Vor ein paar Tagen veröffentlichte das Kraftfahrtbundesamt die Statistik der Neuzulassungen des Autojahres 2019. Mit 204.550 Exemplaren führt der VW Golf das Ranking an. Wieder einmal denkt der geneigte Autofreund. Denn seit Jahrzehnten führt der VW Golf die Hitliste der Neuzulassungen an. Doch dahinter verändert sich im Laufe der Jahre der Autogeschmack. Glauben Sie nicht? Dann vergleichen Sie einmal die Autojahre 1989 und 2019!

Hinter dem Golf ist praktisch nichts mehr, wie es vor 30 Jahren war. Wer heute an 1989 denkt, der erinnert sich natürlich zunächst an die große politische Wende. Die Demarkationslinie, die seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs Deutschland und Europa in Ost und West teilte, fiel. Es folgten Jahre, die im Rückblick rauschhaft wirken. Denn der Lebensstil des Westens drang mit Macht in Teile des ehemaligen Ostblocks vor.

Das galt besonders auf dem Automarkt!

Von den Marken des ehemaligen Ostblocks überlebten nur Dacia, Lada und Skoda. Doch bei ihnen haben längst westliche Autobauer das Sagen. Barkas, Trabant und Wartburg aus der damaligen „DDR“ verschwanden vollständig. FSO („Fabryka Samochodów Osobowych“) scheiterte ebenfalls. Obwohl der polnische Autobauer mithilfe von Partnern wie Daewoo und General Motors immerhin bis 2011 durchhielt. Fünf Jahre zuvor ging auch Moskwitsch Pleite. Tatra und Wolga bauen nur noch Nutzfahrzeuge.

Denn wer im ehemaligen Ostblock es sich leisten konnte, der kaufte nach 1989 ein Auto aus dem Westen. Dort führte auch 1989 der Golf die Zulassungslisten an. In der damaligen Bundesrepublik und West Berlin zählten die Statistiker vom KBA 1989 satte 321.827 neue VW Golf. Damit kam der Golf 1989 auf einen Marktanteil von mehr als elf Prozent. So eine Dominanz ist heute praktisch nicht mehr vorstellbar.

1989 war Opel auch als Zweiter eine Macht!

Insgesamt brachte die Autoindustrie vor 30 Jahren 2,8 Millionen Neuwagen in West-Deutschland und -Berlin auf die Straße. Jedes Zehnte davon war damals ein VW Golf. Der Vorsprung des Wolfsburgers auf den Opel Kadett als Zweiten lag bei mehr als 100.000 Stück. Heute kann Opel von solchen Zahlen nur noch träumen. Zumal Opel-Kunden vor 30 Jahren auch noch 116.192 neue Vectra erstmals anmeldeten. Insgesamt kamen 1989 rund 402.000 neue Opel erstmals auf die Straßen der alten Bundesrepublik. Damit erreichte Opel einen Marktanteil von 14,28 Prozent!


Neuzulassungen 1989Veränderung
im Vergleich zum Vorjahr
Marktanteil
VW Golf321.827-7,15 %11,36 %
Opel Kadett214.528-5,28 %7,58 %
VW Passat155.83528,28 %5,50 %
Mercedes W 124133.245-14,34 %4,71 %
Opel Vectra116.192592,86 %4,10 %
Audi 80, 90113.688-16,71 %4,01 %
Ford Escort82.686-2,56 %2,92 %
Ford Fiesta79.94011,97 %2,82 %
Ford Sierra75.519-6,10 %2,67 %
VW Polo65.322-15,55 %2,31 %
Gesamtmarkt2.831.740
Anteil der Top Ten:
1.358.782 (= 47,98%)

Davon können die Verantwortlichen in Rüsselsheim heute nur noch träumen. 2019 erreichten sie nur noch einen Marktanteil von sechs Prozent. Heute kommt nur noch der Opel Corsa auf einem der ersten zehn Plätze ins Ziel. Der Corsa erreicht einen Anteil von 1,4 Prozent am Gesamtmarkt. An dieser Stelle wird der Bedeutungsverlust des Rüsselsheimer Autobauers, der inzwischen zu Peugeot gehört, besonders schmerzhaft deutlich.

Damals wie heute an der Spitze der VW Golf!

Im wiedervereinigten Deutschland des Jahres 2019 brachten die Autobauer mehr als 3,6 Millionen neue Autos erstmals auf die Straße. Damit ist der Markt heute deutlich größer als vor 30 Jahren, als der Gesamtmarkt „nur“ ein Volumen von 2,8 Millionen Stück umfasste. Obwohl Volkswagen fast ein Drittel weniger Golf pro Jahr unterbringt als 1989, führt der Golf die Charts weiter bequem an.

204.550 neue Golf erhielten 2019 in Deutschland erstmals in Nummernschild. Das entspricht „nur“ noch einem Marktanteil von 5,7 Prozent. Trotzdem bewahrte der VW Golf seine Spitzenposition, führt wie 1989 auch 2019 die Hitliste der Neuzulassungen souverän an. Das beeindruckt auch, weil im vergangenen Jahr beim Golf ein Modellwechsel stattfand. Erfahrungsgemäß führt ein Modellwechsel dazu, dass Kunden den Neukauf hinausschieben, um das neue Modell zu fahren.


Neuzulassungen 2019Veränderung
im Vergleich zum Vorjahr
Anteil am Gesamtmarkt
VW Golf204.550-3,35,7 %
VW Tiguan87.77117,42,4 %
Mercedes C-KLASSE64.4032,61,8 %
VW Polo61.286-13,11,7 %
VW Passat59.322-15,31,6 %
VW T-ROC58.89866,91,6 %
Ford Focus58.26118,21,6 %
Skoda Octavia55.210-5,51,5 %
Opel Corsa51.7088,11,4 %
Audi A4, S4, RS450.740-4,91,4 %
Gesamtmarkt
3.607.258
Anteil der Top Ten:
752.149 (=20,85%)

Heute ist also „Nur“ noch jeder 20. Neuwagen ein Golf. Doch trotz dieser Verluste baute Volkswagen seine Position insgesamt im Laufe der Jahre sogar noch aus. Denn wo vor 30 Jahren der Opel Kadett den zweiten Platz belegte, glänzt heute der VW Tiguan. Auf den Plätzen vier, fünf und sechs kommen weitere VW unter die ersten Zehn der Autocharts. Auf den Plätzen macht und zehn folgen der Skoda Octavia und der Audi A4. Damit stammen sieben der ersten zehn Fahrzeuge in der Zulassungsstatistik aus dem VW-Konzern.

So eine breite Dominanz war vor 30 Jahren nicht vorhersehbar. Obwohl auch 1989 neben dem Golf schon der VW Polo, der VW Passat und der A4-Vorgänger Audi 80 aus dem VW-Konzern stammten. Doch damals brachten Ford drei und Opel zwei Modelle unter die besten Zehn. Beide bringen heute nur noch mit jeweils ein Modell in die Spitzengruppe der Zulassungsstatistik. Womit mit Ford auch der zweite Verlierer feststeht.

Denn vor 30 Jahren brachte Ford die Modelle Escort, Fiesta und Sierra auf den Plätzen sieben, acht und neun ins Ziel. Heute befindet sich unter den ersten zehn nur noch der Escort-Nachfolger Focus. Gerüchte, dass der US-Autobauer Ford sich von seinem Europageschäft verabschieden möchte, lassen Schlimmes befürchten. Obwohl Ford Europa mit dem Focus jüngst ein kleines Comeback und Achtungserfolg gelang.

Der Markt ist breiter als vor 30 Jahren!

Das Erste, was auffällt, sind die SUV. Diese Fahrzeuggattung war vor 30 Jahren noch völlig unbekannt. Mit dem Tiguan und dem T-ROC sind heute zwei der besten Zehn der Neuzulassungen SUV. Und es gibt Marktbeobachter, die vorhersagen, dass diese Entwicklung noch nicht zu Ende ist. Denn der Ford Kuga verpasste den Sprung auf Platz zehn nur um knapp 1.100 Exemplare.

Das zeigt die zweite große Veränderung, der Markt ist heute viel bunter als vor 30 Jahren. Denn 1989 entfielen auf die Autos auf den ersten zehn Plätzen der Zulassungsstatistik fast 48 Prozent des Gesamtmarkts. Heute kommen die Fahrzeuge auf den Plätzen eins bis zehn nur auf einen Marktanteil von weniger als 21 Prozent. Die Zeiten, wo ganze Straßenzüge das gleiche Auto fuhren, sind vorbei. Den Einheitsbrei von 1989 verdrängte die Vielfalt des Jahres 2019. Nur der VW Golf, der dreht unberührt seine Runden.

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