Eine moderne Frau mit viel Geschmack und Humor zeichnet verantwortlich für ein Stück Sitzkultur, das eigentlich traditionell aus der Feder eines Mannes stammen müsste. In den 30er Jahren lies sich die Irin Eileen Grey vom sympatischen, allseits bekannten Michelin-Männchen inspirieren und schuf einen Sessel, in dem sich der begeisterte Automobilist geborgen und verstanden fühlt.

Schweiß, Öl und Flaschenbier

Das Fahrerlager an der Rennstrecke oder die Schrauberhalle auf dem Hinterhof sind in der Regel keine Orte, an denen besonderer Komfort erwartet bzw. verlangt wird. Denn dies sind Orte des Öls, des Adrenalins und manchmal auch der Tränen. Getrunken wird aus der Flasche und gesessen auf den heruntergefahrenen „Schlappen“ der letzten Saison. Edles Leder findet sich im besten Falle im Interieur des umsorgten Oldtimers. Die zarte Frauenhand packt in dieser von Männerschweiß und Benzindunst durchdrungenen Welt seltener mit an.

Eileen Gray
Eileen Gray gehört zu den wichtigsten Designern des 20.Jahrhunderts

Zu Beginn des letzten Jahrhunderts wäre das natürlich noch ganz und gar unmöglich gewesen. Die Frau an sich konnte damals froh sein, überhaupt wählen zu dürfen. So kommt es zunächst überraschend, dass die feinsinnige Irin Eileen Gray 1929 ausgerechnet das Symbol einer durch und durch männlichen Domäne als Inspirationsquelle nutzte.

Sie fing den wohl situierten und fortschrittlichen Automobileigner in dicken Autoreifen und weichem Leder ein. Der moderne Sessel sollte ihm zugleich Statussymbol und Ausdruck seiner geistigen und technischen Mobilität sein. Um in diesem schönen Stück auch wirklich sitzen zu können, sollte letzterer allerdings nicht zu klein gewachsen sein, denn sonst würde es ihm schwer fallen, seine Arme lässig auf der wuchtigen Lehne zu platzieren.

Mobilität als Zeichen des Fortschritts

Bibendum in schwarzem Leder, Foto: classicon
Bibendum in schwarzem Leder, Foto: classicon

Als Eileen Gray den Bibendum entwarf, war sie bereits eine etablierte und erfolgreiche Designerin. Fast dreißig Jahre lebte sie schon in Paris, wo sie lange dem innersten Gestalter-Zirkel des Art-Deco angehörte.

Die Einflüsse der holländischen Avantgarde und des Bauhauses ließen sie aber dann in den 20er Jahren neue Wege beschreiten. Wie sie nun gerade auf die berühmte Werbefigur des Reifenherstellers Michelin kam, lässt sich nur mit ihrem gestalterischen Eigensinn erklären, dem immer auch ein Löffelchen augenzwinkernder Humor beigemischt war. Denn Bibendum, das immer freundliche und hilfsbereite Reifenmännchen, war und ist ein Frankreich so etwas wie ein Nationalheiligtum.

Der Bibendum in blauem Leder - Passt auch zum Lambo
Der Bibendum in blauem Leder – Passt auch zum Lambo. Foto:classicon

Auf ihr Wohl!

Seit 1891 erstmals ein Michelin Reifen auf ein Fahrrad montiert wurde, gehören Bibendum, das Radfahren und später der Motorsport in Frankreich untrennbar zusammen. „Nunc est bibendum! Auf ihr Wohl!“ sagt das Michelin-Männchen auf einem der ersten Plakat und hält einen Pokal mit Scherben und Nägeln in der Hand. Der neue Luftreifen sollte alle Hindernisse schlucken.

Prost - Bibendum auf einem Michelin-Plakat von 1898
Prost – Bibendum auf einem Michelin-Plakat von 1898

Bibendum ist zwar ein netter Kerl, von Eleganz und Grazie ist er allerdings recht weit entfernt. Um seine Bestandteile gedanklich aufzuschneiden und sie in Form von dicken, wulstigen Polstern zur Lehne eines opulenten Salon-Sessels umzufunktionieren, brauchte es eine Menge Phantasie und Mut. Denn zur gleichen Zeit arbeitete das Bauhaus an einem Design für die Massen und Ludwig Mies van der Rohe entwarf den Übersessel schlechthin in Gestalt seines Barcelona Chairs.

Die Individualistin hat sich nie einem Trend gebeugt

Zwar unterscheidet ihre technische Umsetzung die beiden Entwürfe nicht wesentlich. Es ist viel mehr die grundlegende Einstellung zu ihrer Arbeit, die Eileen Gray und Ludwig Mies van der Rohe in zwei weit entfernte Lager rückt. Die Strenge der Bauhaus-Entwürfe vermittelt die rationale Ernsthaftigkeit, mit der nach neuen Formen geforscht wurde. Mit Spaß hatte diese Arbeit wenig zu tun. Natürlich profitierte Eileen Gray von den Materialinnovationen des Bauhaus und sie war mit Sicherheit nicht weniger ernsthaft bei der Sache. Doch sie gab ihren Objekten immer ihren Humor, ihre kreative Selbstständigkeit und ihre spielerische Leichtigkeit mit auf den Weg. „Nonkonformist“ nannte sie z.B. einen Stuhl mit nur einer Armlehne, der ebenso wie der Bibendum dem Betrachter ein zwar amüsiertes, aber immer warmes und freundliches Lächeln entlockt.

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