2016 heißen die Motoren von Red Bull Racing TAG-Heuer. Das bringt gleich zwei traditionsreiche Namen auf die große Rennsport-Bühne zurück – obwohl Red Bull am Ende immer noch mit Motoren von Renault unterwegs ist.

Es war eine interessante Entwicklung. Denn in der vergangenen Formel-1-Saison hat Red Bull Racing oft über seine Motoren gelästert. Motorenlieferant Renault habe die Entwicklung verschlafen und steht damit dem Erfolg des Teams im Weg. Zeitweilig war offen, mit welchen Motoren das ehemalige Weltmeisterteam 2016 ausrückt.

Mercedes, Ferrari und wohl auch Honda hatten kein Interesse an einer Partnerschaft mit dem Rennstall aus dem Brauseimperium. Der mögliche Alternativmotor, den Red Bull lautstark forderte, blieb eine Option. Die Verantwortlichen der Formel konnten sich nicht durchringen, ein alternatives Motorenkonzept in der Königsklasse des Motorsports zuzulassen.

Heuer ist seit den 1930er-Jahren im Grand Prix Sport

Inzwischen ist klar, Red Bull wird auch 2016 mit Motoren – oder heute heißt das ja Antriebeinheiten – von Renault ausrücken. In den offiziellen Startlisten wird Renault jedoch nicht auftauchen. Denn die Namensrechte an den Motoren erwarb die Uhrenmarke TAG-Heuer. Sie hat seit den 1930er-Jahren einen engen Bezug zum den Themen Auto und Luftfahrt. Ihre Autavia-Stoppuhren (AUT von Automobile und AVIA von Aviation) sind heute legendär.

Als in den 1960er-Jahren der Motorsport zur Werbebühne wurde, war Heuer dabei. Jo Siffert trug bereits seine Uhren von Heuer stets sehr sichtbar. Unwahrscheinlich, dass der geschäftstüchtige Schweizer das unentgeltlich tat. Zeitweise war das Unternehmen auch offizieller Zeitmesser beim Großen Preis von Monaco sowie den 500 Meilen von Indianapolis. Eine Rolle, die das Unternehmen auch ausfüllte, weil es sehr früh neben seinen mechanischen Uhren auch (exklusive) Quarzuhren anbot.

1985 übernahm Techniques d’Avant Garde (TAG) den Uhrenbauer Heuer. TAG hat offiziell seinen Sitz in Luxemburg. Die Führung des Unternehmens obliegt dem saudi-arabischen Geschäftsmann Mansour Ojjeh. Mansour Ojjeh führt mit dem 1975 gegründeten Unternehmen die Geschäfte seines Vaters Akram Ojjeh fort. Akram Ojjeh verdiente sein Geld mit der Vermittlung westlicher Technologie an Saudi-Arabien.

Karim Ojjeh 2004 in der Formel Palmer Audi
Karim Ojjeh 2004 in der Formel Palmer Audi

Wobei „Technologie“ in diesem Zusammenhang – zumindest bis in die vor gut 20 Jahren – wohl oft (oder gar überwiegend) für Waffen stand. Heute versteht sich TAG eher als Investmentfirma, die besonders in den Bereichen Luftfahrt tätig ist. Der Motorsport spielt bei dieser Veränderung eine wichtige Rolle.

Bereits 1979 wurde Ojjeh mit seinem Unternehmen TAG Hauptsponsor bei Williams. Dieses Geld machte Williams endgültig zum Top-Team. 1980 und 1982 fuhr der Rennstall aus dem britischen Grove mit Alain Jones und Keke Rosberg zu seinen ersten beiden WM-Titeln.

Offensichtlich eine Zeit, an die man sich in der Familie Ojjeh gern erinnert. Karim Ojjeh – Sohn von Mansour Ojjeh – trat in der Audi Palmer Serie mit einem Fahrzeug an, dessen Lackierung den Williams von 1980 erinnerte. Was auch deshalb interessant ist, weil sein Vater Anfang der 1980er-Jahre dem Werben von McLaren-Chef Ron Dennis erlag und dessen 50-Prozent-Teilhaber wurde.

TAG finanziert den Porsche-Motor für die Formel 1

Hans Mezger am Hockenheimring (April 2009)
Hans Mezger, der „Vater“ des TAG-Porsche-Motors am Hockenheimring

Gleichzeitig finanzierte TAG den bei Porsche von Hans Mezger entwickelten TAG-Turbo-Motor. Auf dem Genfer Auto-Salon 1983 präsentierten McLaren, TAG und Porsche den Motor der Öffentlichkeit. Noch im gleichen Jahr trat Niki Lauda im McLaren mit dem Motor beim Großen Preis der Niederlande erstmals bei einem Grand Prix an. Während das sich (nur gesponserte) TAG-Williams-Team gleichzeitig mit den Saugmotoren von Cosworth abmühte.

Schon 1984 gewann der TAG TTE PO1 1.5 V6t im McLaren MP4/2 zwölf der 16 Saisonrennen. Obwohl McLaren-Pilot Alain Prost bei sieben Rennen erfolgreich war, sicherte sich Niki Lauda am Ende mit einem halben Punkt Vorsprung den Titel. Anschließend schrieb Alain Prost mit den WM-Titeln 1985 und 1986 die Erfolgsgeschichte des Antriebs fort.

TAG TTE PO1 1.5 V6t
TAG TTE PO1 1.5 V6t im Porsche-Museum

Selbst im letzten Einsatzjahr 1987 gewann Prost mit dem TAG genannten Porsche-Motor noch drei Rennen. Doch inzwischen hatte der Honda-Motor dem Porsche-Motor den Rang abgelaufen. McLaren bezog daher ab 1988 seine Motoren aus Japan. Das war sicherlich auch wirtschaftlich interessant. Denn statt für die Motoren zu bezahlen, zahlte jetzt Honda dafür, McLaren mit Motoren zu beliefern.

Diese Entwicklung ist nebenbei ein gutes Beispiel für das heutige Wirken von TAG. Denn inzwischen besteht das Geschäftsmodell (überwiegend) darin, Unternehmen zu kaufen, zu entwickeln und mit Gewinn weiterzuverkaufen. Als sich Mansour Ojjeh bei McLaren engagierte, war das Unternehmen „nur“ ein Autorennstall. Heute gehören zur McLaren-Group neben dem Formel-1-Team auch ein Autohersteller sowie weitere Unternehmen.

Als sich Daimler (2000 bis 2012 mit wechselnden Anteilen) und die Mumtalakat Holding Company des Staates Bahrain (bis 2014) an McLaren beteiligten, hat sich der Verkauf der Anteile auch für Mansour Ojjeh ausgezahlt. Zeitweilig sank Ojjehs Anteil auf 15 Prozent ab. Doch Ojjeh widersetzte sich, alle Anteile zu verkaufen. Inzwischen gehören dem Geschäftsmann wieder 25 Prozent des Unternehmens, während Ron Dennis 75 Prozent besitzt.

1985 wurde aus Heuer TAG-Heuer

Als TAG parallel zum Engagement bei McLaren den traditionsreichen Uhrenbauer Heuer erwarb, änderte Mansour Ojjeh den Namen in TAG-Heuer. Das schlug eine Brücke zur Formel 1 und sorgte für weltweite Aufmerksamkeit. Selbst der Verfasser dieser Zeilen – schon immer am Motorsport interessiert – kaufte sich in dieser Zeit eine Uhr von TAG-Heuer.

Inzwischen reichte TAG den Uhrenbauer an den Luxuskonzern Moët Hennessy Louis Vuitton weiter. Das war ein gutes Geschäft für TAG. Denn bei der Übernahme 1985 war das Unternehmen ein Sanierungsfall. 1996 folgte der Börsengang. Drei Jahre später zahlte LVMH schon 740 Millionen US-$ für das Unternehmen. Doch das Geschäft war besonders in den vergangenen Jahren schwierig.

Smartphones und Smartwatches bedrohen inzwischen die klassische Uhr. Vor zwei Jahren musste TAG-Heuer 46 Mitarbeiter entlassen. Kürzlich reagierte das Unternehmen mit der Smartwatch ‚Connected‚. Dazu kehrt man jetzt auf die große Bühne des Sports zurück. Und bringt damit (nebenbei) auch den McLaren-Partner TAG zurück in die Starterlisten.


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Infos zum Titelbild dieses Beitrags:
Niki Lauda im McLaren TAG-Porsche

Foto: Porsche

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Tom wuchs als Kind der späten 60er-Jahre in einem ausgesprochen automobilen Umfeld auf. Das wirkt bis in die Gegenwart nach und ist ein guter Nährboden, um heute über Autos zu schreiben.

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