Unter dem Stichwort Car-Net bündelt Volkswagen seine Apps und Online-Dienste. Damit bedienen die Wolfsburger einen aktuellen Mega-Trend. Schließlich gehört Konnektivität zurzeit zu den ganz heißen Themen der Autoindustrie. Doch was verbirgt sich eigentlich dahinter? Ich habe mir das einmal ausführlich angesehen.

Die Kopplung des Autos mit dem Mobiltelefon des Nutzers verspricht mehr als nur komfortables Telefonieren. Schließlich ist das Handy in der Tasche inzwischen meist ein Smartphone und als solches für Viele längst ein unverzichtbarer Alltagsbegleiter. Was nicht nur positiv ist. Schließlich wurde das Kunstwort „Smombie“ – zusammengesetzt für Smartphone und Zombie – im November 2015 zum Jugendwort des Jahres gekürt. Im Auto überwiegend die positiven Eigenschaften.

Smartphones sind flexibel und einfach zu bedienen

Trotzdem sind Smartphones eine Erfolgsgeschichte. Für den Erfolg der Geräte sind im Wesentlichen zwei Dinge verantwortlich. Einmal die Apps. Mit ihnen lässt sich der Funktionsumfang eines Smartphones flexibel erweitern. Genauso wichtig für den Durchbruch der Geräte waren ihre berührungsempfindlichen Bildschirme. Denn erst sie ermöglichen die Smartphone-Bedienung fast ohne Computer-Kenntnisse. Weil das (fast) jeder versteht und bedienen kann, setzten sich Smartphones so schnell durch.

Doch die Nutzung des Smartphones beim Fahren ist aus gutem Grund verboten. Damit sorgen längere Strecken schnell für Entzugserscheinungen. Diesen Widerspruch ist sich die Autoindustrie bewusst. Der Autobauer Ford wies deshalb vor einiger Zeit mit einer pfiffigen Werbekampagne daraufhin, dass das Auto eingehende Nachrichten vorlesen kann. Damit kann der Facebook- oder WhatsApp-Junkie auch während der Autofahrt am virtuellen Leben teilnehmen.

Das Smartphone kann mehr!

Auf der CES in Las Vegas präsentierten die Autohersteller Anfang Januar, wie sie sich die Zukunft der Konnektivität vorstellen. Die Messe im Wüstenstaat Nevada spielt schon länger eine tragende Rolle, wenn es um das Zusammenwachsen von Auto- und Computer-Technik geht. Matthias Wissmann, der Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), spricht im Zusammenhang von Computer-Technik und Autos gern von einer „Revolution im Auto“.

Und diese Revolution ist längst Gegenwart auf unseren Straßen. Im ersten Schritt digitalisierte die Autoindustrie die Fahrzeuge selbst. Mit von einem Computer gesteuerten Einspritzanlagen und Zündungen erreichen moderne Motoren ein Leistungsniveau, das vor ein paar Jahren echten Sportfahrzeugen vorbehalten war. Dazu sorgen Computer für mehr Sicherheit. Sie regeln inzwischen in vielen Fahrzeugen das Fahrwerk, verhindern das Blockieren der Bremsen oder leiten eine Notbremsung ein. Und mit der Integration des Smartphones in das Fahrzeug wachsen die Möglichkeiten.

Beim Fahren entstehen Daten

Denn abstrakt betrachtet entstehen beim Fahren Daten, die der Taschencomputer das Smartphone verarbeiten kann. Bei der dafür notwendigen Verbindung von Auto und Smartphone dominieren heute am Markt drei wichtige Verfahren. Die großen Autohersteller haben ihren Fahrzeugen inzwischen alle beigebracht. Aber ob MirrorLink, Android Auto oder CarPlay von Apple, das Grundprinzip ist im Kern das Gleiche. Um den Fahrer nicht mit der Bedienung und der Handhabung abzulenken, lassen sich Smartphone-Inhalte auf dem Bildschirm des Autos darstellen.

Gleichzeitig lassen Schnittstellen, die in beiden Richtungen funktionieren, die Steuerung der Smartphone-Funktionen mit Bedieninstrumenten des Autos zu. Die Bedienung des MP3-Players auf dem eigenen Smartphone über den Touchscreen des Navigationssystems oder die Nutzung des Smartphones als Navigationsgerät, das sich über ein Display im Fahrzeug steuern lässt, sind nur zwei kleine Beispiele für diese bidirektionale Kommunikation zwischen Smartphone und Auto.

Kommunikation mit dem Auto – das Auto macht die Musik

Ein weiteres Beispiel dafür, wie sich die Kopplung (technisch) nutzen lasst, ist die App „Sound Journey“ von Volkswagen. Sie setzt Fahrzeugdaten wie die aktuelle Drehzahl, Informationen zur Beschleunigung, die aktuelle Geschwindigkeit, den Status der Blinker oder Informationen zum Verkehrsraum (Stadt, Landstrasse, Autobahn) in Musik um. Das Auto wird damit beim Fahren zum Komponisten. Zugegeben, das ist eine Spielerei. Doch es zeigt – spielerisch – das ganze Spektrum der möglichen Kommunikation zwischen Auto und Smartphone.

Beispiel: Effizienzcoach „Think Blue. Trainer.“
Beispiel: Effizienzcoach „Think Blue. Trainer.“

Wobei – und das ist ein wichtiger Sicherheitsaspekt – das Smartphone bei Volkswagen nur lesend auf den primären Datenbus des Fahrzeugs, wo sensible Daten zur Fahrzeugsteuerung (Stellung von Gas- oder Bremspedal etc.) verfügbar sind, zugreifen kann. Ein Italo-Amerikanischer Wettbewerber rief erst vor ein paar Tagen zahlreiche seiner – in den USA – angebotenen Fahrzeuge in die Werkstätten zurück. Bei diesen Fahrzeugen ist – ohne Update – ein schreibender Zugriff auf den Datenbus des Fahrzeugs möglich. Also ist das Horrorszenario denkbar, dass über diese Lücke von außen ein Befehl ans Auto gegeben wird, zu beschleunigen.

Was ist das Volkswagen Car-Net?

Zum Volkswagen Car-Net gehören die Apps und Online-Dienste der Wolfsburger. Wobei sich diese Online-Dienste vier unterschiedlichen Teilbereichen zuordnen lassen:

  • Der Bereich Guide & Inform steht für die (inzwischen fast schon) klassischen autobezogenen Onlinedienste wie eine dynamische Routenführung. Sie bezieht bei Volkswagen aktuelle Verkehrsinfos in die Planung der Route ein und stellt die Routen auf Karten von Google-Earth dar. Wobei die Verkehrsinfos dabei nicht nur den Stau auf der Autobahn umfassen, sondern auch Infos zu freien Parkplätzen in der Innenstadt berücksichtigen, um die Parkplatzsuche zu vereinfachen und – nebenbei – den Verkehr in der Stadt zu reduzieren. Prädiktive Navigation nennen Fachleute dies.
  • Unter dem Stichwort e-Remote fasst Volkswagen seine Apps zusammen, die speziell für den Einsatz in Elektro- und Plug-In-Hybrid-Modellen entwickelt wurden. Mit ihnen kann der Fahrzeugbesitzer das Laden der Batterie steuern oder die Klimatisierung einschalten. Ebenso lassen sich Türen und die Kofferraumklappe öffnen oder der Standort des Fahrzeugs abfragen. Wobei bei Volkswagen aus Sicherheitsgründen ein sekundärer Datenbus zum Einsatz kommt, weil zum Einschalten von Funktionen natürlich auch ein schreibender Zugriff auf das Fahrzeug notwenig ist. Gerade in diesem Bereich kann die Apple Watch den Komfort für den Fahrer verbessern. Denn sie verlegt die Bedienschnittstelle zum Handgelenk des Volkswagen-Fahrers.
  • Als App Connect bezeichnen die Wolfsburger die Verbindung des Smartphones mit dem Auto, um beispielsweise Musik abzuspielen oder das Handy als Navigationsgerät einzusetzen. Die oben beschriebene App „Sound Journey“ gehört in diesen Bereich. Genauso wie Personalisierungsfunktionen, wenn das Car-Net die Verwaltung von Benutzerprofilen („Wer fährt das Auto und benötigt welche Einstellungen?“) ermöglicht. Aber auch der bekannte Effizienzcoach „Think Blue. Trainer.“, der das Fahrverhalten analysiert und Tipps zum Energiesparen gibt, stammt auch dem Bereich App Connect. Dieser Trainer nutzt spielerische Elemente (Gamifizierung), um das Fahrverhalten zu verbessern.
  • Der vierte Cluster Security & Service ist bisher überwiegend nur in den USA und in China verfügbar. Er bedient primär das Sicherheitsbedürfnis der Kunden. So lässt sich beispielsweise programmieren, wenn das Fahrzeug ein bestimmtes Gebiet verlässt oder eine bestimmte Geschwindigkeit überschreitet. Aber auch die Terminvereinbarung mit der Werkstatt lässt sich über eine App, die zum Angebot Security & Service gehört, vereinbaren.

Die Grenzen verschwimmen

Wobei eine strenge Trennung der Apps zu einem dieser Bereiche oft schwierig ist. Denn die Grenzen sind teilweise fließend. Die Möglichkeit, den Ladezustand seines VW Passat GTE über eine App zu kontrollieren, ist einleuchtend. Doch die Grundfunktion der Kontrolle ist kein Alleinstellungsmerkmal von Elektrofahrzeugen. Denn auch bei Verbrennern lässt sich heute aus der Ferne Ölstand, Tankinhalt oder Wischwasserstand kontrollieren. Und das Ergebnis in die Routenplanung für den am nächsten Tag geplanten Ausflug einbeziehen.

Standard im Car-Net ist die Wiedergabe von Musik
Standard ist die Wiedergabe von Musik

Für die Entwickler ist die Erweiterung der Möglichkeiten durch die Nutzung des Smartphones aber noch aus weiteren Gründen spannend. Denn Apps sind vergleichsweise einfach zu entwickeln und schnell verteilt. Zudem lassen sie sich durch Updates gut pflegen. Sei es, um Fehler zu beseitigen oder neue Funktionen anzubieten. Das sorgt für viel Flexibilität und hat nebenbei auch den Charakter einer „Marktforschung“. Denn wenn sich eine App bei den Kunden als Renner erweist, kann sie später direkt ins Fahrzeug einziehen.

Auftritt MIB – der modulare Infotainmentbaukasten als Herz des Car-Net

Technische Grundlage des Volkswagen Car-Net ist im Fahrzeug der modulare Infotainmentbaukasten. Der kurz MIB genannte Baukasten ist bei Neuvorstellungen wie dem Touran II oder dem neuen Tiguan bereits von Anfang an an Bord. In die anderen Volkswagen-Modelle – vom Polo, Beetle, Golf, Golf Sportsvan, Golf Cabriolet, Scirocco, Jetta, Passat und Passat Variant, CC oder Sharan – zieht der Baukasten im Zuge der Modellpflege sukzessive ein.

Mit dem Baukasten ist die Kopplung des Smartphones mit dem eigenen Fahrzeug auf vielen Wegen möglich. Es gibt die klassische Kabelverbindung über eine USB-Schnittstelle, genauso wie Kopplung über Bluetooth und WLAN. Wobei nicht alle Schnittstellen alle Funktionen ermöglichen. Besonders Bluetooth ist von der Konzeption her auf bestimmte Anwendungsfälle beschränkt.

Ortstermin in Wolfsburg
Ortstermin in Wolfsburg

Zudem regelt der Baukasten MIB den Datenzugriff. Der ist besonders im Bereich Guide & Inform notwendig. Denn nur mit frischen Daten lässt sich die günstigste Tankstelle auf dem Weg in die Routenplanung einbeziehen. Im Car-Net kann diese Aufgabe entweder das Smartphone oder – mithilfe einer weiteren SIM-Karte und der richtigen Ausstattung – das Fahrzeug übernehmen. Auch dies ein Beispiel für die bidirektionale Gestaltung der Kommunikation zwischen Fahrzeug und Smartphone.

Als Schnittstelle zum Anwender verbindet die Onlineplattform „Car-Net-Portal“ die Einzelbausteine des Car-Net von Volkswagen. Dort hat der Volkswagen-Fahrer Zugriff auf seine Daten. Wobei mich etwas wundert, dass der Zugriff auf die Startseite keine SSL-Verschlüsseung erfordert. Zudem findet der Nutzer hier Hinweise auf Neuerungen im Car-Net. Denn – das hat die kurze Geschichte des Smartphones immer wieder bewiesen – die Entwicklung im App-Bereich ist sehr dynamisch. Heutige Tipps sind in Kürze Hits und in ein paar Wochen schon Mainstream.

4 Kommentare

  1. Bei sowas frage ich mich immer, was würde ich einem Menschen antun der – durch diesen Technik-Overkill abgelenkt – mit seinem, mein Auto demolieren würde.
    Aber die Antwort auf diese Frage dürfte mich wohl wie einen 1-A-Muster-Psychopathen abstempeln. Darum lasse ich das lieber…

    Warum tut Vater Staat eigentlich nichts? Achja, die Firmen verdienen ja das Geld – und was ist schon wichtiger als die Wirtschaft?!
    Eigentlich sollte es eher eine Art Box in der Mittelkonsole geben wo das Smartphone rein muss damit überhaupt der Motor startet.
    Herrje, Leute es ist ein AUTO, kein HAUS. Und auch wenn beides 4 Buchstaben hat und ähnlich klingt muss ich eins nicht zum anderen machen.
    Ich bin ja kein Technik Feind, aber all diese Sachen in ein Auto zu implementieren sollte jedem vernunftbegabten Menschen erscheinen wie das Albtraumszenario schlechthin.

    • stinkestiefel Reply

      Ich sehe das etwas anders weil die Verbindung von Handy und Auto gerade verhindert, dass Du beim fahren abgelenkt wirst. Und die Nutzung von Smartphones als Navi ermöglicht auch Autofahrer mit weniger Geld eine komfortable Navigation. Denn Einbaugeräte rechnen sich doch nur bei Firmenwagen, wenn die Besitzer die Kosten von der Steuer absetzen können. Schließlich sind die Geräte schon beim Auslieferung veraltet. Mit dem Handy, das alle zwei Jahre ein neues Gerät ist, ist das echt günstiger.

    • Ich sehe da auch erstmal den Komfort. Denn vieles, was das Smartphone möglich macht, ist erstmal praktisch. Wobei es MIR zumindest nicht um Facebook und Co. geht. Ich bin da beim stinkestiefel auch eher bei Navigation und Co.

      • Sicher kann man sagen das es einen etwas weniger ablenkt.
        Aber nichts lenkt weniger ab als etwas das garnicht erst an Bord ist.
        Ich verstehe ja das heute alle „Up-to-date“ sein wollen. Woher dieser Trend kommt ist mir schleierhaft, genauso warum sich Menschen eigenständig der Technik untertan machen. Schonmal darüber nachgedacht warum heute alles „so schnell“ gehen muss?
        Wer nicht erreichbar ist, ist nicht erreichbar und so sollte es während der fahrt sein.
        Was das Navi angeht kann ich nur zustimmen. Einbaugeräte sind meistens überteuerter Müll mit Grafiken die jedes Smartphone besser könnte. Aber dann sollte auch das Smartphone NUR dafür benutzt werden…und das tut leider längst nicht jeder.

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