Renault-Nissan wird die Mehrheit an der russischen AvtoVAZ übernehmen. Damit baut die französisch-japanische Allianz ihren Zugang zum Wachstumsmarkt in Russland aus. Denn man übernimmt mit diesem Geschäft auch die Kontrolle über die russische Volksmarke Lada, die zu dem russischen Unternehmen gehört.

Die Automobilproduktion in der Sowjetunion war bis in die 1960er-Jahre vergleichsweise unterentwickelt. Zwar hatte man bereits 1932 mit Unterstützung von Ford die „Gorkowskij Awtomobilnyj Sawod“ gegründet, doch der Mobilitätsbedarf war auch im Sozialismus nicht mit nur einem Kombinat zu decken. 1966 beschloss die Sowjetunion daher den Bau eines staatlichen Automobilwerks in Stawropol-Wolschskij.

Als Technologiepartner gewann man den italienischen Hersteller FIAT, der das Werk baute und dazu neben Know-how auch technische Komponenten sowie Lizenzen für zum Fahrzeugbau von Fahrzeugen zur Verfügung stellte. FIAT befriedigte mit diesem Engagement die Kommunisten in den heimischen Gewerkschaften. Weil Politik in solchen Geschäften wichtig war, benannte man den Fertigungsort an der Wolga nebenbei in Togliatti um, um den 1964 verstorbenen ehemaligen Vorsitzenden der kommunistischen Partei Italiens zu würdigen.

FIAT zahlte mit dem Geschäft einen hohen Preis

Denn die Italiener fingen sich nebenbei ein übles Rostproblem ein, weil die Sowjetunion den Deal mit minderwertigem Stahl bezahlte. Ab 1970 fertigte man in dem rund 1.000 Kilometer südöstlich von Moskau gebauten Werk einen Ableger des FIAT 124, der für den Einsatz in der UdSSR überarbeitet worden. Mit einem verstärkten Blechkleid und einer erhöhten Bodenfreiheit sorgte man dafür, dass der Lizenzbau in der Weite der Sowjetunion sein Durchkommen fand.

Den Motor passten die Sowjets an das Wartungsverhalten der Russen und die Spritqualität im Sowjetreich an. Statt eines Zahnriemens sorgte bei den in Russland gebauten Fahrzeugen eine Steuerkette für den Antrieb der obenliegenden Nockenwelle. Gleichzeitig reduzierte man die Verdichtung, damit die im Volksmund zunächst als „Shiguli 2101“ bezeichneten Lizenzbauten anders als der Fiat 124 mit Normalbenzin betrieben werden konnten.

2121, der Renault R5 mit Land Rover Fahrwerk

Der 2101 wurde das Volksauto der Russen. Bis in dieses Jahr, als die Produktion des auf dem 2101 basierenden Lada Nova eingestellt wurde, fertigte man in Russland insgesamt mehr als 41 Millionen Exemplare. Weil im Riesenreich der Sowjetunion Partei und Staat auch Bedarf an einem Geländewagen hatten, stellte man bereits 1976 dem Exil-Italiener mit dem 2121, dem heutigen Lada Niva, einen echten russischen Bruder zur Seite. Zudem entstand in dieser Zeit der Name Lada, der zunächst nur die Fahrzeuge zierte, die nach West-Europa geliefert wurden.

Nach der Auflösung der Sowjetunion entbrannte um das Autowerk in Togliatti ein heftiger Kampf. Das ehemalige Kombinat wurde in die Aktiengesellschaft AvtoVAZ umgewandelt. Zeitweilig galt Togliatti als die Stadt mit der größten Kriminalitätsrate. Die russische Mafia soll versucht haben, sich Einfluss im Werk zu sichern und nahm dabei zeitweilig die ganze Stadt in Geiselhaft. In den vergangenen fünfzehn Jahren stabilisierte sich die Lage.

Dazu trug bei, dass das Unternehmen AvtoVAZ 2001 das Joint Venture GM-AvtoVAZ mit der GM-Tochter „Chevrolet Motor Division“ vereinbarte. In die dabei gegründete Firma brachte AwtoWAS den Nachfolger des Niva ein. Zuvor war es AwtoWAS nicht gelungen, die Produktion des 1998 als Lada 2123 vorgestellten Modells aufzunehmen. Zusammen mit GM wurde das neue Modell zum neuen Chevrolet Niva und ab 2005 zeitweilig zum beliebtesten Automodell Russlands.

Doch GM sicherte sich nur Einfluss auf GM-AvtoVAZ

AvtoVAZ selbst blieb ein Tochterunternehmen der russische Staatsfirma Rostechnologii. In den Werken des Unternehmens liefen neben dem Nova und dem Niva die Modelle Lada 110 bzw. Priora und Samara vom Band, die jedoch außerhalb Russlands kaum verkäuflich waren. In der zweiten Hälfte der 2000er-Jahre brachen der Absatz und die Produktion erheblich ein. Zeitweilig standen in Togliatti mehr als 100.000 unverkaufte Lada auf Halde.

Im Zuge der Finanzkrise ab 2007 erwarb Renault bereits einen 25-%igen Anteil an dem Unternehmen. Im Frühjahr 2012 wurde erstmals öffentlich, dass die Franzosen ihren Anteil an AvtoVAZ gern vergrößern würden. Gestern gab man in Moskau bekannt, dass Renault und Nissan 742 Millionen US-Dollar in das Unternehmen investieren werden. Im Gegenzug wird Renault-Nissan die 2/3-Mehrheit an einer Zwischenholding übernehmen, die zunächst 74,5 Prozent an AvtoVAZ halten wird.

Renault-Nissan wird mit diesem Geschäft die Kontrolle über das Unternehmen übernehmen. Bereits im Frühjahr 2012 begann die Produktion des Lada Largus. Anfang 2013 läuft in Togliatti die Fertigung des neuen Nissan Almera an. Bereits zum Ende des kommenden Jahrs sollen in den Fabriken von AvtoVAZ fünf Modelle der drei Marken Renault, Nissan und Lada von den Bändern laufen. Man darf gespannt sein, ob die Franzosen den Autobauer aus Togliatti genauso erfolgreich revitalisieren werden, wie ihnen das mit Dacia gelungen ist.

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