Historischer Motorsport

Unter die Karosserie des Williams FW07B geschaut!

1980 dominierte Williams mit dem Williams FW07B die Automobil-Weltmeisterschaft. Bei eBay fand ich jetzt dieses Foto, das in Brands Hatch entstand. Den unbekannten Fotografen, aus dessen Nachlass ich das Bild kaufte dokumentierte das Erfolgsgeheimnis des Rennwagens.

Williams FW07B
Motorraum und Seitenkasten des Williams FW07B – Foto: Archiv AutoNatives.de

Zugegeben, ich habe ein Faible für solche Aufnahmen. Ich fand es schon als Schüler spannend, mir technische Details von Rennwagen anzusehen. Damals war es beispielsweise bei Testfahrten vor dem Grand-Prix-Wochenende immer wieder möglich, die Autos aus nächster Nähe zu sehen. Die Königsklasse des Motorsports war noch nicht so entrückt und abgeriegelt wie heute. Fans konnten sich im Fahrerlager die schnellen Rennwagen oftmals genau ansehen und sie teilweise sogar fotografieren.

Dieses Fotos eines Williams FW07B, das 1980 in Brands Hatch entstand, ist ein gutes Beispiel dafür, was dabei für Bilder entstanden. Fotografisch sicherlich nicht die allerhöchste Kunst. Aber die wichtigsten Details sind drauf. Ich fand das Negativ dieses Bildes vor einiger Zeit bei eBay. Einen „Sofortkauf“ später gehörte das Bild mir, ich konnte dem Angebot einfach nicht widerstehen. Denn das Bild ist zwar mehr als 40 Jahre alt, verlor aber in meinen Augen seinen Reiz bis heute nicht.

Der Williams FW07 war eine Sensation!

Denn der Williams FW07B, dessen Innereien hier offen liegen, trug 1980 Alan Jones und Williams zum Titel. Während des Trainings zum Großen Preis von Großbritannien nutzte ein Fotograf die Gelegenheit, die freigelegte Heckpartie Rennwagens abzulichten. Ich vermute, dass der Ford Cosworth das Interesse des Fotografens auf sich zog. Interessant, über was für kunstvoll geschwungene kurze Rohre der V8 seine Abgase ins Freie entlässt.

Alain Jones im Williams FW06
Schon beim Williams FW06 setzte Konstrukteur Patrick Head nach dem Vorbild von Lotus auf Schürzen. Wer genau hinsieht, der erkennt die Dichtleisten unter dem Seitenkasten. Doch erst mit dem Nachfolger FW07 stellte Head ein richtiges Wing Car auf die Räder. (Foto: Archiv Fabian P. Wiedl)

Doch mein Interesse galt mehr den Schürzen des Rennwagens. Denn mit diesen flexiblen Leisten dichteten die Konstrukteure damals den Unterboden ihrer Rennwagen an der Seite ab. Schließlich war seit dem Erfolg des Lotus 78 klar, dass dies den sogenannten negativen Bodeneffekt verstärkt. Je schneller der Rennwagen fährt, um so mehr saugt er sich an der Straße fest.

Das Geheimnis dieses Tricks sind zwei Luftkanäle, die unterhalb der Seitenkästen verlaufen. Sie führen die Luft über ein umgekehrtes Flügelprofil. Beim Eintritt der Luft in diese Kanäle ist die Strömungsgeschwindigkeit vergleichsweise gering und der Luftdruck hoch. Je weiter die Luft in Richtung der größten Profildicke des Flügels ströhmt, desto mehr beschleunigt sie. Der Luftdruck nimmt mehr und mehr ab. Ein Unterdruck entsteht.

Der Lotus 78 trat den Trend los …

Die Schürzen aus Hartgummi dichten die Kanäle seitlich ab, um den Effekt zu maximieren. Ein paar Jahre gehörte das in der Formel 1 sowie anderen Rennklassen zum Standard. Sie gelten bis heute als untrügliches Anzeigen eines sogenannten „Wing Cars“ dieser Zeit. Den Trend traten Lotus-Gründer Colin Chapman und Peter Wright mit ihrem Lotus 78 los. Mit diesem Rennwagen nahm eine Idee endlich Gestalt an, die der Aerodynamiker Wright bereits seit Ende der 1960er-Jahre verfolgte.

Philippe Streiff im AGS JH19 beim Formel-2-Rennen im März 1982 in Silverstone. Auf dem Bild ist deutlich zu erkennen, dass das spätere Formel-1-Team AGS den Unterboden seines Boliden mit Schürzen abdichtete. (Foto: Archiv AutoNatives.de)
Philippe Streiff im AGS JH19 beim Formel-2-Rennen im März 1982 in Silverstone. Auf dem Bild ist deutlich zu erkennen, dass das spätere Formel-1-Team AGS den Unterboden seines Boliden mit Schürzen abdichtete. (Foto: Archiv AutoNatives.de)

Denn bereits als Konstrukteur bei BRM arbeitete Wright an der Wing Car-Idee. Doch die Politik im Team verhinderte, dass der geplante BRM P142 über den Status als Windkanal-Modell hinauskam. Pilot John Surtees verlangte von Teambesitzer Alfred Owen, dass sich das Team ganz auf die Arbeit am P138 konzentriert. Peter Wright verlies frustiert BRM und arbeitete ein paar Jahre für einen Zulieferer.

Robin Head kannte die Arbeit von Wright und wagte beim March 701 mit den als Flügels ausgeformten Seitenkästen einen ersten Schritt. Doch der Effekt blieb klein. Erst als Wright Mitte der 1970er-Jahre zu Lotus wechselte nahm die Idee daher wieder Fahrt auf. Der Aerodynamiker perfektionierte die Idee und gestaltete nicht die Seitenkästen als Flügel. Wright nutzte den Unterboden und dichtete diesen seitlich mit Schürzen ab.

Schon Chaparral experimentierte mit Schürzen!

Die Idee der Schürzen geht ursprünglich auf den Chaparral 2J von 1970 zurück. Denn schon bei diesem ersten „Staubsauger-Rennwagen“ dichteten flexible Gummivorhänge den Unterboden ab. Doch dem US-Sportwagen fehlte an der Unterseite noch das speziell ausgestaltete Flügelprofil. Der 2J verließ sich ganz auf die Kraft der zwei mächtigen Ventilatoren im Heck, um Unterdruck zu erzeugen.

Alain Jones im Williams FW07
Mit dem William FW07 stieg Williams zum Spitzenteam auf. Schon 1979 gewann das Team erstmals Rennen. Ein Jahr später folgte die Weltmeisterschaft. Unser Bild zeigt Alain Jones 1980 in Monaco. (Foto: Archiv Fabian Wiedl)

Im Lotus 78 fügten Chapmann und Wright als Erste alles richtig zusammen. Dank des neuen Konzepts gewann Lotus bereits 1977 fünf Grand Prix. Doch den Titel holte noch Niki Lauda im Ferrari. Erst 1978 schlug die Stunde des neuen Konzepts. Der weiterentwickelte Lotus 79 gewann acht Rennen. Dank sechs Erfolgen ging die WM an Mario Andretti. Weshalb praktisch das ganze Feld den Trick sofort kopierte.

Williams stieg mit dem Williams FW07 zum Spitzenteam auf!

Wobei Williams die Idee 1979 sogar noch etwas verbesserte. Mit dem Debüt des Williams FW07 stieg das bisherige Hinterbänkler-Team praktisch sofort zum Spitzenteam auf. Ein Umstand, den damals vermutlich niemand erwartet hätte. Denn der FW07 stand erst beim fünften Saisonlauf in Spanien erstmals im Grid. Bei den ersten beiden Rennen fielen beide Williams-Piloten aus. Doch in Monaco fuhr Clay Regazzoni als Zweiter schon auf das Podest.

Chassis #7 des Williams FW07B gut 40 Jahre später in den Boxen von Spa-Francorchamps. Das Chassis gehört heute zur Sammlung des Unternehmers Zak Brown. (Foto: Fabian Wiedl)
Wie sich Fotos gleichen – Chassis #7 des Williams FW07B gut 40 Jahre später in den Boxen von Spa-Francorchamps. Dieses Chassis gehörte zum Zeitpunkt der Aufnahme dem Unternehmer und McLaren-F1-Team-Chef Zak Brown. (Foto: Fabian Wiedl)

Beim folgenden Rennen in Frankreich kamen erstmals beide Williams-Piloten in die Punkte. Jetzt war klar, dass das Team von Frank Williams über ein überdurchschnittliches Auto verfügte. Zumal Regazzoni schon beim nächsten Versuch Williams in Silverstone zum Grand-Prix-Sieger machte. Als anschließend Alan Jones eine beeindruckende Siegesserie startete, wurde deutlich, dass dieser Erfolg keine Eintagsfliege war. Denn der Australier gewann gleich vier der letzten sechs Saisonrennen. Den Titel gewann trotzdem Jody Scheckter im Ferrari.

Doch 1980, als unser Foto entstand, gab es endgültig kein Halten mehr!

Alain Jones fuhr überlegen zum Titel. Der Australier gewann fünf der 14. Saisonrennen. Bei fünf weiteren Läufen fuhr Jones auf das Podest. Der Williams war das Auto des Jahres. Um so überraschender, dass unseren unbekannten Fotografen dieser Schnappschuss gelang. Denn auf diesem Foto liegt das Geheimnis des Williams FW07 zweifelsfrei offen. Gut sichtbar ist, wie Konstrukteur Patrick Head den Unterboden abdichtete.

Auch das Flügelprofil im Seitenkasten liegt hier offen. Spannend auch, wie sich die Karosserie des Seitenkastens auf dem Motor abstützt. Erkenntnisreich ist auch die Tatsache, dass der Williams an der Hinterachse über zwei Bremssattel pro Rad verfügt. Ich denke, dass die Konkurrenz vor etwas mehr als 40 Jahren viel für diesen Einblick gegeben hätte. Heute finden sich solche Bilder bei eBay.

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