Erst vor ein paar Wochen sprach das Handelsblatt in einem seiner Artikel vom „Vermächtnis von Vorstandschef Sergio Marchionne“. Dabei bezog sich die Wirtschaftszeitung darauf, dass FIAT Chrysler dank der Leitung von Sergio Marchionne schuldenfrei sei. Zusammen mit dieser Nachricht gab der italienisch-amerikanische Autobauer, dass der Italo-Kanadier nächstes Jahres in den Ruhestand treten werde. Doch diese Pläne sind inzwischen Makulatur. Denn heute Nacht gab FIAT Chrysler überraschend das sofortige Ausscheiden von Sergio Marchionne aus dem Unternehmen bekannt.

Denn nach einer – wie es offiziell heißt – Schulter-Operation sei es zu unerwarteten Komplikationen gekommen. Der Gesundheitszustand von Sergio Marchionne habe sich, wie der italienisch-amerikanische Autoriese in einer offiziellen Pressemitteilung bekannt gab, in den „letzten Stunden deutlich verschlechtert“. Deshalb werde „Marchionne nicht mehr an seinen Arbeitsplatz zurückkehren“. Das sind dramatische Nachrichten, die auf schwerwiegende Komplikationen hindeuten und fast schon an der Möglichkeit einer Genesung des Managers zweifeln lassen.

Dazu passen auch die Worte von Fiat-Präsident John Elkann, der ein eigenes Statement zum Ausscheiden von Sergio Marchionne veröffentlichte. In sehr persönlichen Worten spricht der Enkel des legendären Fiat-Chefs Giovanni Agnelli von einem ungerechten Schicksalsschlag. Elkann teile den Schmerz der Familie Marchionne und bat darum, die Privatsphäre von Sergio und seinen Liebsten zu wahren. Das klingt fast schon wie ein Nachruf!

Mike Manley übernimmt

Der Verwaltungsrat des Unternehmens ernannte daher Mike Manley mit sofortiger Wirkung zum Vorstandschef (CEO) der Aktiengesellschaft Fiat Chrysler Automobiles. Damit werde, so heißt es bei FIAT, der bereits in den letzten Monaten eingeleitete CEO-Übergangsprozess beschleunigt. Bei Ferrari tritt Louis C. Camilleri die Nachfolge Marchionnes auf dem Posten des Vorstandschefs an. Den Posten des Ferrari-Präsidenten, den Sergio Marchionne ebenfalls ausübte, übernimmt Fiat-Präsident John Elkann selbst.

1999 wählte eine internationale Jury Ferdinand Piëch zum Automanager des Jahrhunderts. Würde man diese Wahl heute wiederholen, dann hätte Sergio Marchionne wohl gute Chancen auf einen der vorderen Plätze. Denn Marchionne war seit 14 Jahren Chef bei FIAT. Als Marchionne dieses Amt übernahm, steckte FIAT in der größten Krise seiner Unternehmensgeschichte. Eine verfehlte Modellpolitik und die schlechte Qualität der Produkte hatten den Marktanteil zertrümmert.

Gleichzeitig kosteten zahlreiche Unternehmensbeteiligungen in allen möglichen Branchen viel Geld. In der Not holte FIAT sich General Motors als Partner an Bord und räumte den Amerikanern sogar eine Option auf die Übernahme des ganzen Unternehmens ein. Doch mit Sergio Marchionne gelang die Umkehr. Marchionne entflocht den Konzern. Dann löste der Manager die Verbindung zu General Motors und übernahm stattdessen dessen US-Rivalen Chrysler.

Sergio Marchionne bewahrte FIAT bisher die Unabhängigkeit

Zur Überraschung vieler Analysten schafften FIAT und Marchionne, was Daimler zuvor nicht gelungen war. Denn unter der Führung von Marchionne wurde auch aus Chrysler ein profitabler Bestandteil des Unternehmens. Dabei schreckte der Manager Marchionne auch vor unpopulären Entscheidungen nicht zurück. Seit 2014 sitzt die Holding Fiat Chrysler Automobiles N.V. formal in Amsterdam. Das nagte am Stolz vieler italienischer FIAT-Mitarbeiter. Doch die Steuerersparnisse rechtfertigten diese Entscheidung.

Gleichzeitig ist die Entscheidung ein gutes Beispiel dafür, wie kompromisslos Sergio Marchionne seinen Job verstand. Sein Auftrag war die Sicherung der Unabhängigkeit von FIAT. Diesen Auftrag verfolgte Marchionne konsequent, ja fast gnadenlos. Der Erhalt der Unabhängigkeit – bis heute – wird wohl auf Dauer das Vermächtnis von Sergio Marchionne bleiben. Der vorzeitige Rücktritt ist tragisch für den Menschen Sergio Marchionne und das Unternehmen Fiat. Denn Fiat verliert einen Steuermann, der das Unternehmen aus höchster Seenot in ruhige Fahrwasser führte.

Der Rücktritt trifft das Unternehmen zur Unzeit!

Denn FIAT lebt inzwischen primär vom Kleinwagen FIAT 500, der seit 2007 auf dem Markt ist. Bei Chrysler sorgen die Modelle von Jeep für Rendite. Doch in der Diesel-Krise fehlen den Jeep in Europa konkurrenzfähige Motoren. Auch FIAT arbeitet an Zukunftsthemen wie der Elektrifizierung und dem autonomen Fahren. Doch das Entwicklungsbudget ist, im Vergleich zu anderen Unternehmen, extrem klein. Das lässt Zweifel an einer echten Zukunftsstrategie aufkommen.

Deshalb gab es in jüngster Zeit immer wieder Gerüchte über einen Verkauf des Unternehmens. Hyundai gilt als interessiert. Böse Stimmen sagen sogar, dass Marchionne die Braut FIAT mit dem Abbau der Schulden nur aufgefrischt habe, um einen guten Verkaufspreis zu erzielen. Die Zukunft wird zeigen, was an diesen Geschichten dran ist. Aber unabhängig davon, wie es weitergeht, eins ist sicher: Sergio Marchionne wird dem Unternehmen fehlen.


Nachtrag vom 25. Juli 2018 – Die Befürchtungen haben sich bewahrheitet. Sergio Marchionne ist heute verstorben. FIAT verliert einen großen Manager.

Schreib einen Kommentar

Mit dem Absenden des Kommentars übermittelten Sie uns Ihren Namen, Ihre E-Mail-Adresse, Ihre IP-Adresse, Ihre URL (sofern angegeben) und Ihren Kommentartext. Gleichzeitig stimmen Sie ausdrücklich der Speicherung und der Veröffentlichung des Kommentars zu. Die Veröffentlichung erfolgt ohne E-Mail- und IP-Adresse. Diese Daten dienen dem Schutz vor Missbrauch der Kommentarfunktion (SPAM) und werden anschließend automatisch gelöscht. Wir behalten uns vor, Kommentare ohne Angabe von Gründen nicht zu veröffentlichen oder die Links zu entfernen. Ein Anspruch auf Veröffentlichung des Kommentars besteht nicht.