Gestern wurde Lewis Hamilton im Mercedes Formel 1 Weltmeister. Daneben war 2014 das Jahr des Teamsterbens. Denn mit Marussia und Caterham haben in dieser Saison gleich zwei Teams der Königsklasse Insolvenz angemeldet. Daneben kämpfen Sauber, LotusF1 und Force India ums Überleben. Das ist auch deshalb erstaunlich, weil die Formel 1 als Ganzes rund 1,4 Milliarden Gewinn pro Jahr abwirft.

Doch F1-Chef Bernie Ecclestone speist die Hinterbänkler mit einem Bruchteil des Gewinns ab. Richtig Kasse machen nur die Spitzenteams. Marussia beziehungsweise Manor, wie die Betreiber heißen, wird deshalb möglicherweise nie wieder bei einem Grand Prix starten. Caterham schaffte beim Saisonfinale in Abu Dhabi nur dank einer Sammelaktion im Internet ein vorübergehendes Comeback. Im Sinne der Vielfalt ist zu hoffen, dass die Verantwortlichen der Formel 1 den Wert der kleinen Teams erkennen und sie in Zukunft angemessen am Gewinn beteiligen.

Aber war früher wirklich alles besser?

Vermutlich nicht! Denn seit der Saison 1976, dessen Zweikampf um die Fahrer-Weltmeisterschaft kürzlich mit dem Spielfilm Rush ein filmisches Denkmal gesetzt wurde, sind mehr als 50 Teams aus der Formel 1 verschwunden. Damals traten innerhalb nur einer Saison satte 21 Teams in der Königsklasse des Motorsports an. Das Geheimnis dieser Vielfalt war, dass die Königsklasse damals mit dem Cosworth-Motor und dem Hewland-Getriebe einen Standardantrieb hatte.

Dadurch war ein Start relativ günstig. 150.000 US-Dollar galten Mitte der 1970er-Jahre als ausreichendes Motoren-Budget. Unter Berücksichtigung der Inflation wären das heute rund 630.000 US-Dollar. Doch diese Rechnung geht nicht auf. Denn heute soll selbst Caterham 38 Millionen Dollar für seine Renault-Motoren bezahlen. Deshalb kann sich anders als früher heute kaum noch jemand die Formel 1 im Alleingang leisten.

Außerdem war früher erlaubt, mit fremden Chassis anzutreten. Deshalb konnten in den Goldenen 1970ern immer wieder Piloten ihre Karriere in Schwung bringen, indem sie für einige Rennen mit gebrauchtem Material auf eigene Kosten an den Start gingen. Dies war auch möglich, weil die Rennwagen nicht so komplex wie heute waren. Die Struktur der Fahrzeuge bestand aus Alublech. Bevorzugtes Werkzeug bei der Montage war die Nietenzange.

Das lockte teilweise abenteuerliche Konstruktionen in die Königsklasse des Motorsports. Oder Exoten wie das Kojima-Team. Kojima trat 1976 und 1977 nur beim Heimrennen in Japan an. Kojima-Pilot Masahiro Hasemi drehte im Regen von Fuji prompt die schnellste Rennrunde. Heute ist offen, ob das an speziellen Reifen von Dunlop oder einem Messfehler der Zeitnehmer lag.

Die Formel 1 war 1976 nicht die sterile Welt der Gegenwart

Immerhin 15 der 21 Teams, die 1976 in der Königsklasse antraten, waren für die ganze Saison eingeschrieben. Mit Ferrari und McLaren sind gerade einmal zwei dieser Teams bis heute – unter ihrem Namen – aktiv. Vel’s Parnelli Jones Racing und Penske stellten noch im gleichen Jahr den Betrieb ein.

Später blieben auch March (1978), Hesketh (1978), Surtees (1978), Wolf (1979), Shadow (1980), Ensign (1982), Fittipaldi (1982), Brabham (1992), Lotus (1994), Ligier (1996) und Tyrell (1998) auf der Strecke. Oft war das ein Sterben auf Raten. Je näher das Ende eines Teams kam, um so weniger Sponsoren klebten auf dem Auto. Denn ohne Erfolg lies sich auch vor fast 40 Jahren keine nennenswerte Werbung auf den Autos verkaufen.

Weder ATS noch Ensign sind heute noch in der Formel 1 aktiv. (Foto: Dijk, Hans van / Anefo)
Weder ATS noch Ensign sind heute noch in der Formel 1 aktiv. (Foto: Dijk, Hans van / Anefo)

March gelang ein Comeback

Von 1987 bis 1993 kehrten die Briten mit Geld aus Japan in die Formel 1 zurück, dann verschwand der Traditionsname endgültig aus dem Motorsport. Penske, Ligier und Tyrell fanden mit ATS, Prost und BAR Käufer für ihr Team. Das verlängerte in den ersten beiden Fällen das Sterben etwas. ATS zog sich 1984 aus der Formel 1 zurück. Alan Prost konnte das Team auch nur vier Jahre finanzieren.

Aus BAR wurde 2006 erst Honda, dann 2009 Brawn GP. Seit 2010 heißt das Team Mercedes Grand Prix und feierte gestern seinen ersten Fahrer-WM-Titel nach der Übernahme durch den Stuttgarter Autobauer. Insofern war das heutige Mercedes-Team – indirekt – auch schon 1976 in der Formel 1  aktiv. Alles zusammen sind das – bis jetzt – schon 18 Teamnamen, die heute nicht mehr in der Formel 1 aktiv sind.

Denn das Team, das heute als Lotus fährt, hat eine ähnlich wechselvolle Geschichte. Es trat 1981 als Toleman (19) erstmals in der Formel 1 an. 1986 übernahm die Familie Benetton (20) das Team, um es 2002 an Renault (Nr. 21 und von 1978 bis 1984 schon mit einem eigenen Team am Start) weiterzureichen. Seit 2010 führt die Investment-Gruppe Genii das Team. Sie erwarb 2011 das Recht, unter dem Namen Lotus zu rennen.

Mitgezählt? Wir sind bei 21 Namen … und die Liste lässt weiterführen …

1977 kehrte nach einem Jahr Pause British Racing Motors (22.) in die Formel 1 zurück. BRM war schon von 1951 bis 1975 in der Formel-1-Weltmeisterschaft aktiv. Beim Neustart ging BRM bereits in der Saison 1977 das Geld aus. Nach dem Rennen in Italien verzichtete BRM auf die Überseerennen. Womit das Ende des Teams zumindest etwas an Marussia und Caterham erinnert.

Neu waren 1977 auch Theodore (→ 1983), RAM (→ 1985) und das Team von Arturo Merzario (→ 1979). Typisch für diese Jahre in der Formel 1 war, dass diese Teams zunächst mit fremden Fahrzeugen antraten. Theodore hatte einen Rennwagen von Ensign übernommen. Die beiden anderen kauften ihre Fahrzeuge zunächst bei March. Erst nach einiger Zeit wurden auch sie zu Konstrukteuren und konnten sich zumindest für eine kurze Zeit in der Königsklasse etablieren.

Alain Jones 1979 im Williams
Alain Jones 1979 im Williams (Suyk, Koen / Anefo / neg. stroken, 1945-1989, 2.24.01.05, item number 930-4115)

Frank Williams feierte sein Debüt als F1-Teamchef ursprünglich bereits 1969. Ende 1975 war Frank Williams Racing Cars Pleite. Walter Wolf übernahm das Team und nannte es Walter Wolf Racing. Frank Williams blieb zunächst als Geschäftsführer an Bord. Doch das funktionierte nicht. Schon 1977 startete Williams einen neuen Versuch, gewinnt 1980 seinen ersten WM-Titel und steht heute noch im Grid.

1978 kommen Martini, Arrows und Rebaque

Auch den französischen Rennwagenbauer Renato Martini (26.) und das britische Arrows Team (27.) lockt 1978 die Königsklasse. Doch René Arnoux konnte 1978 den Martini Mk 23 nur dreimal qualifizieren. Martini wandte sich frustriert wieder kleineren Rennklassen zu. Arrows blieb immerhin bis in Jahr 2002 an Bord, auch wenn das Team zeitweise den Namen des Sponsors Footwork trug.

Für das Team von Héctor Rebaque war schneller Schluss. Der Mexikaner trat 1978 zunächst mit einem gebrauchten Lotus an. 1979 stellte Rebaque (28.) ein eigenes Chassis vor und scheiterte. Da der fahrende Teamchef später als Pilot auch bei Brabham keine Bäume ausriss, ist offen, wie schlecht das Auto wirklich war. Immerhin ist Rebaque bis heute der einzige Mexikaner, der ein Formel-1-Team auf die Beine stellte.

Schon in den 1950er-Jahren war Alfa Romeo in der Königsklasse aktiv. Giuseppe Farina und Juan Manuel Fango wurden im Team der Mailänder Weltmeister. In den 1960er-Jahren flirtete Alfa mit Cooper. Anfang der 1970er-Jahre tauchten die Motoren des Sportwagens Alfa Romeo Tipo 33 sporadisch als Kunden-Motoren auch in der Formel 1 auf. Ab 1976 rüstete Alfa Romeo dann Brabham offiziell mit Motoren aus.

Parallel dazu entstand 1977 ein eigenes Auto. Bruno Giacometti testet den Rennwagen 1978 intensiv. Ein Jahr später kehrte Alfa Romeo (29.) als Werksteam in die Königsklasse zurück. Den Einsatz übernahm zunächst Carlo Chili mit Autodelta. Ab 1983 beauftragte Alfa Romeo Euroracing die Einsätze. Ende 1985 war Schluß. Alfa konnte sich die teuren Einsätze nicht mehr leisten.

Immer wieder wagten sich Teams in die Formel 1

Osella (Nr. 30) bestritt von 1980 bis 1990 immerhin 132 Rennen. Spirit (Nr. 31) schaffte es von 1983 bis 1985 nur 25-mal, ein Fahrzeug an den Start zu bringen. Brachte dabei aber dem Turbo-Motor von Honda das Laufen bei. Beim Debüt des Teams war ich sogar an der Strecke.

Zakspeed vertrat von 1985 bis 1989 die deutschen Farben in der Formel 1 (Foto: Lothar Spurzem)
Zakspeed vertrat von 1985 bis 1989 die deutschen Farben in der Formel 1 (Foto: Lothar Spurzem)

Zakspeed (Nr. 32) vertrat von 1985 bis 1989 bei 74 Grand Prix die deutschen Farben. Für das Team Haas (33) von Carl Haas und Teddy Meyer war das Abenteuer Formel 1 1985 und 1986 nach 19 Rennen beendet. Trotz der zahlreichen schlechten Beispiele zog die Formel 1 immer weiter neue Teams an. Minardi (Nr. 34) fuhr von 1985 bis 2005 stolze 345 Grand Prix. Dann kaufte Red Bull das Team, um es als Torro Rosso starten zu lassen.

Das Team aus Faenza ist damit also erst das vierte Team der heutigen Formel 1, das tatsächlich drei Jahrzehnte in der Königsklasse des Motorsports aktiv ist. Denn BAR übernahm von Tyrell nur den Startplatz und baute ein völlig neues Team auf. Zu denen, die gescheitert sind, gehört auch AGS (35.). Die Franzosen nahmen von 1986 bis 1991 an 80 Rennen teil. Heute gelten die Franzosen als das letzte Garagenteam der Formel 1.

Das Ende der Turbos lockt neue Teams in die Königsklasse

Mit dem Comeback der Saugmotoren verstärkte sich in der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre der Zustrom in die Formel 1. Mit Larrousse Calmels (→ 1994, Nr. 36), Coloni (→ 1991, Nr. 37) und dem Comeback von March (→ 1993) konnte Bernie Ecclestone 1987 gleich drei neue Teams begrüßen.

Ein Jahr später folgten Euro-Brun (→ 1990, Nr. 38), Rial (→ 1989, Nr. 39) und BMS Scuderia Italia (→ 1993, Nr. 40). Bemerkenswert, dass hinter Rial mit Günter Schmid der ehemalige ATS-Besitzer stand. 1989 folgte noch Onyx (→ 1990, Nr. 41), 1990 dann Life (Nr. 42 Pleite noch im gleichen Jahr). Auch das kurze Gastspiel von Fondmetal (Nr. 43 – aktiv 1991/92) fällt in diese Zeit.

Womit wir jetzt schon bei 43 Teams sind, die heute meist nicht mehr existieren oder wie Torro Rosso, Lotus F1 und Mercedes-Grand Prix andere Namen als früher tragen. Offensichtlich ist, dass es auch vor 25 Jahren nicht einfach war, in die Formel 1 einzusteigen.  Von den ganzen Neueinsteigern, die ich aufgezählt habe, sind nur noch Williams und die Nachfolger von Tyrell, Toleman und Minardi bis heute aktiv. Zusammen mit Ferrari und McLaren gehören sie bis heute zur Formel 1.

Die meisten der Neueinsteiger blieben nur einige Jahre!

Der mehrfache Weltmeister Red Bull geht auf das Team 1997 von Jackie Stewart (Nr. 44) gegründete Team zurück. Jackie und Paul Stewart reichten ihr Team nach zwei Jahren an Ford weiter. Ford lies es als Jaguar (Nr. 45) rennen und verkaufte es dann an den Getränkehersteller. Sauber ist seit 1993 in der Formel 1 vertreten. Zuvor fuhr das Team mit großem Erfolg in der Gruppe C Sportwagenrennen. Von 2007 bis 2009 gehörte das Team BMW (Nr. 46). Doch im Zuge der Finanzkrise trennte sich der Autohersteller wieder vom Team.

Toyota versuchte sich sieben Jahre in der Formel 1
Toyota versuchte sich sieben Jahre in der Formel 1 (Foto: Diederick.79)

Force India geht auf das Team von Eddie Jordan zurück. Der Nordire fuhr selbst Rennen und wurde 1980 Teamchef. Über die Formel 3 und Formel 3000 stieg Jordan (Nr. 47) 1991 in die Königsklasse auf. Nach 15 Jahren wurde aus dem Team zunächst Spyker (Nr. 48) und dann Midland (Nr. 49). Seit 2008 trägt das Team seinen heutigen Namen.

Und die Liste ist noch nicht zu Ende …

Denn zwischenzeitlich versuchten sich auch Andrea Moda (1992, Nr. 50 – mit dem Material von Coloni), Simtek (1994/95, Nr. 51), Pacific (1994/95, Nr. 52) und Forti (1995/96, Nr. 53) in der Formel 1. Sie konnten, anders als das Lola-Werksteam (1997, Nr. 54), alle mindestens eine Rennteilnahme vorweisen. Toyota (Nr. 55) spielte von 2002 bis 2009 mit. Und gilt heute als der Beweis, dass Scheitern in der Formel 1 nicht nur am Geld liegt.

Super Aguri (Nr. 56) hielt sich von 2006 immerhin 2 ½ Jahre in der Formel 1. Insofern ist die Geschichte von Marussia und Caterham fast schon eine gute Leistung. Denn die Teams hielten sich immerhin seit 2010 in der Formel 1. Sie lockte damals das Versprechen einer Budgetobergrenze. Die ist bis heute nicht in den Regeln der Formel 1 verbrieft. Trotzdem blieben die Teams an Bord. Anders als das Team von HRT (Nr. 57). Es stieg zusammen mit Marussia (damals Virgin und damit eigentlich die Nummer 58) und Caterham (damals Lotus) in die Formel 1 ein und war schon 2012 Pleite.

Seit 1976 sind also gut 60 Teams in der Formel 1 gescheitert. Trotzdem konnte sich Bernie Ecclestone lange darauf verlassen, regelmäßig neue Teams in der Königsklasse begrüßen zu dürfen. Doch heute sind nicht nur die explodierten Kosten der Motoren ein Problem. Denn es fehlen auch Nachwuchskonstrukteure. Neben der Formel 1 gibt es ansonsten kaum noch eine Fahrzeugklasse, in der die Teams ihr Material selbst konstruieren dürfen.

In allen wesentlichen Nachwuchsklassen wird heute mit Einheitschassis gerannt. Das macht die Hürde, mit einem eigenen Auto antreten zu müssen, fast unüberwindbar. Ohne den Rückgriff auf Material oder das KnowHow der etablierten Teams kann sich kaum noch jemand auf das Abenteuer Formel 1 einlassen. Gene Haas, der 2016 mit seinem Team einsteigen will, hat sich eng mit Ferrari verbündet. Mal gucken, wie lange der Amerikaner durchhält und wer zuvor noch die Segel streichen muss.


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Infos zum Titelbild dieses Beitrags:
Teambesitzer Ken Tyrrell und sein Tyrrell P34 1976 in Silverstone

Teambesitzer Ken Tyrrell und sein Tyrrell P34 1976 in Silverstone (Foto: Gillfoto, Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license)

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Tom wuchs als Kind der späten 60er-Jahre in einem ausgesprochen automobilen Umfeld auf. Das wirkt bis in die Gegenwart nach und ist ein guter Nährboden, um heute über Autos zu schreiben.

2 Comments

  1. Arturo Laviatone Reply

    Coole Auflistung, hätte nicht mehr alle gewusst. Wasrum hast Du mit 1976 gestartet. Wegen Rush?

  2. Pingback: Formel 1: Die Langeweile killt den Sport! » AutoNatives.de

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