„Todesfahrer kam durch Playstation-Sieg ans Steuer“ titelt die Welt, um ihre Leser mit Hintergrundinfos zum tragischen Unglück auf dem Nürburgring zu versorgen. Ich habe selten einen solchen Schwachsinn gelesen.

Ja, Jann Mardenborough fand den Weg in den professionellen Motorsport über ein Rennfahrer-Casting. In diesem findet die Vorauswahl auf der Playstation statt. Doch das spielt bei diesem Unfall mit Sicherheit keine Rolle. Denn der Unfall hätte wohl allen Piloten passieren können, die in einem der schnellen GT3-Fahrzeuge sitzen. Mardenborough ist seit 2012 professionell im Motorsport unterwegs. Im Vergleich zu anderen Piloten, die in solchen GT3-Rennwagen sitzen, verfügt der Brite über sehr viel Erfahrung.

Doch die nützt nichts, wenn die Physik zuschlägt. Jann Mardenborough verlor gestern im Streckenabschnitt Flugplatz die Kontrolle über seinen Rennwagen. Auch wenn die genaue Unfallursache noch nicht feststeht, ist der grundsätzliche Ablauf klar. Der Nissan GT-R bekam Unterluft, stieg dadurch auf und flog über die Sicherheitseinrichtungen. Dort verletzte der Rennwagen des Briten mehrere Zuschauer. Einer der Zuschauer erlag noch an der Strecke seinen Verletzungen. Das ist eine Tragödie, die betroffen macht. Unsere Gedanken sind daher zunächst bei dem Verstorbenen, den Verletzten und deren Familien und Freunden.

Trotzdem bleibt auch dieser Unfall eine tragische Verkettung der Umstände!

Erfahrungsgemäß trifft den Piloten Jann Mardenborough bei so einem Vorfall die geringste Schuld. Der Brite war bei diesem Unfall ab einem gewissen Punkt nur noch Passagier. Aus welchem Grund auch immer bekam sein Rennwagen beim Fahren über die Kuppe in der Fahrbahn Unterluft. Das katapultiere den Rennwagen in die Luft. Mardenborough ist nicht der Erste, dem das passiert. Manfred Winkelhock hatte Anfang der 1980er-Jahre beim Formel-2-Rennen auf der Nordschleife an der gleichen Stelle einen ähnlichen Unfall. 1999 flogen die Mercedes-Benz CLR in Le Mans spektakulär von der Strecke.

Der Unfall von Mardenborough zeigt, in welchem Grenzbereich sich die aktuellen GT3-Rennwgen bewegen. Wenn die Bodenfreiheit aus dem gewollten Arbeitsfenster rutscht, strömt zu viel Luft unter das Auto. Als Folge hebt der Rennwagen ab. Offensichtlich „funktioniert“ das sogar bei einem GT-Fahrzeug mit dem Gewicht des Nissan. Bei Manfred Winkelhock dichtete eine der damals üblichen Seitenschürzen auf der welligen Strecke des Nürburgrings nicht richtig ab. Bei den Mercedes in Le Mans war neben der Strecke auch eine zu weiche Abstimmung der Vorderachse für das Abheben verantwortlich. Die Mercedes-Benz CLR schaukelten sich auf der Landstraße von Le Mans auf. Insofern ist Mardenborough, was auch immer für den tragischen Unfall technisch verantwortlich ist, ein Unglücksfahrer, aber mit Sicherheit kein „Todespilot“.

Die Schlagzeile der Welt ist eine Frechheit!

Sie zeugt von absoluter Unwissenheit und ist einfach nur reißerisch. Sie ist völlig unangemessen gegenüber den Beteiligten und Opfern des Unfalls, die alle ihre Leidenschaft für den Sport mit einem zu hohen Preis bezahlten. Gleichzeitig muss die Frage an die Verantwortlichen der VLN erlaubt sein, ob der Unfall nicht auch eine Folge des offensichtlichen Wettrüstens auf der Strecke ist. Die VLN war seit ihrer Gründung eine Breitensportserie. Sie ist Jahrzehnte mit diesem Anspruch gut gefahren. Natürlich sind die aktuellen Fahrzeuge an der Spitze des VLN-Felds faszinierend anzusehen. Doch sie sorgen auch dafür, dass sich die Serie immer weiter von ihren Wurzeln entfernt. Das gefällt mir bei allem Verständnis für die wirtschaftlichen Zwänge dahinter schon länger nicht.

2 Kommentare

  1. Das Schlimme ist, dass ich irgendwie genau solch eine Schlagzeile ja fast schon erwartet habe, nachdem ich erfuhr, dass Jann Mardenborough am Steuer saß. Traurig, wenn dies dann so eintritt. Ansonsten triffst du es mit deinem Beitrag auf den Punkt – Danke, viel vernünftiges ist aktuell sonst irgendwie nicht zu lesen….

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