Manor beweist, wie sich mit geringen Mitteln Formel 1 betreiben lässt.

Schuld sind die Motoren!

Der deutlichste Unterschied zu früher ist, dass es seinerzeit unabhängige Motorenlieferanten gab. Wer in die Formel 1 wollte, fand bei Herstellern wie Cosworth und Brian Hart lange den passenden Antrieb. Zeitweilig sorgten auch Firmen wie Asiatech mit Material von Peugeot, Heini Mader (BMW) oder Mecachrome (Renault) dafür, dass ausrangierte Werksmotoren im Geschäft blieben. Dazu versuchten sich auch Unerschrockene wie der legendäre Carlo Chiti mit seiner Firma Motori Moderni zeitweilig als Motorenbauer. Und auch wenn es schon 30 Jahre her ist, das kleine Zakspeed Team trat mit einem eigenen Motor an.

Zakspeed vertrat von 1985 bis 1989 die deutschen Farben in der Formel 1 (Foto: Lothar Spurzem)
Zakspeed trat von 1985 bis 1988 mit einem mit einem eigenen 4-Zylinder-Turbo-Motor in der Formel 1 an. (Foto: Lothar Spurzem)

Das ist heute alles nicht mehr denkbar. Spätestens mit Einführung der aktuellen Motorengeneration, die sich mit zwei Hybrid-Systemen einen grünen Anstrich gibt, explodierten die Motorenkosten. Mit Cosworth zog sich der letzte unabhängige Hersteller aus der Formel 1 zurück. Wer heute seine Autos ins Grid schicken will, muss sich mit einem der beteiligten Werke einigen. Denn nur Ferrari, Mercedes, Renault hatten 2014 zum Beginn der neuen Turbo-Epoche die passenden Motoren im Angebot.

Doch sie dürfen – gemäß des aktuellen Formel-1-Regelwerks – jeweils bis zu vier Teams mit Motoren ausrüsten. Das klingt nach mehr, als es in der Realität ist. Denn nur Mercedes schöpft diese Höchstgrenze zurzeit aus. Die Stuttgarter stellen nicht nur im eigenen Werksteam, sondern auch bei den Kundenteams von Williams, Force India und Lotus den Antrieb.

Ferrari bestückt immerhin sechs Autos. Liefert seinen Antrieb auch an Sauber und Manor. Wobei im Heck der Briten in diesem Jahr Vorjahresmotoren zum Einsatz kommen. Renault versorgt Red Bull und Toro Rosso. Und Honda, Anfang dieser Saison in den Kreis der F1-Motorenbauer zurückgekehrt, rüstet mit McLaren nur ein Team aus. Denn es gibt für die Motorenbauer keine Pflicht, interessierten Teams seine Motoren zur Verfügung zu stellen. Wobei doch ein reglementierter Festpreis eine wirksame Kostenbremse wäre. Doch das ist wahrscheinlich zu einfach.

Problem: Weiterentwicklung

Stattdessen gibt es zahlreiche andere Regeln, um die Kosten zu begrenzen. Die Anzahl der Motoren ist begrenzt. Ok! Wer mehr benötigt, wird in der Startaufstellung zurückversetzt. Naja. Dazu ist die Weiterentwicklung stark eingeschränkt. Es gibt Entwicklungsbeschränkungen und ein Wertmarkensystem, damit die Kosten nicht ausufern.

Die Hersteller dürfen nur bestimmte Teile ihrer einmal homologierten Motoren verändern. Dazu verfügen sie über eine bestimmte Anzahl von Wertmarken. Erlaubte Änderungen kosten jeweils eine bestimme Anzahl dieser Marken. Frei nach dem Motto, die Überarbeitung der Kurbelwelle bringt vermutlich mehr, als eine Änderung in der Peripherie des Motors. Also ist die Überarbeitung der Kurbelwelle „teurer“.

Das Ganze ist nicht nur schwer vermittelbar, es funktioniert auch nicht wie gewünscht. Denn in der Praxis sorgt das System für eine Fixierung der Kräfteverhältnisse. Mercedes hat sich als Erster mit den neuen Motorenregeln beschäftigt und im Vorfeld der Reglementseinführung vermutlich den größten Aufwand getrieben. Jetzt sind die Stuttgarter der Klassenstandard.

Honda fehlt Leistung – und kann es nicht ändern

Doch mit dem aktuellen System der limitierten Weiterentwicklung ist ein Aufholen kaum möglich. Die Kräfteverhältnisse stehen quasi mit dem ersten Rennen einer Saison fest. Das trägt viel zum aktuellen Frust der Szene bei. Denn Honda zeigt, wie schwer es ist, wenn ein Hersteller einen fundamentalen Fehler in seiner Konfiguration hat. Die Japaner haben sich für ein extrem kompaktes Design entschieden. Im Prinzip eine gute Idee, weil das Team damit mehr Spielraum hat, die Aerodynamik im Heck zu gestalten.

Der neue Formel 1 Motor von Honda (Foto: Honda)
Der neue Formel 1 Motor von Honda (Foto: Honda)

Doch die Wärme der Hybrideinheiten lässt sich nicht gescheit abführen. Daher laufen diese nur mit reduzierter Leistung. Das Ergebnis ist auf der Strecke zu „bewundern“. Fernando Alonso bezeichnet seinen Motor als GP2-Motor. Ein Neubau, der nicht so dicht gepackt ist, verbietet das Reglement. Denn die aktuellen Motoren sollen aus Kostengründen bis 2020 zum Einsatz kommen.

Ähnlich sieht es bei Renault aus

Die Franzosen haben die Aufgabe wohl unterschätzt. Dazu haben sie sich einen schwierigen Partner ausgesucht. Denn zurzeit beliefert Renault exklusiv die vier Autos von Red Bull. Beim Topteam Red Bull Racing rühmt man sich, dass man ein absolut konkurrenzfähiges Chassis habe. Daher trage, so Red Bull, der Antrieb die Schuld am schlechten Abscheiden in dieser und der vergangenen Saison. Die Verärgerung darüber ist offensichtlich so groß, dass im Brauseimperium auch keine Verträge mehr gelten.

Eigentlich hat sich Red Bull bis 2020 zur Teilnahme an der Formel 1 verpflichtet. Im Gegenzug bedachte F1-Kassenwart Bernie Ecclestone das Team mit einigen Extra-Ausschüttungen. Auch auch der Motorenvertrag lief eigentlich bis Ende 2016. Doch Red Bull kündigte diesen vorzeitig. Nach aktuellem Stand will der Brausehersteller bereits im kommenden Jahr nicht mehr mit den französischen Aggregaten fahren.

Red Bull hat sich verzockt

Denn keiner der anderen Motorenhersteller will bisher das heiße Eisen Red Bull anfassen. Von Mercedes gab es eine Absage. Die Stuttgarter beliefern bereits die Höchstzahl der erlaubten Teams. Und die bisher an Lotus gelieferten Aggregate bekommt 2016 Manor. Natürlich lässt sich diese Regel ändern. Doch bevor das passiert, sollten die Verantwortlichen meiner Meinung nach die anderen Hersteller in die Pflicht nehmen.

Denn Honda ist exklusiv an McLaren gebunden, beliefert nur zwei Fahrzeuge. Ferrari zögert. Die Italiener möchten lieber mit den eigenen Werkswagen um den Titel kämpfen. Ein Titel mit Red Bull würde vermutlich am Ego der stolzen Tifosi kratzen. Zudem haben alle Hersteller gewiss registriert, wie die Verantwortlichen von Red Bull mit ihrem Partner Renault umgegangen sind.

Sebastian Vettel verlässt Red Bull (Foto: Renault)
Als Sebastian Vettel dank Red Bull und Renault die Formel 1 dominierte, war für Red Bull noch alles ok. (Foto: Renault)

Red Bull sagt offen, dass der Motorenlieferant für den Misserfolg verantwortlich sei. Als Red Bull und Renault vorher von Titel zu Titel fuhren, lenkte das Team den Glanzes überwiegend auf sich. Wobei Renault daran nicht ganz unschuldig war. Denn die Franzosen werben auf den Rennwagen von Red Bull hautsächlich für die Submarke Infiniti ihres Allianz-Partners Nissan. Dort sind die Franzosen mit 43,5 Prozent der Aktien der größte Anteilseigner. Kein Wunder, dass der Name Renault nur sehr wenig mit den Erfolgen des Teams verbunden wurde.

Nun ist die Not groß

Denn Red Bull könnte tatsächlich die Formel 1 verlassen. Auch wenn das sicherlich am Image der Getränkemarke kratzen würde. Als beleidigte Leberwurst gewinnst Du einfach keine Sympathiepunkte. Zudem ist der Ausstieg – ohne Alternative – eine Sauerei für die Mitarbeiter. Mit dem Ende der F1-Aktivitäten von Red Bull würden fast 1.000 Fachkräfte – so zynisch das klingt – „freigesetzt“.

Ob sie in der darbenden Szene des Motorsports eine vergleichbare Beschäftigung finden, ist mehr als fraglich. Nicht nur deshalb versucht F1-Chef Bernie Ecclestone sicherlich, den Ausstieg zu verhindern. Doch die Alternativen fehlen. Anders als früher reichen offensichtlich nicht eine paar Telefonate des Briten, um den Knoten zu lösen.

Weiter mit oder als Renault?

Realistisch scheint im Moment nur, dass sich Red Bull und Renault für ein Jahr zusammenraufen. Das gäbe allen Beteiligten Zeit. Dagegen spricht jedoch, dass Renault-Chef Carlos Ghosn erklärt hat, Renault werde sein Formel-1-Engagement nur mit einem Werksteam fortsetzen. Die Franzosen verhandeln daher mit den Inhabern des Lotus-F1-Teams über eine Übernahme.

Sollte dieser Deal scheitern, dann gehen der Szene übrigens zwei weitere Fahrzeuge verloren. „Lotus“ ist inzwischen so klamm, dass das Team bei den Rennen teilweise kein Zelt für Gäste unterhält. Allerdings ist zweifelhaft, ob Renault mit Lotus wie gewünscht sofort wettbewerbsfähig wäre. Deshalb frage ich mich, ob Renault nicht Red Bull Racing übernimmt.

Gut möglich, dass sich dieser Deal hinter den Kulissen gerade anbahnt. „Lotus“ wäre in diesem Fall ein Bauernopfer. Es würde den kommenden Winter wohl kaum überleben. Dazu bleibt die Frage Toro Rosso offen. Denn Renault wird nicht beide Teams übernehmen. Ein weiterer Käufer ist nicht in Sicht. Wer weiß, vielleicht ist Toro Rosso am Ende eine neue Chance für Colin Kolles.

Ein anderer Turbo?

Absolut unrealistisch ist, dass plötzlich irgendwo ein Motor auftaucht, der den F1-Regeln entspricht. Für die Formel 1 wäre in meinen Augen eine Erweiterung der Regeln besser, die den Einsatz eines Turbos ohne KERS gestattet. Mit dem AER P60 2.4L Turbo V6 gibt es sogar einen passenden Motor. Der britische Motorenbauer AER entwickelte den Motor für den Einsatz in Le Mans Prototypen. Rebellion und ByKolles vertrauen in der WEC auf diesen Antrieb.

Der Motor ist mit 115 kg sehr leicht. Trotzdem lässt sich der V6 als tragendes Element im Heck eines Rennwagens verstauen. Ganz wie es in Formel-Rennwagen notwendig ist. AER ist im Moment weit und breit der einzigste Hersteller, der einen solchen im Ansatz tauglichen Turbo-Motor für die Formel 1 kurzfristig zur Verfügung stellen kann. Vorausgesetzt das erweiterte Reglement sorgt für einen Ausgleich zwischen den Hybrid-Aggregaten und den „normalen“ Turbos.

Auch wenn fraglich ist, ob die etablierten Hersteller begeistert wären, wenn Red Bull sie mit diesem günstigen Motorenkonzept ärgern dürfte. Mittelfristig würde die Formel 1 gewinnen und nicht verlieren. Mit dem AER stände – wie früher von Cosworth – wieder ein Einsteigeraggregat bereit. Und das Anders passt eigentlich gut um Image von Red Bull.

Ein Sauger?

Diskutiert wird aus, dass Red Bull mit einem 2013er-Sauger und einem 160 PS starken KERS antreten darf. Verfügbar wäre wohl nur der Motor von Cosworth. Auch diese Variante erfordert eine Regeländerung. Auch bei diesem Ansatz gäbe es wieder einen Motor für Einsteiger. Allerdings spricht gegen den Wettkampf zwischen Turbo- und Saugmotoren, dass der Ausgleich der Leistung bei zwei unterschiedlichen Turbokonzepten einfacher gelingen sollte.

Oder ganz was anderes?

Red Bull liebt in seiner Außendarstellung Herausforderungen. Die Sportler, die Red Bull sponsort, fallen immer wieder durch waghalsige und eigentlich unmögliche Aktionen auf. Dabei spielen auch das Risiko und der Nervenkitzel eine wichtige Rolle. Was oft kritisiert wird. Auch im Motorsport gibt es noch abseits der Formel 1 noch Herausforderungen. Das Bergrennen am Pikes Peak ist so ein Fall. Oder die 24 Stunden von Le Mans.

Mit dem Knowhow und dem Geld des Brauseherstellers ließe sich gewiss ein radikaler Sportprototyp auf die Räder stellen. Zumal Red Bull Chef-Designer Adrian Newey das Rennen liebt. 2007 war der Brite dort selbst am Start. Wer weiß, ob wir nicht in ein paar Tagen neben dem Formel-1-Ende von Red Bull den Startschuss für ein Le Mans Projekt serviert bekommen.

Zusammengefasst: Das Verhalten von Red Bull ist ärgerlich. Doch wenn die Königsklasse am Ende einen neuen Einsteigermotor gewinnt, dann haben alle gewonnen. Am geeignetsten erscheint die Zulassung eines Turbos ohne teure Hybrid-Technik. Mit dem AER P60 gäbe es einen passenden Motor, der tatsächlich neue Teams in die Formel 1 locken könnte. Das würde auch die Abhängigkeit von den großen Autoherstellern reduzieren. Eigentlich müsste dieser Schritt daher ganz nach dem Geschmack von Bernie Ecclestone sein.


AutoNatives.de ist auch bei Facebook. Wir freuen uns über ein Like.


Infos zum Titelbild dieses Beitrags:
Links sammelt ein Auspuff die Abgase, die dann den Turbo auf der Rückseite des Motors antreiben. (Foto: Renault)

Links sammelt ein Auspuff die Abgase, die dann den Turbo auf der Rückseite des Motors antreiben. (Foto: Renault)

Ähnliche Arikel:

Author

Tom wuchs als Kind der späten 60er-Jahre in einem ausgesprochen automobilen Umfeld auf. Das wirkt bis in die Gegenwart nach und ist ein guter Nährboden, um heute über Autos zu schreiben.

Write A Comment