„Understatement“ – die stilvolle Kunst der Untertreibung gilt gemeinhin als sehr britische Tugend. Und auch wenn der Titel „The World’s Biggest Classic Racing Festival“, den die Veranstalter ihrem Oldtimer-Meeting auf der britischen Grand-Prix-Rennstecke von Silverstone verpasst haben, nicht danach klingt, ist auch dieser Titel eine Untertreibung. Denn AutoNatives.de stellte vor Ort fest, dass die „Silverstone Classic“ dem hohen Anspruch ihres Titels tatsächlich gerecht werden.

Silverstone ist ein sehr geschichtsträchtiger Ort. 1950 fand auf der Rennstrecke im zentralenglischen Northamptonshire der erste Lauf zur Formel 1 Weltmeisterschaft statt. Bis heute schlägt rund um die Strecke das Herz des Motorsports. Überall auf dem Weg zur Strecke gibt es hier zahlreiche Teams und Firmen, die ihr Geld im Motorsport verdienen. All diese Unternehmen machen die gesamte Region zu einem wahren „Hotspot“ des Motorsports.

Schon wenn man auf dem Weg zur Strecke in Banbury den Motorway 40 verlässt, fährt man direkt an den Hallen von prodrive vorbei. Dort wird in diesen Tagen für BMW daran gearbeitet, ab 2011 mit dem modernen Mini an die Rallye-Tradition des Minis anzuknüpfen. Wenige Kilometer später kann der interessierte Besucher in Brackley einen Blick auf die sog. „operative Basis“ (= Fabrik) des Teams von „Mercedes Grand Prix“ werfen. Direkt an der Zufahrt zur Strecke hat das Formel 1 Team von „Force India“ seine Fabrik errichtet.

Silverstone Classics – Exzentrik auf der Rennstrecke

Kein Wunder, dass die Oldtimer-Szene hier besonders prächtig gedeihen kann. Denn auch wenn Großbritannien nach der Wahlsieg von Tony Blair ab 1997 versuchte, mit einer „Cool Britannia“ getauften Kampagne das eigene Image aufzupolieren, gelten Briten – soweit sie nicht auf den Balearen verweilen – als höflich, steif, konservativ und ggf. auch als etwas exzentrisch. Denn wie sonst soll man es nennen, wenn man mit einem Jaguar Mk VII von 1956 oder einem Ford Zodiac von 1959 gegen Musclecars vom Schlage eines Ford Mustang oder Mercury Comet Cyclone zum Rennen antritt?

Jaguar Mk VII von 1956
Nicht unbedingt als typischer Rennwagen
bekannt: Jaguar Mk VII von 1956

Wie sonst soll man es nennen, wenn der Konstrukteur des aktuell schnellsten Formel 1 Rennwagens mit seinem Ford GT 40 in Silverstone um die „Denny Hulme Trophy“ streitet, während gleichzeitig im rund 750 Kilometer entfernen Hockenheim mit dem von ihm konstruierten Red Bull RB 6 um die Weltmeisterschaft gekämpft wird?

Wobei sich Adrian Newey übrigens sehr achtbar aus der Affäre ziehen konnte. Denn Newey ging als 31. der insgesamt 42 Starter ins Rennen und belegte damit in der Klasse der Sportprototypen bis Baujahr 1965 mit dem schnellsten der angetretenen Ford GT40 einen guten dritten Platz. Im Rennen langte es für Newey dann zum 26. Gesamtrang.

Den Sieg sicherte sich Steve Tandy in einem Lola T70 Mk3B . Bemerkenswert, dass von diesem ab 1965 vom britischen Rennwagenherstellers Lola gebauten Sportwagen in Silverstone gleich 13 Exemplare am Start waren. Und so ist es durchaus beachtlich, dass das Fahrerduo Grant Tromans und Michael Caine in diesem faszinierenden Feld mit ihrem Abarth Osella PA1/04 nach einer Stunde Fahrzeit als Dritte abgewunken wurden. Denn während die ausladenden Lola oder Ford über bis zu 5.7 Liter große Motoren verfügen, sorgt im vergleichsweise kleinen Abarth gerade mal ein 2 Liter großer Motor aus dem Hause Simca für den notwendigen Vortrieb.

Einzelstücke auf der Rennstrecke

Während die Lola T70, McLaren M1, Ford GT40 oder Chevron B8 mehr oder minder umfangreich auch regelmäßig bei Oldtimer-Veranstaltungen auf den Kontinent zu bewundern sind, hielt das Feld der „World Sports Car Masters“ in Silverstone übrigens gleich mehrere besondere seltene Exemplare bereit. So ging John Young mit einem Ford F3L ins Rennen. Dieser auch als P68 bekannte Sportprototyp sollte 1968 – quasi als Nachfolger des legendären Ford GT40 – gegen Ferrari und Porsche in der Marken-Weltmeisterschaft der Sportwagen und natürlich auch in Le Mans rennen.

Ford P68
Der Ford P68 gilt heute als Einzelstück

Doch der von einem Ford-Cosworth-DFV-V8-Motor aus der Formel 1 angetriebene Wagen galt unter den Fahrern schnell als unfahrbar – ein Merkmal, das zu dieser Zeit auch für den Porsche 917 galt. Nach gerade mal acht Einsätzen in der Marken-Weltmeisterschaft und einem schweren Unfall von Chris Irwin am Nürburgring verzichteten Ford und das Werksteam „Alan Mann Racing“ auf eine Weiterentwicklung des von Len Bailey konstruierten Fahrzeugs und stellten das Projekt ein.

Ebenfalls in die Kategorie der seltenen Exemplare gehören mit Sicherheit auch ein „Cooper Monaco King Cobra“, bei dem John Cooper im Prinzip einfach zwei Sitze in ein verbreitertes Chassis des Formel 1 Rennwagens Cooper T51 gepackt hat, sowie Einzelstücke wie ein Lenham P69 oder ein Taydec MK3.

„Racing ist Kampf“

Bemerkenswert ist, dass die Teilnehmer trotz dieser Raritäten im Feld auf der Strecke wirklich um jeden Meter gekämpft haben. Die Briten haben da offensichtlich ein recht entspanntes Verhältnis zum Sinn und Zweck eines Rennwagens. Wir haben es bisher zum Teil immer auch für eine moderne Form einer Legendenbildung gehalten, wenn in den Benzingesprächen am Fuße der Nürburg von dem echten Racing geschwärmt wurde, das der historische Motorsport auf der britischen Insel bieten würde. Doch der Ausflug nach Silverstone hat uns verdeutlicht, dass dies keine Legende ist. Denn in allen Läufen, die wir bei der „Silverstone Classic“ gesehen haben, wurde zum Teil hart um die Plätze gekämpft.

Fittipaldi F5a
Fittipaldi F5a mit dem Emerson Fittipaldi
im eigenen Team in der Formel 1 antrat.

Ein gutes Beispiel dazu bot auch das Feld der „Grand Prix Masters“. In dieser Serie werden Formel 1 Fahrzeuge der Jahre 1966 bis 1985 im Wettkampf bewegt. Und Wettkampf heißt – im Verständnis der Starter – offensichtlich tatsächlich „Wettkampf“. Dies sorgt zunächst einmal dafür, dass die Mehrzahl der auf der Strecke eingesetzten Fahrzeuge aus der zweiten Hälfte der zur Verfügung stehenden Periode stammen – schließlich will man seine Chancen nicht bereits durch die Auswahl des Fahrzeug unnötig schmälern. Und sorgt dann für unterhaltsame Rennen.

Im Feld waren naturgemäß vor allem Fahrzeuge der Teams vertreten, bei denen der Verkauf der Fahrzeuge am Saisonende traditionell auch zur Finanzierung des Abenteuers Formel 1 beitrug. So gingen jeweils drei Fahrzeuge von Tyrell, Arrows, Surtees und Williams bei der „Silverstone Classic“ an den Start. Dazu kamen auch hier ausgewählte Raritäten wie der Fittipaldi F5a, der 1978 und 1979 von Emerson Fittipaldi im eigenen Team bewegt wurde, oder dem ursprünglich von Roberto Guerrero und Johnny Cecotto gefahrenen Theodore MN183 aus dem Team des Hong-Kong-Chinesen „Teddy“ Yip.

Spannung in der Formel 1

Insgesamt umfasste das Feld die stattliche Anzahl von 28 Fahrzeugen. Und überall im Feld bildeten sich so interessante Duelle. Dabei war es durchaus interessant anzusehen, wie zum Teil mit Fahrzeugen aus unterschiedlichen Formel 1 Jahrgängen gekämpft wurde. An der Spitze fochten die Briten Bill Coombs und Steven Hartley das gesamte Wochenende über einen interessanten Zweikampf aus.

Die Qualifikation entschied Commbs mit seinem Tyrell 009, Baujahr 1979 für sich. Hartley revanchierte sich im ersten Lauf und beendete das Rennen über 11 Runden am Steuer seines Arrows A4 aus der Saison 1982 als Sieger. Coombs rieb sich dabei an Robert Austin auf, der sich mit seinem Surtees TS19 aus der Saison 1976(!) noch zwischen Hartley und Coombs schieben konnte.

Arrows A4
Arrows A4 mit defektem Frontflügel

Im zweiten Lauf sah es für Hartley zunächst nach einer Wiederholung des Erfolgs vom Vortag aus. Doch Coombs, der es in den 1980er Jahren immerhin bis in die Formel 3 gebracht hatte, wollte sich nicht erneut geschlagen geben. Und in der fünften Runde presste Coombs seinen Tyrell sehenswert am Arrows von Hartley vorbei. Doch auch Hartley wollte nicht Zweiter werden.

Mit zum Teil wütenden Angriffen versuchte Arrows-Fahrer wieder die Spitze zu übernehmen. Doch zwei Runden vor dem Ende beschädigte Hartley bei einem vergeblichen Überholversuch den Frontflügel seines Arrows A4 und musste sich schließlich mit dem zweiten Platz zufrieden geben.

Immerhin konnte sich Steve Hartley mit dem Gesamtsieg in der kombinierten Wertung beider Läufe trösten, die sich der Brite mit einem Vorsprung von vier Sekunden sichern konnte. Hartley sicherte sich diesen Sieg übrigens unter den Augen des langjährigen Arrows-Teamchefs Jackie Oliver. Denn Oliver ging mit einem BMW 1800 TiSA,Baujahr 1965 im Rennen der Tourenwagen bis 2 Liter Hubraum selbst bei der „Silverstone Classic“ an den Start. Gemeinsam mit Richard Shaw wurde Oliver dabei immerhin Siebter.

Sir Stirling Moss ist zurück

Emotionaler Höhepunkt für viele britische Zuschauer bildete am Samstag der Auftritt des 80-jährigen Sir Stirling Moss. Moss hatte sich im März 2010 bei einem Unfall in seinem Haus in London schwer verletzt. Doch wie zu seiner aktiven Zeit erholte sich auch der Pensionär recht schnell von dem Unfall, bei dem Moss in einen Aufzugsschacht gefallen war. Bereits bei der Enstal Classic feierte der Brite sein Comeback im historischen Motorsport. Bei der „Silverstone Classic“ bestritt Moss die „RAC Woodcote Trophy“ für Sportwagen bis Baujahr 1956. Gemeinsam mit seinem Partner Ian Nuthall verpasste Moss dabei den Klassensieg nur knapp. 10 Minuten vor dem Ende des Rennens musste Moss das Rennen in den Boxen beenden. An seinem OSCA FS372 steckte das Getriebe im vierten Gang fest und machte eine Weiterfahrt unmöglich. Den Klassensieg erbte der Musiker Chris Rea, der mit einem Lotus Mk6 unterwegs war.

Clubtreffen in Silverstone
Die Stände der Oldtimer bzw. Marken-Clubs auf dem
weitläufigen Areal der Anlage in Silverstone

Auch neben der Strecke konnte die „Silverstone Classic“ überzeugen. Woran sicherlich auch die Größe der Anlage einen wichtigen Anteil hat. Während die Oldtimer auf dem sog. Brigde-Grand-Prix-Kurs Rennen fuhren, traten Dragster, Dritfer und historische Karts zu Demonstrationsläufen auf der jüngst gebauten „Wellington Strait“ an.

Dazu kamen Stände von rund 60 Marken- oder Oldtimer-Clubs, die sich gefällig auf dem weitläufigen Areal des ehemaligen Flugplatzes verteilten, sowie ein ausgedehnter Teilemarkt. Am Samstag Abend begeisterte ein umfangreiches Musikprogramm die Zuschauer. Dabei sorgten u.a. Dr. Feelgood und oder The Yardbirds für Stimmung.

Doch das Herz der „Silverstone Classic“ schlug zweifelsfrei auf der Strecke. Dort hatte man zwar manchmal den Eindruck, dass das couragierte Auftritt des einen oder anderen Teilnehmers im Hier und Jetzt die Niederlage des eigenen Fahrzeugs vor einigen Dekaden vergessen lassen sollte. Doch vielleicht sorgte gerade dieses Etwas für die ausgesprochen gute Stimmung. Auf jeden Fall sorgte diese echte Rennsport-Atmosphäre dafür, dass der Titel „The World’s Biggest Classic Racing Festival“ tatsächlich eine britische Untertreibung ist. Denn vermutlich gibt es in unser Galaxie keine bessere Oldtimer-Verstaltung.

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