Es schien ein ganz normaler Feierabend zu sein. Nahverkehrsheld Oli und ich hatten uns für den Heimweg verabredet. Auf der Fahrt machten wir eine irritierende Beobachtung bei einer Fahrkartenkontrolle. Doch der Reihe nach.

Schon das Einsteigen in die U-Bahn gestaltete sich schwierig, denn ein Herr im mittleren Alter blockierte den Eingangsbereich. Beim Vorbeizwängen sahen wir, dass der Herr unablässig auf ein junge Frau einredete. Sie war zwischen einer Trennwand und dem Herren regelgerecht eingezwängt.

Besonders auffällig war der ungewöhnlich und unangemessene Abstand zwischen beiden. Denn der Herr war ein Kontrolleur und die Frau ein Fahrgast. Salopp formuliert, der Herr rückte der jungen Frau ziemlich auf die Pelle. Drängte sie durch seine Präsenz in die Ecke, versperrte ihr jede Bewegungsmöglichkeit im Zug.

Gesprächsfetzen drangen an unsere Ohren vor. Wobei primär der Herr mit einem schleimigen Unterton zu hören war.

  • Sie müsen doch …?
  • Haben Sie nicht …?
  • Wo kommen Sie her …?

Offensichtlich war die junge Frau ohne Fahrschein unterwegs und konnte sich auch nicht ausweisen. Sie käme gerade von einer Polizeidienststelle, wo sie den Diebstahl ihres Portemonnaies und damit auch aller ihrer Ausweispapiere angezeigt habe. Immerhin habe sie diese Zettel von der Polizei. Nun sei sie auf dem Heimweg. Und im Übrigen wolle sie hier aussteigen.

Eine Bitte, die der Herr mit dem fehlenden Distanzabstand glattweg verweigerte. Sie käme jetzt mit, wenn er mit ihr fertig sei, dann könne sie ja später gerne zurückfahren. Die Betonung seiner Sprache schwankte auf eine widerliche Art und Weise zwischen Bedrohung und Nähe.

Ich war bereits kurz vor einem Einschreiten, denn die Nähe war offensichtlich auch der jungen Frau unangenehm. Immerhin brachte sie irgendwie ihre Tasche zwischen sich und dem Kontrolleur als Puffer in Stellung, das hielt ihn etwas auf Abstand. Zudem betonte sie nochmals deutlich, jetzt aussteigen zu wollen.

Damit sorgte sie für eine Entspannung, denn ein weiterer Kontrolleur schritt jetzt ein. Er versuchte, seinen Kollegen zum Aussteigen zu bewegen. Schließlich könnten sie die Aufnahme der Daten auch draußen fortsetzen. Doch der erste Versuch stieß bei unserem schmierigen Onkel von der Fahrscheinkontrolle noch auf Ablehnung.

Er wolle die Kontrolle hier fortsetzen, stellte der Distanzlose fest. Die Dame, wie er seine Gesprächspartnerin nannte, könne ja, wie er betonte, später zurückfahren. Durch seine Positionierung verhinderte er weiter, dass die junge Frau ihre Position in der Ecke verlassen konnte. Das in die Ecke Drängen und der fehlende Distanzabstand hatten eindeutig etwas Nötigendes.

Eine Auffassung, die offensichtlich von dem zweiten Kontrolleur geteilt wurde. Denn beharrlich wirkte er weiter auf seinen Arbeitskollegen ein und setzte schließlich tatsächlich das Aussteigen durch. Offensichtlich hatte da wenigstens ein Kontrolleur den notwendigen Anstand!

Beobachtet am 9. Oktober 2013 in Dortmund

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