Das Schleizer Dreieck ist die älteste Naturrennstrecke Deutschlands. Auch wenn die Strecke im Laufe der Zeit deutlich verkürzt wurde, hat sie nichts von ihrem Reiz verloren. Denn das Schleizer Dreieck ist immer noch ein wechselvolles auf und ab. Das Durchfahren blinder Kurven vermittelt den Piloten eine ganz besondere Rennatmosphäre. Vom 12. bis 14. Juni 2009 steht das Dreieck beim „4. Sparkassen European Classic Grand Prix“ ganz im Zeichen historischer Rennsporttechnik.

Die Kleinstadt Schleiz liegt auf der Hochfläche des Vogtlands im Südosten des Freistaats Thüringen. Die Geschichte des Schleizer Dreiecks als Rennstrecke begann bereits in Juni 1923. Gefahren wurde damals wie heute auf öffentlichen Straßen. Nur für das Rennwochenende werden sie zur Rennstrecke. Bis 1937 wurden auf dem Dreieck überwiegend Motorradrennen ausgetragen. Erst im Zuge des Motorsport-Booms, den der Wettstreit der Silberpfeile von Auto Union und Mercedes-Benz in den 1930er-Jahren auslöste, wurden zunehmend auch Auto-Rennen auf der hügeligen Strecke ausgetragen.

Mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs kam der Rennbetrieb auch auf dem Schleizer Dreieck zum Erliegen. Im Oktober 1948 begann dann die Wiederbelegung der Rennstrecke. Nur zwei Jahre später folgte mit einem gesamtdeutschen Motorrad-Meisterschaftslauf ein sportlicher Höhepunkt, der mehr als 250.000 Zuschauer an der Strecke in seinen Bann zog.

Motorradrennsport mit Solo-Maschinen und Seitenwagen

Haller BMW Kneeler, 500ccm, Baujahr 1977
Haller BMW Kneeler, 500ccm, Baujahr 1977

Aus dieser Tradition heraus ist verständlich, dass der „4. Sparkassen European Classic Grand Prix“ eine gemeinsame Veranstaltung für Motorräder, Seitenwagen-Gespanne und Autos ist. Die besondere Atmosphäre der Strecke sorgt dabei für volle Fahrerfelder. Besonders bei den Motorrädern und Gespannen sind packende und spannende Rennen zu erwarten.

Die „International Historic Racing Organisation“ (IHRO) lässt in den Hubraumklassen bis 250 ccm, 350 ccm und 500 ccm die Grand-Prix-Geschichte der 1960er und 1970er Jahre wieder aufleben. Die Rennen der „International Historic Racing Organisation“ werden übrigens, ganz der historischen Tradition verpflichtet, mit dem legendären Schiebestart gestartet.

Ein weiterer Schwerpunkt der Veranstaltung sind die Seitenwagen. Schließlich finden bis zum heutigen Tage auf dem Schleizer Dreieck Läufe zur Seitenwagen-Weltmeisterschaft statt. Das „AMC Classic Sidecar“ genannte Feld zeigt Renngespanne, die zwischen 1945 und 1983 gebaut wurden. Dabei wird das Feld der Seitenwagen in drei Kategorien eingeteilt, um zwischen die Konzepte der so genannten „Sitzer“, „Frontaussteiger“ und „Kneeler“ sportlich sauber zu trennen.

Von der Formel Junior zur Formel Easter

Bis zum Ende der 1950er-Jahre wurden in der „DDR“ und damit auch auf dem Schleizer Dreieck kaum bedeutende Autorennen gefahren. Allenfalls einige kleinere Tourenwagenrennen sind in den Geschichtsbüchern der Rennstrecke aus dieser Zeit vermerkt. Erst mit der weltweiten Einführung der Formel Junior änderte sich das Bild. Deren Hubraumlimit von 1100 ccm paßte perfekt zum Motor des Wartburgs.

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Rennen der Formel-Junior am Schleizer Dreieck 1963
(Quelle: Deutsches Bundesarchiv)

Sofort begannen man auch in der „DDR“ mit der Konstruktion echter Rennwagen. Sowohl die „Sozialistische Entwicklungsgemeinschaften Rennsport“ von Willy Lehmann und Siegfried Seiffert als auch Heinz Melkus aus Dresden stellten Anfang der 1960er-Jahre ihre Rennzigarren für die Formel Junior vor.

Die Technik konnte sich durchaus sehen lassen. Über einem Rohrgitterrahmen hatten sie eine in Schalenbauweise gefertigte Aluminiumkarosse montiert. Angetrieben wurden die kleinen Boliden von einem Wartburg-Motor. Dieser drückte mit drei Flachstromvergasern bestückt 75PS auf die Kurbelwelle.

Bereits 1962 standen am Schleizer Dreieck 25 Formel-Junior-Wagen am Start. Im Rennen lieferte sich insbesondere Heinz Melkus spannende Kämpfe mit den Fahrern aus dem Westen. 1964 nach Einführung der Formel 3 setzen sich die Ost-West-Vergleiche auf dem Schleizer Dreieck zur Freude der Sportler und Zuschauer fort. Und auch wenn die Piloten aus dem Osten zunehmend mit technologischen Rückständen zu kämpfen hatten, zeugen die Rennen bis Anfang der 1970er-Jahre davon, dass auch die „DDR“ einmal in den internationalen Motorsport integriert war.

Dies änderte sich 1972

Die „DDR“ beschloss, die Kontakte zu westlichen Sportlern auf die olympischen Disziplinen zu beschränken. Neben wirtschaftlichen Gründen haben vermutlich auch die Ereignisse beim „Großen Preis der DDR“ 1971 diesen Ausstieg bewirkt. Denn das auf dem Sachsenring ausgetragene Rennen gewann bei den 250ern der Ulmer Dieter Braun.

Bereits im Rennen hatten die Zuschauer Braun begeistert angefeuert. Bei der Siegerehrung stimmten dann die meisten der Zuschauer in die westdeutsche Nationalhymne ein. Diese Vorgänge blieben den Behörden natürlich nicht verborgen. Auf Grund fehlender Sicherheitsvorkehrungen, wobei man sich allerdings offiziell auf die Strecke bezog, verzichtete man in der „DDR“ anschließend auf den WM-Status.

„Pokal für Frieden und Freundschaft der sozialistischen Länder“

MT 77
Rennwagen der Klasse E1300: MT 77

Den Motorsportlern in der „DDR“ blieb nur eine Möglichkeit, um internationalen Motorsport zu betreiben. Im seit 1966 ausgeschriebenen „Pokal der Freundschaft“ kämpften sie fortan gegen Wettwerber aus den anderen Ostblockstaaten. Der mit vollen Namen ausgeschriebene „Pokal für Frieden und Freundschaft der sozialistischen Länder“ wurde zunächst für Formelfahrzeuge mit einem Hubraumlimit von 1300ccm ausgeschrieben.

1987 stockte man den Hubraum um 300 ccm auf. Gleichzeitig zogen auch in den Rennsport des Ostens Polyesterwerkstoffe und aerodynamische Hilfsmittel ein. Gerade in der „DDR“ entwickelte sich eine lebhafte Szene. Allein in der Meisterschaft der „DDR“ stritten sich regelmäßig bis zu 70 Piloten um den Titel der Formel Easter, wie die offiziell E1300 bzw. E1600 genannte Klasse bald gerufen wurde.

Dank dieser Tradition hat auch der Automobilrennsport im Programm des „4. Sparkassen European Classic Grand Prix“ seinen Platz gefunden. Erstmalig werden sich die Piloten der „Historischen Automobil Interessengemeinschaft Ostdeutschland“ (HAIGO) in Ostthüringen präsentieren. Sie starten getrennt nach Formel- und Tourenwagen.

„Die PUHDYS kommen“

Auch der Höhepunkt des Rahmenprogramms hängt übrigens mit einem Rennwagen der Formel Easter zusammen. 1986 hatten die PUHDYS, die Westdeutsche meist allenfalls dank ihrer für den FC Hansa Rostock gesungenen Stadionhymne kennen, mit dem Slogan „Die PUHDYS kommen“ für „Rock made in GDR“ auf einem MT77-Rennwagen geworben. Beim „4. Sparkassen European Classic Grand Prix“ soll dieses Fahrzeug auf die Strecke zurückkehren. Über diese Verbindung gelang es, die PUHDYS für den Auftritt im Abendprogramm zu begeistern.

Das vollständige Programm des „4. Sparkassen European Classic Grand Prix“ finden Sie auf den Internetseiten des „Automobil- und Motorradclub Schleizer Dreieck“.

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