Zurzeit findet die Peking Auto Show statt. Der Blick nach China zeigt auch, wie sich unsere Welt innerhalb kurzer Zeit verändert hat! Das sorgt nebenbei dafür, dass der aktuelle Wochenrückblick sich nicht nur mit einem in Peking ausgestellten 400 PS starken Golf beschäftigt, sondern sich über etwas mehr als 25 Jahre erstreckt.

Geschichte passiert fortlaufend. Wir stecken alle mittendrin. Zugegeben, manchmal bemerkt man diese Veränderungen erst mit etwas Abstand. Vor uns hat keine Generation gegeben, die innerhalb so kurzer Zeit so viele Veränderungen erlebt hat. Nehmen wir mal die Zeitspanne, in der ich mit dem Auto unterwegs bin. Schließlich ist der Erwerb des eigenen Führerscheins für einen Auto-Blogger immer ein guter zeitlicher Referenzpunkt.

Damals war die Welt in zwei Blöcke geteilt, die sich in der Mitte eines geteilten Deutschlands gegenüberstanden. Für einen Norddeutschen wie mich endete die Welt in der Nähe von Lübeck. Je nach Betrachtungsweise lag die alte Hansestadt dabei vor oder hinter der Grenze. Was jetzt nicht nur mit der Rivalität meiner Holsteiner mit dem in der Hansestadt beheimateten ehemaligen Polizeisportverein zu tun hat.

Etwas weiter südlich als die Marzipanstadt, damals ebenfalls in der Nähe der Grenze angesiedelt, liegt Wolfsburg. Dort hatte erst ein Dutzend Jahre zuvor der Golf den Käfer abgelöst. Die zweite Generation des Golfs stand in der Blüte ihrer Laufzeit. VW entwickelte gerade etwas Markenbewusstsein, stattete den Golf seit kurzer Zeit mit einem VW-Zeichen auf dem Abschlussblech unter der Kofferraumhaube aus.

VW-Arbeiter, die damals mit der DM bezahlt wurden, nannten dieses Logo nach dem damaligen Vorstandsvorsitzenden Dr. Carl H. Hahn etwas despektierlich „Hahns Arschloch“. Hahn war zuvor als VW-Chef in den USA tätig und hatte 1982 den Vorstandsvorsitz übernommen. Es war keine einfache Zeit für VW. Von der heutigen Dominanz in Europa war das Unternehmen weit entfernt. Nur Audi und seit 1986 auch Seat gehörten damals schon zum Reich von Volkswagen.

VW hatte auch damals Visionen

Eine betraf den schlafenden Riesen in China. Denn eher als andere Unternehmen setzten die Wolfsburger auf Veränderungen in der Volksrepublik. Ab 1984 baute VW mit einheimischen Partnern im chinesischen Shanghai den Santana. In Deutschland wurde dieses Engagement oft belächelt. Schließlich war der Santana in Deutschland eher ein Flop und die Chinesen galten als das Volk der Fahrradfahrer.

Doch der Santana war Volkswagens Schlüssel zu einer neuen Welt. Denn mit dem Santana wurde Chinas Elite mobil und brach zu gewaltigen Veränderungen auf. Das wirkt nach und ist durchaus eine Parallele zum Wirtschaftswunder, als VW mit dem Käfer und dem Typ 2 die Massenmotorisierung einleitete. Die friedliche Revolution in Europa, die Lübeck und Wolfsburg ihre Grenzlage nahm, und die Einführung des Euros verblassen angesichts der dramatischen Veränderungen in China fast zu zaghaften Geschichtskorrekturen.

China dreht auf

Aus dem weitgehend abgeschlossenen China wurde innerhalb weniger Jahre ein Exportriese. „Dank“ eines fast unbegrenzten Heeres günstiger Arbeitskräfte überschwemmten die Chinesen den Rest der Welt mit billigen Produkten. Fatalerweise mit dem Effekt, dass das (gefühlte) Wohlstandsniveau selbst der Menschen zunimmt, deren Arbeitsplätze sich nach China verlagert haben. Denn vieles aus China ist so günstig, dass dadurch zuvor unerreichbare Produkte für Transferleistungsempfänger der westlichen Welt erschwinglich werden.

Mit den gutgefüllten Kassen gingen die Chinesen in den vergangenen Jahren gezielt auf Einkaufstour. Wurden, wie das Beispiel der Auslandsschulden der USA zeigt, zum Geldgeber der Welt. Sicherten sich geschickt den Zugriff auf Know-how und Rohstoffe. Das steigerte den Einfluss Chinas weiter. Inzwischen gibt es keine weltpolitischen Entscheidungen mehr ohne das Reich der Mitte. Eindrucksvoll, wie ein Land mit einem – formal immer noch – sozialistischen und autoritären Einparteiensystem den Kapitalismus mit den eigenen Waffen geschlagen hat.

Wer überleben will, muss das Spiel, das längst keins mehr ist, mitspielen. Volkswagen macht das seit Mitte der 1980er-Jahre mit einigem Erfolg. Kein Wunder, dass VW auch auf der aktuell laufenden Auto-Show von Peking groß auftrumpft. Mit der Studie Golf R 400 zum Beispiel. Straßentaugliche 400 PS hat es in einem VW Golf vom Werk noch nicht gegeben.

Auch wenn das Konzept des Golf R 400 etwas an den Audi TT quattro sport concept erinnert, klingt das schon reizvoll. Und dokumentiert eine weitere erstaunliche Veränderung. Denn als der Golf noch ein junger Hüpfer war, machte er auch mit 70 PS mächtig Eindruck. Heute sind dafür 400 PS notwendig. Da kommt schon die Frage auf, wo das noch hinführen soll.

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